Erbe nur in Obligationen anlegen – auf Nummer sicher?

Aargauer Zeitung, 09.04.2020

Von Philipp Hostettler, Anlageexperte beim VZ VermögensZentrum in Luzern

Leserfrage: Ich habe aus einer Erbschaft eine grössere Summe (250'000 Franken) in bar erhalten. Angesichts der Turbulenzen wegen der Coronakrise an den Börsen möchte ich nicht in Aktien investieren. Wären Obligationen sicherer und bringen sie auch eine gewisse Rendite? Was wären andere Möglichkeiten ohne allzu grosses Risiko?

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten waren in den letzten Wochen aussergewöhnlich. Dass Ihr Bauchgefühl nun gegen Aktien stimmt, ist daher durchaus nachvollziehbar. Allerdings konnten die Börsen einen Teil der durch die erste Verkaufswelle erlittenen Verluste wieder aufholen. Ob diese Erholung anhalten wird, ist offen, die Kursschwankungen werden gross bleiben.

Obligationen erstklassiger Schuldner gelten als weniger risikoreiche Anlageklasse, denn sie verzeichnen geringere Kursschwankungen. Aus diesem Grund werden sie oft als fester Bestandteil eines Portfolios empfohlen, um Risiken durch Aktien auszugleichen. Und genau diese Funktion eines Stossdämpfers, wenn es an den Finanzmärkten holpert, konnten Obligationen während der jüngsten Börsenturbulenzen zeigen. Wer hier keine Obligationen im Portfolio hatte, der hat mehr Geld verloren. Allerdings ist auch bei den Obligationen auf die Qualität der Schuldner zu achten. Die Null- und Negativzinsen haben auch die Coupons von Obligationen Richtung null gedrückt. Anleihen von Schuldnern mit einem ausgezeichneten Bonitätsrating wie der Schweiz sind unter dem Strich ein Verlustgeschäft. Dennoch gibt es in dieser Anlageklasse durchaus Renditechancen. Unternehmens­anleihen oder Wandelanleihen beispielsweise rentieren tendenziell mehr, und im Hinblick auf die Anlageregion gibt es in den Schwellenländern interessante Anlagemöglichkeiten. Natürlich ist das Anlagerisiko in diesen Fällen höher.

Qualität und Diversifikation

Deswegen gilt auch hier: nicht alle Eier in einen Korb legen und auf Qualität achten. Auch der Obligationen-Baustein in einem Portfolio sollte gut diversifiziert sein. Auch ist heutzutage eine grössere Flexibilität angebracht, um rasch auf Opportunitäten reagieren zu können. Diese Flexibilität ist möglich, weil es immer mehr Obligationen-ETF gibt. Das sind Obligationenfonds, die nicht aktiv gemanaged und deren Kosten deswegen günstiger sind. Die Obligationen-ETF können während der Börsenöffnungszeiten gehandelt werden. Auch wird damit das Anlagerisiko breit gestreut. Denn ein Obligationen-ETF investiert in mehrere unterschiedliche Obligationen und minimiert so das Ausfallrisiko einzelner Schuldner.

Weitere Anlagemöglichkeiten mit einem Risikoprofil zwischen Obligationen und Aktien sind indirekte Investitionen in den Schweizer Immobiliensektor, zum Beispiel über Immobilienfonds. Obwohl die Fonds im Laufe des Corona-Crashs ebenfalls an Wert verloren haben, hielten sich die Kursverluste im Vergleich zu Aktien in Grenzen.

Grundsätzlich empfehle ich Ihnen, das geerbte Vermögen im Rahmen einer langfristig orientierten Anlagestrategie zu investieren, die Ihre gesamte Vermögenssituation und Risikotoleranz berücksichtigt.

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