Trotz Zinspause: Warum der US-Anleihemarkt Alarm schlägt

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VZ Analyse

Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit 19 Jahren gestiegen. Der Anleihemarkt sendet damit ein deutliches Warnsignal und stellt die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank zunehmend infrage. Das VZ ordnet die Entwicklung ein.

Publiziert 3. Aug 2026

Autor

Ramon Hess

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Obwohl die US-Notenbank Fed den Leitzins unverändert in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent belassen hat, reagierte der US-Anleihemarkt überraschend negativ. 

Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist auf über 5,2 Prozent gestiegen und erreicht damit den höchsten Stand seit 2007. Ein Hinweis darauf, dass Anlegerinnen und Anleger den langfristigen Inflations- und Fiskalausblick zunehmend skeptisch beurteilen. 

Die Kommunikation des Fed-Präsident Kevin Warsh wird von den Finanzmärkten zunehmend als widersprüchlich wahrgenommen. Einerseits betont er regelmässig, dass die Bekämpfung der Inflation oberste Priorität habe. Andererseits hat die Notenbank die Leitzinsen nun bereits den siebten Monat in Folge unverändert belassen. 

Viele Investoren sehen darin eine wachsende Diskrepanz zwischen Worten und Taten. Entsprechend nehmen die Zweifel zu, ob die Fed entschlossen genug gegen den anhaltenden Inflationsdruck vorgeht. 

Gegenstimmen sorgen für Unruhe 

Unter dem neuen Fed-Präsidenten fiel der Zinsentscheid deutlich kontroverser aus als in den vergangenen Jahren. Das Abstimmungsergebnis von 9 zu 3 zeigt, dass sich innerhalb der Notenbank unterschiedliche Einschätzungen zur Geldpolitik herausbilden. 

Drei Mitglieder des Offenmarktausschusses sprachen sich für eine Zinserhöhung aus. Die Finanzmärkte werteten dies als Hinweis darauf, dass die Inflationssorgen innerhalb der Fed grösser sind, als es die offizielle Kommunikation vermuten lässt. 

Im geldpolitischen Statement verzichtete die Notenbank weitgehend auf konkrete Hinweise zum weiteren Zinspfad. Stattdessen bekräftigte sie ihr Ziel der Preisstabilität. Warsh scheint damit bewusst weniger Forward Guidance geben zu wollen, um die starke Abhängigkeit der Finanzmärkte von den Signalen der Fed zu reduzieren. 

Sollten sich Inflation und Arbeitsmarkt in den kommenden Wochen nicht spürbar abschwächen, könnte bereits an der Sitzung im September eine Zinserhöhung beschlossen werden. Darauf deuten auch die Terminmärkte hin: Aktuell rechnen Anleger mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent mit einer Anhebung des Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte. 

Langfristige Renditen steigen deutlich 

Während die Renditen kurzfristiger Staatsanleihen leicht zurückgingen, entwickelte sich das lange Ende der Zinskurve in die entgegengesetzte Richtung. 

Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen sank auf 4,27 Prozent. Die zehnjährigen Treasuries stiegen dagegen auf 4,68 Prozent und die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen stieg auf über 5,2 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 19 Jahren. 

Damit wird die Zinsstrukturkurve steiler. Anlegerinnen und Anleger verlangen für langfristige Anleihen wieder höhere Renditen, um sich für die gestiegenen Risiken entschädigen zu lassen. 

Gründe für den Renditeanstieg 

Der Markt scheint derzeit gleich mehrere Risiken einzupreisen. 

  • Hartnäckige Inflation: Die Gesamtinflation (PCE-Inflation) liegt weiterhin bei 3,7 Prozent, die von der Fed besonders beachtete Kern-PCE-Inflation bei 3,3 Prozent. Beide Werte liegen deutlich über dem Inflationsziel von 2 Prozent. Entsprechend wachsen die Zweifel, ob die derzeitige Geldpolitik ausreicht, um den Preisauftrieb nachhaltig einzudämmen. 
  • Steigende Ölpreise: Höhere Energiepreise erhöhen das Risiko einer erneuten Inflationswelle. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, dürfte die Fed gezwungen sein, die Geldpolitik länger restriktiv zu halten. 
  • Hohe Staatsverschuldung: Der rund 31 Billionen US-Dollar schwere Treasury-Markt steht zusätzlich unter Druck. Neue fiskalische Massnahmen der Regierung von Präsident Trump haben zwar die Wachstumserwartungen verbessert, gleichzeitig aber die Sorge vor weiter steigenden Staatsdefiziten verstärkt. Höhere Defizite bedeuten in der Regel auch ein grösseres Angebot an Staatsanleihen - und damit steigenden Druck auf die Renditen. 

Was bedeutet das für Anleger? 

Für Investorinnen und Investoren ist die Entwicklung am langen Ende der Zinskurve wichtiger als der eigentliche Fed-Entscheid. Der Markt beginnt zunehmend ein "Higher for Longer"-Szenario einzupreisen. Selbst wenn die Leitzinsen zunächst unverändert bleiben, könnten die langfristigen US-Renditen auf erhöhtem Niveau verharren. 

Das erhöht die Risiken für langlaufende Anleihen, deren Kurse besonders empfindlich auf steigende Renditen reagieren. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz für Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen, da sichere US-Staatsanleihen wieder attraktivere laufende Renditen bieten. 

Besonders wachstumsstarke Unternehmen geraten in einem solchen Umfeld unter Druck. Da ein grosser Teil ihrer erwarteten Gewinne erst weit in der Zukunft anfällt, reagieren ihre Bewertungen besonders empfindlich auf steigende Diskontierungssätze. 

Sollte sich der jüngste Renditeanstieg tatsächlich vor allem durch höhere Inflations-, Fiskal- und Laufzeitprämien erklären lassen, könnte dies den Beginn eines strukturellen Umfelds dauerhaft höherer Langfristzinsen markieren. 

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