Nachlass

Geld darf in der Beziehung kein Tabu sein

Karin von Flüe ist juristische Beraterin und Autorin. Im Gespräch sagt sie, warum es in einer Partnerschaft besser ist, offen über Geldfragen zu reden – ob man verheiratet ist oder nicht.

Das Bild zeigt Karin von Flüe. Sie ist juristische Beraterin und Autorin.

Frau von Flüe, warum sprechen Paare nicht über ihre Finanzen? 

Geld ist generell ein Tabu – nicht nur in Beziehungen. Man spricht ungern über Lohn und Vermögen oder darüber, wer in der Partnerschaft wie viel beiträgt. Viele meiden diese Themen, weil sie befürchten, der Partner könnte denken: "Du vertraust mir nicht." Andere überlassen ihre Finanzen ganz dem Partner – bis etwas passiert. Oft suchen Paare erst Rat, wenn es zum Konflikt kommt. Dann zeigt sich schnell: Sie haben vorher nie wirklich darüber gesprochen. 

Wann kommt es typischerweise zu Spannungen? 

Die grössten Konflikte entstehen, wenn auch Kinder betroffen sind. Bei einer Trennung wird es schnell irrational, wenn sich Geldfragen mit dem Wunsch vermischen, das vermeintlich Beste für die Kinder zu erreichen. Das belastet alle. Unabhängig von den Kindern können Paare in schwierige Situationen geraten: Wenn ein Partner pflegebedürftig wird, entstehen enorme Kosten, und auch beim Erben gibt es Unsicherheiten. Viele Paare glauben, gut abgesichert zu sein, wenn einer stirbt – das stimmt leider nicht immer. Hier kursiert viel Halbwissen.

Macht es einen Unterschied, ob ein Paar verheiratet ist oder nicht? 

Juristisch gibt es grosse Unterschiede, das wird immer wieder unterschätzt. Ehepaare sind besser geschützt als Lebenspartner. Stirbt ein Ehepartner, hat der überlebende Partner Anspruch auf einen festen Teil des Nachlasses – ob es ein Testament gibt oder nicht. 

Können Ehepaare also auf ein Testament verzichten? 

Ein Testament oder ein Erbvertrag ist oft sinnvoll. Viele kinderlose Ehepaare glauben fälschlicherweise, dass sie seit der Abschaffung der Pflichtteile für die Eltern nichts mehr regeln müssten. Doch ohne Testament kann es zu Überraschungen kommen: Eltern bzw. Geschwister können einen Viertel des Erbes fordern – das entspricht selten den Wünschen der verstorbenen Person.

Worauf sollten Lebenspartner besonders achten? 

Spätestens wenn Kinder im Haushalt leben, müssen sie über das Budget sprechen: Wer trägt was bei? Und sie müssen für den Todesfall vorsorgen – besonders wenn ein Partner finanziell vom anderen abhängig ist, oder wenn sie gemeinsam ein Eigenheim besitzen. Von der AHV gibt es keine Witwen- oder Witwerrente. Viele Pensionskassen zahlen Renten oder ein Todesfallkapital aus – vorausgesetzt, man hat seinen Partner rechtzeitig angemeldet. 

Wie können Patchwork-Familien alles richtig machen? 

Die meisten wollen den überlebenden Partner absichern. Gleichzeitig sollen gemeinsame und nicht gemeinsame Kinder fair behandelt werden. Hier lohnt sich oft eine Beratung bei einer Fachperson. Sie kann helfen, eine Lösung zu finden, die auf die Familie zugeschnitten ist. 

Was legen Sie Paaren ans Herz? 

Sprechen Sie über Geld und überlegen Sie gemeinsam, was bei Trennung, Krankheit oder Tod passieren kann. Fragen Sie sich dann: Was wollen wir? Nur so finden Sie Lösungen, die für beide stimmen.

Zur Person

Karin von Flüe ist Rechtsanwältin. Sie arbeitet seit über 25 Jahren als Beraterin bei der Konsumentenzeitschrift Beobachter und ist Autorin mehrerer Ratgeberbücher für Ehepaare und Lebenspartner sowie zu Erbfragen.