Bitcoin wird volljährig: Was aus einem 9-seitigen PDF geworden ist
VZ Analyse
Am 31. Oktober 2008 verschickte ein Unbekannter ein neunseitiges Dokument an eine Mailingliste. Heute ist Bitcoin rund 1,6 Billionen Dollar wert. Bitcoin selbst hat sich seither kaum verändert – ganz anders die Welt um ihn herum. Ein Rückblick auf 18 bewegte Jahre.
Publiziert 29. Okt 2026
Autor
Kevin Kuhn
Funktion Anlageexperte
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Der Zeitpunkt fiel mitten in die globale Finanzkrise. Sechs Wochen zuvor war die US-Bank Lehman Brothers zusammengebrochen. Regierungen und Zentralbanken griffen mit umfangreichen Rettungs- und Stützungsmassnahmen ein. Der Absender des Dokuments nannte sich Satoshi Nakamoto. Wer dahintersteht, ist bis heute unbekannt.
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Seine Idee: digitales Geld, das ohne Bank oder andere Vertrauensinstanz funktioniert und dessen Menge niemand nachträglich ausweiten kann. Bei herkömmlichem Geld müsse man darauf vertrauen, dass die Zentralbank die Währung nicht entwertet, schrieb er wenig später. Wie das technisch funktioniert, erklären wir in unserer Analyse "Krypto erklärt".
Am 3. Januar 2009 startete das Netzwerk. Im allerersten Block hinterliess Nakamoto eine Schlagzeile der Londoner «Times» vom selben Tag: Der britische Finanzminister stehe kurz vor einer zweiten Rettung der Banken.
Von zwei Pizzas zur Billionenanlage
Im Mai 2010 bezahlte ein Programmierer 10'000 Bitcoin für zwei Pizzas – die wohl teuersten der Geschichte. Beim heutigen Kurs von rund 80'000 US-Dollar entspräche das etwa 800 Millionen. Mit rund 1,6 Billionen US-Dollar gehört Bitcoin heute zu den 20 wertvollsten Anlagen der Welt. Im Dezember 2024 überschritt der Kurs erstmals die symbolbehaftete Marke von 100'000 US-Dollar, heute liegt er wieder klar darunter.
Im Januar 2024 bewilligte die US-Börsenaufsicht börsengehandelte Bitcoin-Fonds (ETF). Auch Firmen halten Bitcoin in ihrer Bilanz (darunter Tesla und SpaceX). Die grösste ist die US-Firma Strategy mit über 848'000 Bitcoin – rund 4 Prozent der maximal möglichen Menge von 21 Millionen Bitcoin. Kritiker sehen darin ein Klumpenrisiko bei einem einzelnen Unternehmen.
Staaten: zwischen Reserve und Rückzieher
US-Präsident Trump ordnete im März 2025 per Dekret eine strategische Bitcoin-Reserve an. Sie wird zunächst mit bereits beschlagnahmten Bitcoin des Staates bestückt; ein Gesetz für umfangreiche staatliche Bitcoin-Käufe hat der Kongress bislang nicht verabschiedet.
El Salvador ging zuvor weiter und machte Bitcoin im Jahr 2021 als erstes Land zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Im Januar 2025 folgte der Rückzieher: Im Rahmen eines Kreditabkommens mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) müssen Händler Bitcoin nicht mehr annehmen.
In der Schweiz ist das Bild geteilt. Die Stadt Zug akzeptierte 2016 als eine der ersten Städte weltweit Bitcoin als Zahlungsmittel für Dienstleistungen der Stadtverwaltung und gab dem «Crypto Valley» seinen Namen. Lugano fördert Bitcoin seit 2022 mit dem Programm «Plan B» im Alltag. Die Schweizerische Nationalbank dagegen lehnt Bitcoin als Währungsreserve ab – die Schwankungen seien zu gross.
Die Schattenseiten
2014 brach die damals grösste Bitcoin-Handelsplattform Mt. Gox zusammen, 2022 die Kryptobörse FTX. Kunden verloren Milliarden. Das Bitcoin-Netzwerk lief weiter, doch für Anleger zeigte sich: Entscheidend ist, wo und wie Bitcoin aufbewahrt wird. Hinzu kommen starke Kursschwankungen: Mehrmals verlor Bitcoin über 75 Prozent seines Werts.
Laut der Analysefirma Chainalysis flossen 2025 mindestens 154 Milliarden US-Dollar an illegale Adressen – ein Rekord. Das sind weniger als 1 Prozent aller Krypto-Transaktionen, 84 Prozent davon liefen über Stablecoins, nicht über Bitcoin. Zum Vergleich: Die UNO schätzt, dass weltweit jedes Jahr Geld im Umfang von 2 bis 5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung gewaschen wird – grösstenteils in herkömmlichen Währungen wie Dollar, Euro oder Franken.
Der Stromverbrauch des Bitcoin-Minings ist hoch, doch zumindest ist der Anteil nachhaltiger Energie gestiegen: Laut der Universität Cambridge stammt inzwischen mehr als die Hälfte aus nachhaltigen Quellen (mehr dazu in unserer Analyse «Rekordleistung trotz Kurseinbruch»). Ein neueres Risiko sind Quantencomputer: Sie könnten künftig die heutige Verschlüsselung knacken. Fachleute diskutieren bereits, wie sich das Netzwerk rechtzeitig schützen lässt. Vorschläge dazu liegen in der Schublade, akuten Handlungsbedarf sehen die meisten Fachleute aber noch nicht.
Was 18 Jahre überdauert hat
Die Grundregeln gelten wie am ersten Tag. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben, heute sind über 95 Prozent davon geschaffen. Alle vier Jahre halbiert sich die Menge neuer Bitcoin – vier dieser Halvings gab es bereits. Weder eine Zentralbank noch eine Regierung, eine Firma, ein Miner oder eine Einzelperson kann die Menge im Alleingang ausweiten (siehe die VZ-Analyse zu Inflation, Schulden und Bitcoin).
Befürworter bezeichnen das Netzwerk als «antifragil»: Es werde unter Druck stärker statt schwächer. 2017 stritt die Bitcoin-Community über die Grösse der Blöcke: Grosse Miner und Firmen wollten die Regeln ändern, die Mehrheit der Nutzer blieb bei den bestehenden. Der Konflikt zeigte, dass selbst grosse Miner und Unternehmen Änderungen am Netzwerk nicht allein durchsetzen können. 2021 verbot China das Bitcoin-Mining. Die Rechenleistung brach ein, erholte sich aber innert Monaten, weil die Miner in andere Länder abwanderten. Die heute um ein Vielfaches höhere Rechenleistung macht Angriffe entsprechend teuer.
Volljährig – und jetzt?
Bitcoin entstand als Gegenentwurf zu einem Geldsystem mit wachsenden Schulden und schleichender Geldentwertung – als Geld, das weder Staaten noch Zentralbanken kontrollieren. 2017 nannte JPMorgan-Chef Jamie Dimon Bitcoin noch einen Betrug. Im Oktober 2026 nahm die Vermögensverwaltung derselben Bank Bitcoin erstmals in ihre wichtigste Langfrist-Studie auf. Im Grundszenario rechnet sie für Bitcoin mit 10 Prozent Rendite pro Jahr über die nächsten zehn Jahre – mehr als für Aktien, Anleihen, Gold oder Immobilien. Gleichzeitig unterstellt JPMorgan eine jährliche Volatilität von 55 Prozent. Wegen dieser hohen Schwankungen und instabilen Korrelationen bleibt Bitcoin aus den wichtigsten Portfoliomodellen der Bank ausgeschlossen. Bitcoin ist derselbe geblieben, der Blick der Finanzwelt hat sich verändert.
Zwei Fragen bleiben offen. Wird sich Bitcoin als junger Wertspeicher weiter etablieren? Und wie stellen sich die grossen Wirtschaftsräume auf? Heute ist das Bild uneinheitlich: Die USA versuchen eine Bitcoin-Reserve aufzubauen, die EU regelt Kryptowerte seit Ende 2024 mit einem eigenen Gesetz (MiCA), China verbietet offiziell Handel und Mining.
Nach 18 Jahren stellt sich für Anleger weniger die Frage, ob Bitcoin bestehen bleibt, als welche Rolle er in einem breit diversifizierten Portfolio spielen kann. Befürworter verweisen auf die feste Obergrenze und die Unabhängigkeit von Staaten und Zentralbanken. Dem stehen hohe Kursschwankungen, eine vergleichsweise kurze Geschichte sowie politische und regulatorische Unsicherheiten gegenüber. Wie sich dieses Verhältnis entwickelt, werden die nächsten 18 Jahre zeigen.
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