Journalismus schafft Orientierung

Pensionierung

Mit der Informationsflut steigt auch die Verunsicherung. Martina Fehr leitet das renommierte Institut für Journalismus und Kommunikation MAZ. Sie erklärt, warum Qualitätsjournalismus heute wichtiger ist denn je.

Portrait von Martina Fehr

Frau Fehr, Sie sind seit Jahrzehnten im Journalismus tätig. Lesen Sie noch Zeitung?

(Lacht.) Selbstverständlich – das gehört dazu wie Zähneputzen. Eine Zeitung ist etwas Wunderbares: Die Inhalte sind gewichtet, schon die Aufmachung zeigt, was relevant ist. Zeitungen bieten eine Vielfalt von Themen. So lernt man immer etwas dazu, und es bleibt mehr hängen als beim Online-Lesen. Das Rascheln beruhigt, und ich kann Seiten herausreissen und später lesen.

Eine Redaktion nach der anderen wird zusammengespart. Geht so Fachwissen für immer verloren?

Teilweise ja – in den Redaktionen gibt es immer weniger hoch spezialisierte Journalistinnen und Journalisten. Fachpublikationen, die komplexe Themen vereinfachen, werden darum noch wichtiger. Handkehrum sind die Aufgaben der übrigen Journalisten vielfältiger und anspruchsvoller geworden.

Ist eine Aus- und Weiterbildung im Journalismus noch attraktiv?

Früher hatten wir etwa doppelt so viele Diplomabgänge wie heute. Positiv ist, dass die Absolventinnen und Absolventen ein klareres Rollenverständnis mitbringen. Sie arbeiten zielstrebiger und gewissenhafter, und wir erleben sie als kritischer, hartnäckiger und neugieriger. Diese Eigenschaften sind entscheidend – denn Qualitätsjournalismus ist heute wichtiger denn je.

Was unterscheidet Qualitätsjournalismus von anderen Inhalten?

Er orientiert sich an verbindlichen Standards: sorgfältige Recherche, Transparenz der Quellen, Trennung von Fakten und Meinung sowie Verantwortung gegenüber dem Publikum. Es geht nicht darum, möglichst schnell oder laut zu sein, sondern verlässlich und nachvollziehbar zu informieren. Qualitätsjournalismus bildet unterschiedliche Perspektiven ab, indem er Pro und Kontra aufzeigt. Eine fundierte Ausbildung vermittelt genau dieses Handwerk.

Warum gewinnt diese Art von Journalismus an Bedeutung?

Mit der Digitalisierung ist die Informationsflut massiv gestiegen, und es ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Ungeprüfte und interessengeleitete Inhalte verbreiten sich rasant. Im Kampf gegen Manipulation wird Qualitätsjournalismus noch wichtiger, um der Flut von Fake News entgegenzuwirken: Seriöser Journalismus ordnet ein, gewichtet und macht Zusammenhänge verständlich. Damit bleibt er die Voraussetzung für die fundierte Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft.

Welche Rolle spielen soziale Medien und künstliche Intelligenz (KI)?

Viele soziale Medien favorisieren Inhalte, die möglichst viele Reaktionen auslösen. Algorithmen erzeugen dabei Filterblasen, die alles andere ausblenden – viele User bleiben so in ihrer eigenen Welt gefangen. KI kann vieles erleichtern, ist aber nur ein Werkzeug und keine verlässliche Quelle – sie kann seriöse Medien nicht ersetzen! Damit Qualitätsjournalismus überlebt, braucht es ein kritisches Publikum, das bereit ist, für faktenbasierte Informationen zu bezahlen.

Zur Person

Martina Fehr leitet das MAZ, die führende Journalismusschule der Schweiz. Sie ist Stiftungsrätin im Schweizer Presserat und Mitglied des Vorstands der Konferenz der Chefredaktoren. Davor war sie unter anderem Chefredaktorin der Südostschweiz. Martina Fehr hat in Zürich Geschichte, Publizistik und englische Literatur studiert.