VZ Analyse
Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist zwischenzeitlich auf 5,33 Prozent geklettert - der höchste Stand seit 19 Jahren. Auslöser ist nicht die Notenbank, sondern eine Kombination aus Rekorddefiziten, hartnäckiger Inflation und einer historischen Flut neuer Anleihen.
Publiziert vor 18 Stunden
Beschreibung
Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen stieg zwischenzeitlich auf 5,33 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit dem Sommer 2007. Der Höchstwert von damals 5,44 Prozent, unmittelbar vor der globalen Finanzkrise, ist nur noch elf Basispunkte entfernt.
Bemerkenswert ist dabei weniger das Niveau als die Ursache des Anstiegs: Die US-Notenbank hat den Leitzins seit Dezember 2025 nicht angetastet. Der Renditeanstieg kommt vollständig vom Markt.
Das lange Ende entkoppelt sich von der Notenbank
Ein Blick auf die Zinskurve zeigt, wie einseitig die Bewegung verläuft. Während der Leitzins des Fed seit Jahresbeginn unverändert geblieben ist, haben die mittleren und langen Laufzeiten deutlich zugelegt.
Nominal betrachtet sind die aktuellen Zinsniveaus in den USA kein historischer Rekord. In den frühen 1980er-Jahren rentierten langlaufende Treasuries zweistellig.
Neu ist deshalb nicht die Höhe, sondern die Ursache: Nicht eine restriktive Notenbank treibt die Langfristzinsen, sondern ein Risikoaufschlag auf die Tragfähigkeit der amerikanischen Staatsfinanzen.
Die US-Notenbank kann zwar die Zinsen senken, doch die Fiskalprämie am langen Ende verschwindet erst, wenn sich die Schuldendynamik dreht.
Rekordrenditen bei US-Staatsanleihenauktionen
Am deutlichsten wird der Anstieg der Zinsen bei den Auktionen des US-Finanzministeriums. In der Woche vom 12. August platzierte Washington zehnjährige Papiere im Umfang von 42 Milliarden US-Dollar bei einer Rendite von 4,683 Prozent - dem höchsten Auktionsniveau seit der Finanzkrise 2007.
Einen Tag später wurden 30-jährige Anleihen bei 5,216 Prozent zugeteilt. Eine vergleichbare Rendite musste das US-Finanzministerium zuletzt im Jahr 2001 bieten, also vor 25 Jahren.
Auktionen werden zum Instrument, mit dem der Anleihemarkt seine Einschätzung der Haushaltspolitik direkt zurückmeldet: Wer eine schwächere Fiskaldisziplin finanzieren soll, verlangt eine höhere Entschädigung.
Drei Treiber der gestiegenen Zinsen
Drei Faktoren stechen derzeit besonders hervor und erklären, weshalb die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen deutlich gestiegen sind.
- Die Haushaltslage verschlechtert sich schneller als erwartet: Das US-Haushaltsdefizit lag im Juli bei 432 Milliarden US-Dollar. Die Gesamtverschuldung nähert sich der Marke von 40 Billionen, und die Zinslast von rund 1,2 Billionen übersteigt inzwischen die Ausgaben für Medicare und für das Militär.
- Die Inflation bleibt hartnäckig: Die Inflation in den USA lag im Juli bei 3,4 Prozent. Im Januar, vor der Eskalation im Nahen Osten, waren es 2,4 Prozent. Die von der Universität Michigan erhobenen kurzfristigen Inflationserwartungen lagen den fünften Monat in Folge über 4 Prozent.
- Der Staat konkurriert neu um Kapital: Unternehmen aus dem KI-Umfeld dürften dieses Jahr Anleihen von bis zu 1,5 Billionen US-Dollar emittieren, um Rechenzentren und Infrastruktur zu finanzieren. Einzelne dieser Emittenten verfügen über ein besseres Rating als die USA selbst. Das zusätzliche Angebot an Anleihen trifft auf einen Markt, der bereits Rekordvolumen an Staatsanleihen aufnehmen muss.
Die Fed bleibt vorerst Zuschauerin
Der Leitzins liegt seit Dezember 2025 unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent. An der Sitzung vom 29. Juli fiel der Beschluss mit neun zu drei Stimmen: Beth Hammack (Cleveland), Neel Kashkari (Minneapolis) und Lorie Logan (Dallas) plädierten für eine sofortige Erhöhung um 25 Basispunkte.
Fed-Chef Kevin Warsh verzichtet konsequent auf Forward Guidance. An der Pressekonferenz im Juli wies er darauf hin, dass die Renditen seit Juni deutlich gestiegen seien - ohne dass die Notenbank die Zinsen erhöht habe.
Für die Sitzung vom 15. und 16. September ist der Ausgang offen. Nach dem enttäuschenden Arbeitsmarktbericht für Juli fiel die eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung auf 32 Prozent. Aktuell spricht damit mehr für eine Fortsetzung der Zinspause als für einen weiteren Zinsschritt nach oben.
Ein globales Phänomen
Der Ausverkauf am langen Ende ist ein globales Phänomen. Auch in Japan, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland haben langlaufende Staatsanleihen mehrjährige Renditehochs erreicht.
Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentieren mit 3,27 Prozent und die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen kletterte auf 2,94 Prozent, den höchsten Stand seit September 1996. In Japan stiegen die Preise um 2,6 Prozent und der Yen fiel Ende Juli auf den schwächsten Stand seit rund vier Jahrzehnten.
Fazit
Solange Defizit, Inflation und Emissionsvolumen in die gleiche Richtung zeigen, bleibt der Druck am langen Ende der US-Zinsen hoch.
Eine Zinserhöhung des Fed im September würde primär das kurze Ende betreffen und wäre für langlaufende Anleihen kein Entlastungssignal. Entscheidend bleibt vielmehr, ob der Markt das steigende Angebot an US-Staatsanleihen absorbiert - und welchen Risikoaufschlag Anleger dafür verlangen.
Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger ist nebst dem nächsten Fed-Entscheid vor allem auch die aktuelle Zinssensitivität des Anleihenportfolios relevant. Steigende Renditen am langen Ende können insbesondere bei Anleihen mit hoher Duration zu deutlichen Kursverlusten führen.
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