Wenn Aktien digital werden: Finanzriesen treiben Tokenisierung voran
VZ Analyse
Immer mehr Finanzhäuser prüfen, wie sich Aktien, Fonds und Obligationen als digitale Token auf Blockchains abbilden und handeln lassen. Zu den wichtigsten Treibern gehören BlackRock und die New Yorker Börse. Vier Blockchain-Projekte stehen dabei besonders im Fokus.
Publiziert vor 5 Stunden
Autor
Kevin Kuhn
Funktion Anlageexperte
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Die Grenzen zwischen traditioneller Finanzwelt und Blockchain-Technologie verschwimmen zunehmend. Immer mehr Finanzhäuser prüfen, wie sich klassische Vermögenswerte als digitale Token auf Blockchains abbilden und handeln lassen.
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Für die Krypto-Branche wäre das ein wichtiger Schritt in den Mainstream. Die Hoffnung ist, dass sich Wertpapiergeschäfte dadurch schneller und effizienter abwickeln lassen. Welche Netzwerke von dieser Entwicklung profitieren könnten, hängt von ihren technischen Eigenschaften ab. Wie im ersten Teil dieser Serie erläutert, setzen Blockchains unterschiedliche Schwerpunkte bei Dezentralität, Sicherheit und Skalierbarkeit.
Besonders im Fokus stehen derzeit Ethereum, Solana, XRP und Chainlink:
Ethereum: Die Plattform für digitale Verträge
Ethereum ist nicht in erster Linie eine Geldtechnologie wie Bitcoin, sondern eine Plattform für sogenannte Smart Contracts – Computerprogramme, die automatisch ausgeführt werden, sobald festgelegte Bedingungen erfüllt sind. Viele Projekte zur Tokenisierung von Fonds, Obligationen und anderen Vermögenswerten werden heute auf Ethereum umgesetzt. Das Netzwerk gilt als etablierteste Infrastruktur für solche Anwendungen und dient vielen Institutionen als Referenzplattform. Der native Token ETH wird benötigt, um Transaktionen und Smart Contracts auszuführen.
Ethereum arbeitet nach dem Prinzip des Proof of Stake: Wer ETH hinterlegt (staked), hilft mit, das Netzwerk abzusichern, und erhält dafür eine laufende Vergütung. Solches Staking ist grundsätzlich möglich; die Erträge sind jedoch nicht garantiert, und hinterlegte Beträge unterliegen Sperrfristen, bevor sie wieder verfügbar sind.
Gemessen am Gesamtwert tokenisierter Vermögenswerte ist Ethereum weiterhin die führende Blockchain und dient vielen Banken und Vermögensverwaltern als technologische Grundlage.
Solana: Schnell, aber jünger und volatiler
Solana verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Ethereum und ermöglicht ebenfalls Smart Contracts sowie die Abbildung tokenisierter Vermögenswerte. Im Unterschied zu Ethereum liegt der Fokus jedoch stärker auf hoher Geschwindigkeit und tiefen Transaktionskosten. Das macht Solana insbesondere für Anwendungen interessant, bei denen viele Transaktionen effizient abgewickelt werden müssen.
Auch bei Solana ist Staking möglich, mit denselben grundsätzlichen Eigenschaften wie bei Ethereum: laufende, aber nicht garantierte Erträge bei gleichzeitiger Bindung des eingesetzten Kapitals über eine gewisse Frist.
XRP: Vom Zahlungsnetzwerk zum Tokenisierungs-Akteur
XRP wurde ursprünglich für schnelle, kostengünstige Überweisungen entwickelt, insbesondere grenzüberschreitend. Inzwischen spielt der zugrunde liegende XRP Ledger aber auch bei der Tokenisierung eine deutlich grössere Rolle, als der Zahlungsfokus vermuten lässt.
Lange Zeit belastete ein Rechtsstreit mit der US-Börsenaufsicht SEC die Einschätzung von XRP. Dieser Streit wurde 2025 offiziell beendet, nachdem sowohl SEC als auch Ripple ihre Berufungen zurückgezogen hatten. 2026 wurde XRP zusätzlich gemeinsam mit weiteren Kryptowerten von SEC und CFTC offiziell als digitale Ware eingestuft, was die regulatorische Unsicherheit weiter verringert hat.
2026 verzeichnete der XRP Ledger laut RWA.xyz die höchsten Netto-Zuflüsse aller Blockchains, rund 3,6 Milliarden US-Dollar. Beim Gesamtbestand bleibt Ethereum mit rund 16 Milliarden US-Dollar aber weiterhin klar führend. Zur Einordnung: Über 90 Prozent der auf XRP erfassten Werte sind extern verwahrte Werte, die nur auf der Blockchain abgebildet werden, nicht nativ dort ausgegeben. Marketing und technische Realität sollten hier sauber getrennt werden.
Chainlink: Die Datenbrücke zwischen Blockchain und Realität
Chainlink betreibt keine eigene Blockchain für Anwendungen, sondern liefert etwas, das Smart Contracts von sich aus nicht haben: verlässliche Daten aus der realen Welt, etwa Aktienkurse, Wechselkurse oder Zinssätze. Dieses sogenannte Orakel-Problem betrifft grundsätzlich alle Blockchains, die Smart Contracts nutzen, also auch Ethereum und Solana: Ein Computerprogramm kann von sich aus nicht wissen, wie hoch ein Aktienkurs gerade steht. Es braucht eine Datenquelle von aussen – und diese Quelle muss vertrauenswürdig sein.
Chainlink begegnet diesem Problem, indem mehrere unabhängige Teilnehmer Daten liefern und gegenseitig überprüfen. Das reduziert das Risiko fehlerhafter Informationen, beseitigt es aber nicht vollständig. Auch hier bleibt entscheidend, dass die zugrunde liegenden Daten korrekt sind.
Objektiv betrachtet bleibt das Orakel-Problem dabei aber grundsätzlich bestehen:
Die einzelnen Datenquellen müssen weiterhin korrekt sein, und Chainlink selbst wird zu einem zentralen Vertrauenspunkt für sehr viele Anwendungen gleichzeitig – das Risiko wird durch die Verteilung auf viele Teilnehmer reduziert, aber nicht beseitigt. In der Praxis nutzen inzwischen zahlreiche Banken und Finanzinstitute, etwa im Rahmen branchenweiter Projekte zur Abwicklung und Datenverteilung, die Chainlink-Infrastruktur.
Was das für Anleger bedeutet
BlackRock-Chef Larry Fink schrieb in seinem Aktionärsbrief 2026, die Tokenisierung stehe heute möglicherweise dort, wo das Internet 1996 stand. Eine solche Einschätzung sollte allerdings nicht unabhängig von ihrem Urheber gelesen werden: BlackRock verwaltet selbst tokenisierte Fonds und Bitcoin- sowie Krypto-Anlageprodukte und hat damit ein unmittelbares geschäftliches Interesse an einer wachsenden Akzeptanz dieser Technologie.
Als weltweit grösster Vermögensverwalter hat BlackRock zugleich eine gewisse Ausstrahlungskraft auf die gesamte Finanzbranche: Wenn ein Unternehmen dieser Grösse eine Technologie forciert, kann das die Entwicklung von Standards und die Entscheidungen anderer Marktteilnehmer mitprägen – unabhängig davon, ob sich die Tokenisierung langfristig tatsächlich durchsetzt.
Vorsichtiger äussert sich JPMorgan-Chef Jamie Dimon, der in tokenisierten Systemen eher eine Bedrohung für das klassische Bankgeschäft sieht als eine reine Chance.
Unabhängig davon, wie sich die Tokenisierung entwickelt, gilt für alle vier vorgestellten Altcoins: Sie unterscheiden sich technisch und funktional deutlich voneinander und von Bitcoin. Kursschwankungen sind bei allen vier historisch ausgeprägt. Wer investieren möchte, sollte sich mit der jeweiligen Funktionsweise auseinandersetzen, statt allein auf Kursbewegungen zu schauen.
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