Raffinerien: Die Gewinner des Nahostkonflikts
VZ Analyse
Der Konflikt zwischen den USA und Iran hat die globalen Ölströme auf den Kopf gestellt. Während der Ausfall von Raffineriekapazitäten in Russland und im Nahen Osten Benzin und Diesel verknappt, laufen US-Raffinerien auf Hochtouren.
Publiziert 28. Aug 2026
Autor
Ramon Hess
Funktion Anlageexperte
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Der Iran-Konflikt hat die globale Energieversorgung an mehreren Stellen gleichzeitig getroffen. Die Strasse von Hormus, durch die normalerweise ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft, ist zum zentralen Engpass geworden.
Gleichzeitig wurden Raffinerien in der Golfregion beschädigt oder ausser Betrieb genommen. Hinzu kommen ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien. Dadurch ist nicht nur weniger Rohöl verfügbar, sondern vor allem weniger Verarbeitungskapazität.
Die Folgen zeigen sich auch beim Ölpreis. Vor Ausbruch des Krieges kostete ein Barrel WTI rund 65 Dollar. Zwischenzeitlich kletterte der Preis sogar auf 113 Dollar. Inzwischen sind es rund 82 Dollar.
Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) liegt die weltweite Raffinerieproduktion derzeit rund 5 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau des Vorjahres.
Für Anlegerinnen und Anleger sind also nicht unbedingt die Produzenten des schwarzen Goldes interessant, sondern jene Unternehmen, die daraus Benzin, Diesel und andere Produkte herstellen.
Die Margen der Raffinerien steigen
Ein hoher Ölpreis allein ist für Raffinerien nicht unbedingt positiv. Steigt der Rohölpreis, verteuert sich zunächst ihr wichtigster Produktionsfaktor. Entscheidend ist deshalb der Abstand zwischen den Kosten für Rohöl und den Verkaufspreisen der daraus gewonnenen Produkte – der sogenannte Crack Spread.
Der Crack Spread ist ein wichtiger Indikator für die Wirtschaftlichkeit von Raffinerien. In den USA ist er zuletzt massiv gestiegen. Im August erreichte er zeitweise rund 70 Dollar je Barrel und damit einen Rekordstand.
Die Folgen sind an den Margen abzulesen. Die Raffinerien kaufen Rohöl ein und verkaufen daraus gewonnene Produkte wie Benzin und Diesel. Steigen deren Preise stärker als die Kosten für den Rohstoff, verbessert sich die Gewinnspanne.
US-Raffinerien springen in die Bresche
Die USA verfügen nach China über die zweitgrössten Raffineriekapazitäten der Welt. Entsprechend gut positioniert sind die grossen US-Raffineriekonzerne.
Unternehmen wie Marathon Petroleum, Valero Energy und Phillips 66 verfügen über grosse Verarbeitungskapazitäten und können zusätzliche Mengen für den Weltmarkt bereitstellen.
Die Raffinerien laufen deshalb praktisch am Limit. Laut der US-Energieinformationsbehörde EIA lag ihre Auslastung zuletzt während mehr als elf Wochen bei über 95 Prozent. Das ist die längste Phase mit einer derart hohen Auslastung seit mehr als 25 Jahren. Gleichzeitig sind die US-Exporte raffinierter Produkte auf Rekordniveau gestiegen.
Wie stark die Raffinerien davon profitieren, zeigen die Gewinnschätzungen. Bei Phillips 66 dürfte der Gewinn je Aktie 2026 um 269 Prozent auf rund 20 Franken steigen. Für Valero wird ein Anstieg um 287 Prozent auf rund 34 Franken erwartet. Bei Marathon Petroleum soll der Gewinn je Aktie sogar um 415 Prozent auf rund 39 Franken zulegen.
Der Grund dafür sind die deutlich höheren Raffineriemargen. Die Marge je verarbeitetem Barrel dürfte sich bei allen drei Unternehmen in diesem Jahr nahezu verdoppeln.
Aktien laufen heiss
An der Börse ist diese Entwicklung längst angekommen. Marathon Petroleum legte seit Jahresbeginn um rund 123 Prozent zu, Valero um mehr als 114 Prozent und Phillips 66 um rund 92 Prozent. Zum Vergleich: Der Energiesektor des S&P 500 stieg im gleichen Zeitraum um etwa 45 Prozent.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die Raffinerien vom Nahostkonflikt profitieren. Das tun sie bereits eindrücklich. Entscheidend ist vielmehr, wie lange die hohen Margen anhalten.
Sobald wieder mehr Verarbeitungskapazität zur Verfügung steht, sich die Ölströme normalisieren und die Knappheit bei Benzin und Diesel nachlässt, dürften sich die Crack Spreads wieder einengen.
Ein Ende des Konflikts wäre deshalb nicht zwangsläufig positiv für die Raffinerieaktien. Eine Öffnung der Strasse von Hormus würde zwar den Ölmarkt stabilisieren. Gleichzeitig könnte sie aber die Knappheit bei raffinierten Produkten reduzieren und damit die derzeit aussergewöhnlich hohen Raffineriemargen unter Druck setzen.
Allerdings deutet derzeit wenig auf eine schnelle Rückkehr zu den Margenniveaus vor dem Konflikt hin. Laut Bloomberg dürften die Raffineriemargen je Barrel auch im kommenden Jahr vergleichsweise hoch bleiben. Für Valero werden rund 18 Dollar, für Phillips 66 rund 21 Dollar und für Marathon Petroleum rund 23 Dollar erwartet.
Für Anlegerinnen und Anleger sind Raffinerieaktien deshalb derzeit eine der interessantesten Möglichkeiten, um auf die Folgen des Iran-Konflikts zu setzen.
Anders als klassische Ölproduzenten profitieren sie nicht primär von einem steigenden Rohölpreis, sondern von der Knappheit bei raffinierten Produkten und dem daraus resultierenden Margenanstieg.
US-Unternehmen wie Marathon Petroleum, Valero Energy und Phillips 66 profitieren derzeit besonders stark von dieser Entwicklung. Ihre Ergebnisse zeigen eindrücklich, wie stark sich höhere Crack Spreads auf die Gewinne auswirken können.
Es wird deshalb entscheidend sein, ob die Raffineriemargen auch dann hoch bleiben, wenn sich die Ölströme wieder normalisieren.
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