Geldanlagen

Was ist dran an «Sell in May»?

«Sell in May and Go Away» ist eine der bekanntesten Börsenweisheiten. Sie besagt, die Aktienpositionen jeweils im Mai zu verkaufen und erst sechs Monate später wieder aufzubauen. Aber ist eine solche Anlagestrategie überhaupt lohnenswert?

Markus Lackner

Leiter Research

Viele Anlageklassen scheinen die Tendenz zu haben, sich zu bestimmten Zeiten – beispielsweise an bestimmen Tagen, Monaten oder Jahren – in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Solche sogenannten Kalenderanomalien oder Saisonalitäten können verschiedene Ursachen haben. Diese sind jedoch häufig umstritten und lassen sich oft nicht eindeutig bestimmen. Eine Rolle spielen können beispielsweise ökonomische Gründe, Feiertage, Steuerüberlegungen oder psychologische Muster.

Eines der bekanntesten saisonalen Muster ist die Börsenweisheit «Sell in May and Go Away». Eine Sell-in-May-Anlagestrategie wird so aufgesetzt, dass der Anleger seine Aktienanlagen jeweils zum Schlusskurs des letzten Handelstages im April verkauft und zum Schlusskurs des letzten Handelstages im Oktober wieder kauft. Zwischen April und November wird die Anlage in Liquidität oder Zinswerten gehalten.

Hinter dieser Strategie steht unter anderem die Erkenntnis, dass die Monate November bis April durchschnittlich deutlich besser abschneiden als die oft sogar negativen Monate Mai bis Oktober. Dank des starken Wachstums von passiven Anlagefonds (ETF und Indexfonds) in den letzten Jahren und den je nach Depotbank tiefen Transaktions- und Depotgebühren lässt sich eine solche Strategie für Privatanleger heute leicht und kostengünstig umsetzen.

Das VZ hat den Sell-in-May-Effekt im Rahmen einer Untersuchung betrachtet. Dabei wurde diese Anlagestrategie so lange zurückgerechnet, wie dies die Verfügbarkeit der Daten zulässt. Die VZ-Untersuchung konnte die Existenz des Effektes mehrheitlich bestätigen, und zwar für verschiedene Aktienregionen und für verschiedene Zeitabschnitte.

Die Aktienregion Welt hat beispielsweise in den Jahren 1974 bis 2021 in jedem Monat zwischen November und April eine positive Durchschnittsrendite erzielt (siehe Grafik). Eine Sell-in-May-Strategie erzielt über längere Betrachtungsperioden oft eine höhere Rendite bei gleichzeitig tieferen Risiken als eine Kaufen-und-Halten-Strategie.

Wer eine Sell-in-May-Strategie umsetzen möchte, sollte sich jedoch bewusst sein, dass eine Kaufen-und-Halten-Strategie mehrere Jahre hintereinander deutlich bessere Resultate erzielen kann. Eine Sell-in-May-Strategie eignet sich nur für Anleger, die sie konsequent über einen sehr langen Zeitraum umsetzen.

Zudem sind die Ursachen für den Effekt nicht genau geklärt. Solange sich die Existenz des Effektes nicht begründen lässt, sollten Anleger trotz der in der Vergangenheit guten Resultate kritisch gegenüber einer Marktsaisonalität wie «Sell in May» eingestellt sein.

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