Gespräche mit Experten aus der Wirtschaft und Wissenschaft

In der vz news erscheinen regelmässig Interviews mit Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Soll das Rentenalter erhöht werden? Werden die Jüngeren um ihre Renten beklaut? Warum stehen Broker in einem Interessenkonflikt? Im Gespräch werden Themen behandelt und Fragen beantwortet, die die Schweizerinnen und Schweizer bewegen.

Meinungen

"Freie Wahl der Pensionskasse: eine gute Idee?"

Unser Vorsorgesystem sei nicht mehr zeitgemäss, sagt Jérôme Cosandey, Forschungsleiter bei Avenir Suisse. Wenn es nach ihm ginge, dürfte man seine Pensionskasse frei wählen. Das steckt hinter dieser Idee.

Herr Cosandey, Sie machen sich für die freie Wahl der Pensionskasse stark. Wie ernst ist es Ihnen mit dieser radikalen Reform?

Der Vorschlag ist richtig und wichtig, auch wenn er sich nicht von heute auf morgen umsetzen lässt. Und wegen der Folgen der Pandemie haben wir momentan andere Prioritäten. Trotzdem müssen wir uns damit befassen.

Warum sollen wir das tun?

Unsere Vorsorge ist in den 1970er-Jahren stehen geblieben. Die Lebensläufe haben sich aber stark individualisiert. Wir wechseln öfter den Job, arbeiten Teilzeit oder selbstständig und sind bei mehreren Arbeitgebern angestellt. Die Jüngeren wollen mehr Flexibilität und Mitsprache.

Wie soll das funktionieren?

Heute haben wir ein komplexes Business-to-Business-Modell. Mit der Wahlfreiheit muss sich die Vorsorge mehr an den Konsumenten ausrichten In meinem Vorschlag bleiben die Risiken Tod und Invalidität kollektiv versichert, und die Definition der Leistungen und Sparbeiträge bleibt bei den Sozialpartnern. Neu sollen wir aber entscheiden dürfen, von wem und wie unser Geld verwaltet wird.

Was heisst das konkret?

Wir bestimmen die Anlagestrategie selbst – auf der Basis unseres Risikoappetits, unseres Anlagehorizonts und unserer Präferenzen für ökologische oder ethische Standards. 25-Jährige haben einen längeren Anlagehorizont als 60-Jährige und können mehr in Aktien investieren. Klar: Das Anlagerisiko tragen wir selbst. Das ist ein Nachteil. Dafür können wir von den Chancen an den Aktienmärkten profitieren. Das Gleiche wird übrigens schon mit den sogenannten 1e-Plänen gemacht. Diese Lösung kam aus der Finanzbranche, weil die Politik nichts gegen die Umverteilung in der zweiten Säule unternimmt.

Würde uns das nicht überfordern?

Wir werden uns besser informieren müssen. Heute tun wir das nicht, weil wir wissen, dass wir nichts beeinflussen können. In Zukunft sollten wir uns mehr zutrauen!

Löst Ihr Vorschlag die Probleme der Altersvorsorge?

Er ändert nichts an den zu hohen Umwandlungssätzen. Die Wahlfreiheit wäre aber eine Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung und würde die Mitarbeitenden bei einer Teilliquidation einer Pensionskasse besser schützen. Zudem würde sie den Wettbewerb unter den Pensionskassen beleben. Fairerweise muss man sagen, dass dadurch die Ausgaben für Marketing, Beratung und Vertrieb steigen würden. Aber es würde auch zu einer Konsolidierung der Branche und somit zu Skaleneffekten führen. Nach unseren Schätzungen wären damit jährliche Einsparungen bei den (Vermögens-)Verwaltungskosten von 800 Millionen Franken möglich.

Zur Person

Jérôme Cosandey arbeitet seit 2011 beim liberalen Thinktank Avenir Suisse, wo er den Bereich Finanzierbare Sozialpolitik leitet. Er studierte Maschinenbau an der ETH Zürich und arbeitete bei der Boston Consulting Group und der UBS. Zudem absolvierte er einen Master in internationaler Wirtschaftsgeschichte.

Meinungen

"Babyboomer erfinden das Alter neu"

Die geburtenstarke Generation der Nachkriegszeit geht mit einem neuen Selbstverständnis in Pension, sagt die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin der Universität Bern.

Frau Perrig-Chiello, was ist Ihre Meinung als Forscherin: Ab wann soll man an seine Pensionierung denken?

Am besten schon zwischen 40 und 50. Der Lebensstil in diesen Jahren ist entscheidend. Und freuen Sie sich darauf: Den meisten geht es nach der Pensionierung ziemlich gut!

Wie meinen Sie das?

Studien zeigen, dass das Wohlbefinden einen u-förmigen Verlauf hat: In jungen Jahren ist die Lebenszufriedenheit hoch, in den mittleren Jahren nimmt sie aber ab. Kinder, Job, Trennungen – in dieser Zeit ist der Stress mit den vielen beruflichen und privaten Rollen gross. Mit zunehmendem Alter steigt die Kurve wieder. Das überrascht nicht.

Warum ist das keine Überraschung?

Mit der Lebenserfahrung nimmt auch die Gelassenheit zu. Zudem haben Babyboomer das Alter neu erfunden. Mit ihnen geht eine Generation in Rente, die gesünder und jünger ist als jede zuvor. Noch vor hundert Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung keine 50 Jahre, 60-Jährige galten als Greise. Heute sind die 60- bis 75-Jährigen "junge Alte".

Woran zeigt sich das?

Babyboomer gehen selbstbewusster und kritischer ins Alter als frühere Generationen. Ein Beispiel? Viele zeigen Produkten die kalter Schulter, die penetrant auf jugendlich gemacht sind oder sich Best Agern plump anbiedern. Bei uns sind viele materiell abgesichert, einigermassen gesund und bereit, Neues anzufangen. Weil sie so zahlreich sind, haben sie politisch ein Gewicht, und mit ihrer Kaufkraft haben sie wirtschaftlichen Einfluss.

Wie gehen "junge Alte" in Pension?

Forschungsresultate legen vier Grundmuster nahe. Rund jeder Fünfte arbeitet weiter. Das sind gut ausgebildete oder selbstständige Leute. Und auch viele, die finanziell darauf angewiesen sind – vor allem Frauen. Eine weitere Gruppe hört ganz auf, weil sie körperlich hart gearbeitet hat. Dann gibt es jene, die ein neues Betätigungsfeld suchen und sich sozial engagieren, zum Beispiel in Vereinen. In der Schweiz leisten die 65- bis 75-Jährigen am meisten informelle Freiwilligenarbeit. Eine weitere Gruppe will Dinge nachholen, die während der Berufstätigkeit zu kurz gekommen sind: Familie, Reisen, Neues ausprobieren.

Ist ein starres Pensionierungsalter angesichts dieser Vielfalt sinnvoll?

Altersgrenzen haben in unserer Gesellschaft an Bedeutung verloren. Darum scheint mir ein gleitendes Rentenalter sinnvoll. Für einige kann es gut sein, ihr Pensum früher zu reduzieren. Weil wir aber länger in guter Gesundheit leben, dürfte die Mehrheit künftig länger arbeiten können, wollen – oder müssen.

Zur Person

Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello ist 67 Jahre alt. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein Enkelkind. Die Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin war von 2003 bis 2016 Honorarprofessorin an der Universität Bern. Dort ist sie noch heute als Präsidentin der Seniorenuniversität tätig.

Meinungen

"Courtagen sind heikel und intransparent"

Werner Rüedi Chefredaktor der "Schweizer Versicherung"

Herr Rüedi, Vermittler von Versicherungen stehen seit Jahren in der Kritik. Warum?

Ein Versicherungsbroker erhält für die Vermittlung von Produkten eine
Provision oder Courtage. Doch das ist heikel, weil es zu Interessenkonflikten führen kann.

Was heisst das für KMU?

KMU bekommen nicht unbedingt die Lösung, die am besten passt, sondern jene, die dem Vermittler die höchste Courtage einbringt. Das ist intransparent und verursacht unnötige Kosten. Besonders störend sind wiederkehrende Entschädigungen, die während der gesamten Laufzeit eines Vertrags anfallen.

Gibt es Alternativen?

Man muss verstehen, dass eine gute Beratung ihren Preis hat. Und diesen
Preis muss man aushandeln. Ein KMU kann eine Pauschale vereinbaren
oder je nach Komplexität der Beratung ein Honorar. Der Vorteil: Im Fokus steht nicht mehr die Vermittlung von Produkten, sondern
die Kompetenz, passende Lösungen zu finden.

Meinungen

Ein höheres Rentenalter ist überfällig

Für die meisten Politikerinnen und Politiker ist das starre Pensionierungsalter von 64/65 ein Tabu. Aymo Brunetti, ehemaliger Chefökonom des Bundes, kritisiert die aktuelle Rentenpolitik.

Herr Brunetti, wagen Sie eine Prognose: Was werden wir über unser Vorsorgesystem sagen, wenn wir 2035 zurückblicken?

Wir werden den Kopf schütteln und uns fragen, warum wir so lange gebraucht haben, um ein Tabu zu brechen: nämlich das fixe Rentenalter von 64/65 endlich aufzugeben.

Was macht Sie so sicher, dass wir in 15 Jahren länger arbeiten?

Wir haben keine Wahl. Und wir haben keine Zeit mehr, denn dieser Schritt ist überfällig. Jeder vernünftige Mensch sieht das ein.

Was meinen Sie konkret?

Mit den Babyboomern erreicht in den nächsten zehn Jahren fast eine Million Menschen das Rentenalter. Ohne eine wirkungsvolle Reform wird die AHV Schulden in Milliardenhöhe anhäufen, und die unerwünschte Umverteilung von Jung zu Alt wird sich weiter verschärfen.

Handkehrum rückt doch auch eine Generation nach, die in unser Vorsorgesystem einzahlt ...

Ja, aber das reicht niemals, um die Renten zu sichern. Im heutigen System ist etwas Entscheidendes dynamisch, nämlich die Lebenserwartung. Und etwas anderes, ebenso Entscheidendes, ist starr: das Rentenalter. Das ist ein Konstruktionsfehler. Bleibt das Rentenalter weiterhin unangetastet, wird jedes zusätzliche Jahr Lebenserwartung zu einem zusätzlichen Jahr Freizeit – bezahlt durch die nächste Generation. Das ist unhaltbar!

Politisch hat das Thema einen schweren Stand.

Das ist leider so. Für Politikerinnen und Politiker ist es sehr unpopulär, daran zu rühren. Darum gibt es nur Minireformen, die kaum etwas verändern. Eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters und die Anpassung an die Lebenserwartung würden den Konstruktionsfehler beheben.

Warum ist das so?

Weil wir länger Beiträge einzahlen und dieses Geld später beziehen. Das würde auch die Probleme der Pensionskassen entschärfen. Solange das Rentenalter starr bleibt, müssen wir den Umwandlungssatz immer weiter senken – die Renten nehmen laufend ab. Mit der Erhöhung des Rentenalters können wir weitere drastische Rentenkürzungen abwenden.

Das fixe Pensionierungsalter hat aber auch Vorteile: Es gibt ein klares Ziel im Leben vor, und man weiss genau, wie viel Rente danach fliesst …

Das starre Rentenalter wird immer mehr zum Auslaufmodell. Flexible Modelle entsprechen den Bedürfnissen vieler Schweizerinnen und Schweizer besser. Zur Budgetsicherheit: Das Argument greift nicht. Volle Budgetsicherheit haben wir auch, wenn wir länger erwerbstätig bleiben. Wer Budgetsicherheit wünscht, muss erkennen: Nur wenn wir das Rentenalter erhöhen, sind unsere Renten langfristig noch wirklich sicher.

Meinungen

"Kaderleute wollen selbst entscheiden"

Herr Eggenberger, geht es in einer erfolgreichen Karriere immer aufwärts?

Nein. Immer mehr Kaderleute machen eine "Bogenkarriere": Sie reduzieren in den Jahren vor der Pensionierung ihr Arbeitspensum, geben freiwillig Verantwortung ab und verdienen weniger.

Damit verschlechtert sich auch die Rente …

Man muss sich rechtzeitig mit seiner Vorsorge auseinandersetzen, wenn jeder Karriereschritt finanziell tragbar und steuergünstig sein soll. Oft hilft es, wenn man seine Vorsorge in einen Basis- und einen Zusatztopf aufteilt.

Warum ist das so?

Mit zwei Töpfen können Kader die Pensionskasse stärker auf ihre Bedürfnisse abstimmen. Für einen Teil können sie ihre Sparquote selber festlegen und bei der Anlagestrategie mitreden sowie den Bezug der Ersparnisse zeitlich staffeln. Das ist wichtig, weil Kader selbst entscheiden wollen, was für sie besser ist: früher aufzuhören, sich selbstständig zu machen oder länger erwerbstätig zu bleiben.

Meinungen

"Schleichender Diebstahl bei den Renten"

Jüngere Schweizerinnen und Schweizer sollten sich freuen, wenn das Rentenniveau sinkt, sagt Wirtschaftsjournalist Markus Städeli. Hier erklärt der 45-Jährige, warum er das denkt.

Herr Städeli, in einer Kolumne schrieben Sie kürzlich: "Je tiefer der Umwandlungssatz, desto besser!" Wollen Sie damit alle provozieren, die vor der Pensionierung stehen?

Überhaupt nicht! Ich spreche die Generation unter 50 an. Je schneller und deutlicher der Umwandlungssatz sinkt, desto besser werden wir Jüngeren im Alter leben.

Warum glauben Sie das?

Vom Ertrag auf meinen Ersparnissen wird weniger abgezwackt, um den Lebensabend der älteren Generation zu subventionieren, wenn ihre Guthaben mit einem tieferen Satz in Renten umgewandelt werden. 

Sie kritisieren die Umverteilung von Jung zu Alt.

Dieser Rentenklau ist unfair! Ein toxischer Mix aus tiefen Zinsen, steigender Lebenserwartung und unrealistisch frühem Pensionierungsalter mit 64 oder 65 Jahren führt dazu, dass seit Jahren Milliarden von den Aktiven zu den Pensionierten umverteilt werden. In meinem Pensionskassen- Ausweis wird nicht aufgeschlüsselt, wie viel Geld ich dadurch verliere. Dieser Diebstahl geschieht nämlich schleichend, indem die Ersparnisse einfach tiefer verzinst werden. Damit wird der Zinseszinseffekt praktisch ausgehebelt, und Jüngere werden so um grosse Summen betrogen.

Können Sie ein Beispiel machen?

Wer 200'000 Franken angespart hat, wird bei seiner Pensionierung in 20 Jahren etwa 360'000 Franken zur Verfügung haben, wenn sein Geld mit 3 Prozent verzinst wird. Bei 1 Prozent sind es nur knapp 245'000 Franken. Das ist fast ein Drittel weniger. Dieses Geld fehlt im Alter.

Was raten Sie Berufstätigen, die erst in einigen Jahren in Pension gehen?

Sie müssen die Augen öffnen und im Pensionskassen-Ausweis verfolgen, wie sich ihre Ersparnisse entwickeln und wie sie verzinst werden. Die prognostizierte Rente ist zum heutigen Zeitpunkt hingegen reine Spekulation, denn in Zukunft dürften wir zum Beispiel deutlich länger arbeiten als bis 64 oder 65. Auch ist es unwahrscheinlich, dass Jüngere bis zur Pensionierung beim gleichen Arbeitgeber bleiben. Sollte der Umwandlungssatz bei ihrer Pensionierung "lausig" sein, müssen sie prüfen, wie viel sie als Kapital beziehen können – und sich dann um die Vermehrung ihres Geldes kümmern. Klar ist auch: Wer kann, sollte früh damit beginnen, eine dritte Säule aufzubauen.

Auf dem 3a-Konto gibt es aber auch fast keinen Zins mehr …

Das stimmt. Statt mit dem 3a- Konto kann man heute mit Wertschriften sparen, etwa mit günstigen ETF und Indexfonds. Das ist sinnvoll. Denn wer Geld langfristig auf die Seite legt, kann mehr Risiken eingehen und so die Rendite verbessern.

Meinungen

"Rentenalter 67 für alle – das kann sich bei uns fast niemand vorstellen"

Wir wollen den Fünfer und das Weggli, sagt Patrick Rohr zur aktuellen Rentendebatte. Der ehemalige TV-Moderator erklärt, warum er wohl nicht mit 65 in Pension gehen wird, obwohl er gut vorgesorgt hat.

Herr Rohr, unsere Renten wackeln. Macht Ihnen das Sorgen?

Nein. Ich sorge mich eher um die Jüngeren – sie trifft es härter. Mich irritiert, wie hartnäckig wir am Rentenalter 65 festhalten, obwohl wir immer älter werden. Gleichzeitig empört man sich darüber, dass die Renten schrumpfen. Das ist ein Widerspruch. In der Schweiz wollen wir am liebsten den Fünfer und das Weggli. Die Zahl 65 ist eine heilige Kuh. 

Vielleicht schätzen Sie diese heilige Kuh auch, wenn Sie 65 sind …

(lacht) Kann sein! Ich bin vielleicht privilegiert, denn meine Arbeit ist mein Leben. Deshalb kann ich mir heute nur schwer vorstellen, mit 65 in Pension zu gehen. Ich lebe etwa zur Hälfte in den
Niederlanden. Dort wurde fast diskussionslos akzeptiert, dass das Rentenalter künftig auf 67 steigen wird. Im Vergleich dazu empfinde ich die Schweiz als konservativ.

Wie sorgen Sie vor?

Ich habe schon mit 32 angefangen, in die dritte Säule einzuzahlen. Seit zehn Jahren leite ich meine eigene Firma. Als Unternehmer kann ich mehr in meine Pensionskasse einzahlen, und diese Möglichkeit schöpfe ich aus.

Und Ihre Angestellten?

Sie haben diese Möglichkeit auch. Das führt manchmal zu Diskussionen. Die Jüngeren möchten lieber mehr Lohn, als höhere Sparbeiträge einzuzahlen. Sie verstehen aber, dass sie sich dafür im Alter mehr leisten können. Sie reisen als Fotoreporter in Krisenregionen.

Was halten Ihre Liebsten davon?

Sie unterstützen mich, weil sie wissen, wie wichtig das für mich ist. Manchmal machen sie sich Sorgen, dass mir etwas zustösst. Mein Partner reist auch viel, darum haben wir uns gegenseitig so gut wie möglich abgesichert. Unsere Partnerschaft haben wir schon vor Jahren eintragen lassen. Jetzt haben wir auch ein Testament und eine Patientenverfügung gemacht und den Vorsorgeauftrag
ausgefüllt – man weiss ja nie. Wenn ich einmal nicht mehr selbst entscheiden kann, möchte ich, dass ein vertrauter Mensch für mich das Heft in die Hand nimmt.

Wie hat Sie das Reisen verändert?

An den meisten Orten sind die Menschen viel entspannter, wenn es um eine Zukunft geht, die noch Jahrzehnte entfernt ist. Die Frage, ob sie im Alter genug Geld haben werden, beschäftigt sie nicht so stark wie uns. Das wurde mir erst auf meinen Reisen bewusst. Seither versuche ich, intensiver im Hier und Jetzt zu leben. Sie sind Berater im Bereich Kommunikation.

Wann fühlen Sie sich gut beraten?

Wenn der Berater ehrlich ist und alle Fakten auf den Tisch legt. Ich werde misstrauisch, wenn ich das Gefühl habe, dass man mir ein Produkt andrehen will. Ich möchte als Individuum wahrgenommen werden – und ich möchte Lösungen für meine ganz persönliche Lebenssituation.

Meinungen

Tiefere Hauspreise wegen Babyboomern?

Bei vermieteten Mehrfamilienhäusern nehmen die Marktrisiken zu. Warum das so ist, erklärt Peter Ilg, Leiter des Swiss Real Estate Institute, im Gespräch mit den vz news.

Herr Ilg, als Wissenschaftler sind Sie am Puls des Immobilienmarkts: Zeichnet sich eine Blase ab?

Die Nachfrage nach Wohneigentum ist wieder etwas grösser als das Angebot. Darum dürften die Preise in den nächsten zwei, drei Jahren noch leicht steigen. Eine Blase erwarte ich in diesem Segment allerdings nicht: Investoren wie Generalunternehmer nehmen den Bau von Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen erst dann in Angriff, wenn sie die Hälfte ab Plan verkauft haben. Das schützt den Eigenheimmarkt vor einer Überproduktion.

Greift dieser Mechanismus auch bei den Mietobjekten?

Nein, hier nehmen die Risiken zu. Mietwohnungen werden in der Regel ja nicht ab Plan vermietet. Mehrfamilienhäuser werden meistens in der Hoffnung gebaut, später die passenden Mieter zu finden. Das führt aktuell zu einer Überproduktion.

Was passiert, wenn die Wohnungsmieten fallen und die Hypothekarzinsensteigen?

Dann reduziert sich der Bankwert dieser Mehrfamilienhäuser. Das kann dazu führen, dass die Hypothek über 80 Prozent des neuen Bankwerts ausmacht, auch wenn die Liegenschaften vorher nur mit einer ersten Hypothek belehnt waren. In so einer Situation muss man die Hypothek schnell amortisieren. Darum sollten Eigentümer schon heute Massnahmen treffen – zum Beispiel, indem sie genügend liquide Reserven bilden.

Müssen Eigenheimbesitzer damit rechnen, dass ihre Liegenschaften in Zukunft an Wert verlieren?

Kurzfristig eher nicht. Allerdings geht die Generation der Babyboomer jetzt in Pension. Die Erfahrung zeigt, dass sehr viele ihr Eigenheim ab 70 verkaufen – vor allem, weil es zu gross und zu umständlich wird. Mit 75 verkaufen die ersten ihre Eigentumswohnung. Ab 2025 werden darum mehr Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen auf den Markt kommen. Das steigende Angebot dürfte die Preise künftig eher etwas drücken.

Meinungen

Bogenkarriere: Neustart statt Burn-out

Bogenkarriere: Neustart statt Burn-out

Oft ist es sinnvoll, im letzten Berufsabschnitt weniger zu arbeiten und Verantwortung abzugeben. Marlène Honegger war Personalchefin des Migros-Genossenschafts-Bunds. Sie erklärt, warum das so ist.

Frau Honegger, vor ein paar Jahren haben Sie als Personalchefinder Migros die "Bogenkarriere" eingeführt: Was war der Auslöser?

Es war höchste Zeit, umzudenken. Viele meinen, dass es für eine Karriere nur eine Richtung gibt: nach oben. Das ist falsch und passt nicht in unsere Zeit. Heute muss man auf das Alter hin flexible Arbeitsmodelle anbieten

Eine Bogenkarriere ist flexibler?

Ja: Weil sie zulässt, dass man einen Gang zurückschalten darf. Es ist keine Schande, sondern eine Chance, vor 64/65 einen Teil der Verantwortung abzugeben, das Pensum zu reduzieren und weniger zu verdienen.

Das haben noch nicht alle verstanden. Warum ist das eine Chance?

Weil man länger fit und motiviert bleibt und mehr Zeit für die Familie und das Leben ausserhalb der Arbeit gewinnt. Viele Menschen wünschen sich im letzten Berufsabschnitt eine Veränderung weil die Energie weniger wird, oder weil sie andere Aufgaben oder Fachverantwortung übernehmen möchten. Viele haben Angst, das zu sagen. Sie fürchten um ihre Stelle und den Status, der damit verbunden ist.  Das ist unnötig, denn auch Arbeitgeber profitieren von Bogenkarrieren.

Was ist der Vorteil für Arbeitgeber?

Die Erfahrung zeigt: Wer sein Pensum langsam reduziert, arbeitet eher über das AHV-Alter hinaus. So können Unternehmen ältere Angestellte mit ihrem wertvollen Knowhow halten. Das ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, weil in Zukunft überall qualifizierte Fachkräfte fehlen werden. Sie haben Ihr Pensum vor Jahren reduziert und hören jetzt ganz auf.

Damit verschlechtert sich Ihre Rente deutlich …

Mir war es immer wichtig, finanziell unabhängig zu sein. Darum habe ich diesen Schritt hundert Mal durchgerechnet. Ich profitiere von guten Leistungen unserer Pensionskasse. Trotzdem ist dieser Schritt nur möglich, weil ich seit Jahren freiwillig in die Pensionskasse einzahle und eine dritte Säule aufgebaut habe. Zusätzlich schaue ich jetzt das eine oder andere Beratungsmandat an. So bleibe ich im Arbeitsleben, kann mein Wissen weitergeben und noch etwas dazuverdienen.

Ist eine Bogenkarriere nur etwas für Kaderleute?

Für sie ist es auf jeden Fall einfacher. Bei der Migros haben wir aber
festgestellt, dass das auch mit anderen Funktionen geht, wenn man den Mitarbeitenden die Möglichkeit bietet. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen schon früh die Idee mit sich tragen, in den Jahren vor der Pensionierung kürzerzutreten oder etwas anderes zu machen – bewusst oder unbewusst. Oft sind es genau diese Menschen, die für die Zeit nach dem Berufsleben besser vorsorgen.

Zur Person

Marlène Honegger, 59 Jahre, hat Psychologie studiert und, sich in Personalmanagement, Gesprächspsychotherapie und Unternehmensführung weitergebildet. Von 2006 bis 2018 war sie Personalchefin des Migros-Genossenschafts-Bunds, von 2018 bis 2019 leitete sie die Direktion HR Management der Migros-Gruppe.

Meinungen

Enorme Umverteilung von Jung zu Alt

Josef Bachmann

Die zweite Säule sei in Schieflage geraten, sagt Josef Bachmann, der ehemalige Geschäftsführer der Pensionskasse von PwC. Das sei ein Problem, über das wir dringend reden müssten.

Herr Bachmann, Sie haben lange, eine Pensionskasse geleitet. Wann war für Sie der richtige Zeitpunkt, in Pension zu gehen?

Ich habe mich vorzeitig pensionieren lassen – mit 67 Jahren.

Was heisst vorzeitig – Sie haben länger gearbeitet?

Das sehe ich anders. Das Gesetz über die berufliche Vorsorge trat 1985 in Kraft. In den knapp 35 Jahren seither ist die Lebenserwartung um fünf Jahre gestiegen. Folglich sollten wir heute bis 70 arbeiten. Gleichzeitig wurden die Spielregeln schleichend geändert. Das hat die zweite Säule in Schieflage gebracht.

Was meinen Sie konkret?

Die Pensionskassen funktionieren so, dass jede erwerbstätige Person mit ihrem Arbeitgeber das Kapital für ihre Rente selbst finanziert. Doch das so angesparte Geld reicht heute nicht mehr. Weil wir länger leben, müssen die Renten immer länger ausbezahlt werden. Und wegen der tiefen Renditen wächst das Vorsorgekapital langsamer als geplant. Die Rentenversprechen waren immer zu hoch, darum müssen wir laufend Geld einschiessen – das hat niemand gewollt.

Um wie viel Geld geht es?

Jahr für Jahr werden etwa 7 Milliarden Franken von den aktiven Erwerbstätigen zu den Pensionierten umverteilt. Das ist fast ein Viertel der ausbezahlten Renten! Diese Quersubventionierung ist unfair. Und wer heute für andere mitzahlt, bekommt künftig erst noch weniger Rente.

Sie sprechen die sinkenden Umwandlungssätze an.

Ja. Der Umwandlungssatz bestimmt, wie das Kapital in eine Rente umgewandelt wird. Die laufende Kürzung dieses Satzes macht zukünftige Rentnerinnen und Rentner zu Pensionierten dritter Klasse. Darum müssen wir handeln, solange moderate Lösungen möglich sind. Es gibt kein Patentrezept. Ich denke aber: Das Pensionierungsalter muss sich an die Lebenserwartung anpassen. Und künftige Reformen sollten die finanzielle Last auf viele Schultern verteilen – auf die der Aktiven und der Pensionierten. Zum Beispiel, indem wir die Renten in einen fixen Teil und einen variablen Bonus aufteilen. Steigt die Rendite wächst der Bonus, sonst schrumpft er. Das heisst: Der Umwandlungssatz ist nur beim Beginn der Rentenzahlung massgebend. Nachher ist die Rendite entscheidend für die Rentenhöhe.

Solche Ansätze stossen sicher auf enormen Widerstand …

… trotzdem müssen wir dringend darüber reden. Wenn die Schweizerinnen und Schweizer nur schon verstehen, was die milliardenschwere Umverteilung bedeutet, haben wir viel erreicht.

Zur Person

Josef Bachmann war Geschäftsführer der Pensionskasse der Beratungsfirma PwC. Sein Modell, in dem laufende Renten je nach Finanzlage nicht nur steigen, sondern auch sinken können, sorgte für Aufsehen. Bachmann hat die Initiative "Vorsorge Ja – aber fair" lanciert.

Meinungen

"Rentenalter könnte locker bei 72 liegen"

Was spricht dagegen, das Rentenalter zu erhöhen und laufend an die Lebenserwartung anzupassen? Ein Gespräch mit Katja Gentinetta, politische Philosophin und Wissenschaftlerin.

Frau Gentinetta, wann ist für Sie der beste Zeitpunkt, um in Pension zu gehen?

Am liebsten nie. (lacht) Ich bin selbstständig und froh, dass ich das selbst entscheiden kann. Vermutlich werde ich so lange arbeiten wie ich kann. Meine Arbeit macht mir Freude.

Als Selbstständige müssen Sie selbst, vorsorgen. Ein Nachteil?

Nein, selbst wenn ich mich ungern mit den Rechtsgrundlagen und der Administration herumschlage. Aber klar ist: Es braucht die private und die staatliche Vorsorge – und die AHV benötigt dringend Reformen!

Warum hat die Reform der AHV einen schweren Stand?

Ich sehe drei Gründe: politischer Unwille, mangelnder Druck und Opportunismus. Die Fakten sind klar: Wir leben immer länger und immer gesünder. Hätte man das Rentenalter seit Einführung der AHV an die gestiegene Lebenserwartung angepasst, könnte es heute locker bei 72 Jahren liegen. Nicht, dass ich das vorschlage. Aber der inzwischen nun schon ritualisierte Streit um das Rentenalter 65 für beide Geschlechter trifft den Kern der Sache nicht. Das Rentenalter muss für Frauen und Männer steigen – am besten sukzessive mit der steigenden Lebenserwartung. Die Parteien rechts und links lehnen eine Erhöhung aber strikte ab. Und die Wirtschaft kann sich zurücklehnen und auf die Politik verweisen. So kommen wir nicht vom Fleck.

Wo stehen wir heute?

Vor einem Schuldenberg, der immer grösser wird. Es dürfte so kommen wie bei der Invalidenversicherung: In der IV brauchte es ein Loch von zehn Milliarden, bis die Politik reagierte.

Wer bezahlt die Rechnung?

Die Jungen, die noch nicht abstimmen können oder ihren Stimmzettel nicht in die Urne werfen.

Welche Lösungen sehen Sie?

Wir können länger arbeiten, mehr einzahlen oder die Renten kürzen. Das Rentenalter muss steigen, daran führt kein Weg vorbei. Andere Länder haben entsprechende Schritte beschlossen: In Holland wird das Rentenalter bald bei 67 Jahren liegen, in Dänemark bei 68 und in Finnland bei 70 – und es wird sukzessive an die Lebenserwartung angepasst. Eine Schwelle von 65 ist nicht sinnvoll. Sie hat zur Folge, dass wir uns schon mit 50 fragen, wie wir die Pensionierung meistern. Das ist unsinnig und unproduktiv.

Warum ist das unproduktiv?

Wir unterschätzen, wie wertvoll das Know-how und die Erfahrung der älteren Arbeitnehmenden sind. Wir müssen uns fragen, wie wir ihre Fähigkeiten so lange wie möglich im Arbeitsmarkt behalten können. Zum Beispiel mit Weiterbildungen, die ihnen und ihren Arbeitgebern nützen.

Zur Person

Katja Gentinetta ist Lehrbeauftragte an den Universitäten St. Gallen, Zürich und Luzern. Sie ist Co-Moderatorin der NZZ Standpunkte und schreibt regelmässig für die NZZ am Sonntag. Sie referiert und moderiert im In- und Ausland. 

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