Ölpreis: Welche Aktien profitieren von Hochs und Tiefs?

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VZ Analyse

Der Ölpreis zählt derzeit zu den grössten Unsicherheitsfaktoren an den Finanzmärkten. Nach den heftigen Kursschwankungen der vergangenen Wochen hat das VZ analysiert, welche Branchen und Aktien von steigenden beziehungsweise fallenden Ölpreisen profitieren.

Publiziert vor 3 Stunden

Autor

Ramon Hess

Funktion Anlageexperte

Die erneute Eskalation des Nahostkonflikts liess die Ölpreise zwischenzeitlich wieder kräftig ansteigen. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent kletterte von 72 Dollar auf knapp 101 Dollar und erreichte damit fast den Höchststand vom Mai von rund 103 Dollar.
 

Nach einer fast zweiwöchigen Angriffswelle stellten die USA und der Iran ihre gegenseitigen Angriffe über das Wochenende vorübergehend wieder ein. Der Ölpreis reagierte umgehend mit einem deutlichen Rückgang, notiert aber weiterhin klar über dem Niveau vor der Eskalation.

Ein höherer Ölpreis erhöht den Inflationsdruck und erschwert den Zentralbanken Zinssenkungen. Dadurch steigen nicht nur die Produktionskosten der Unternehmen, sondern auch die Finanzierungskosten. Gleichzeitig dämpfen höhere Zinsen die Nachfrage und belasten so das Wirtschaftswachstum.

Wie sich der Ölpreis in den kommenden Monaten entwickelt, hängt entscheidend von der Lage im Nahen Osten ab. Ohne weitere geopolitische Eskalation dürfte das hohe Angebot den Ölpreis unter Druck setzen. Die aktuelle Risikoprämie wirkt diesem Effekt jedoch entgegen und stützt die Preise. Die schwankenden Ölpreise machen den Aktienmarkt volatil und für Anlegerinnen und Anleger wird es schwierig sich zu orientieren.

Es stellt sich deshalb die Frage, welche Branchen in den unterschiedlichen Szenarien profitieren.

Szenario 1: Der Ölpreis steigt weiter

Ein nachhaltiger Anstieg über 110 oder gar 120 Dollar je Barrel wäre vor allem dann denkbar, wenn sich der Konflikt im Nahen Osten weiter verschärft und die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus eingeschränkt bleibt. Da rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls diese Meerenge passiert, können Lieferunterbrüche erhebliche Auswirkungen auf den Weltmarkt haben.

Öl- und Gasproduzenten

Öl- und Gasunternehmen gehören zu den unmittelbaren Gewinnern steigender Ölpreise. Konzerne wie Shell, BP oder TotalEnergies profitieren von höheren Verkaufspreisen und steigenden Gewinnen. Gleichzeitig erhöhen sie die Investitionen in neue Förderprojekte, da steigende Ölpreise solche Explorationen rentabler machen.

Investitionsgüterindustrie

Von diesen Investitionen profitiert auch die Investitionsgüterindustrie. Sie steigern die Nachfrage nach Bohranlagen, Spezialmaschinen und technischen Dienstleistungen. Zu den Profiteuren gehören Unternehmen wie Transocean, Baker Hughes oder NOV.

ABB liefert Automatisierungs- und Elektrifizierungslösungen für Förderanlagen, Raffinerien und Stromnetze. Steigende Investitionen in die Energieinfrastruktur erhöhen die Nachfrage nach diesen Produkten. Burckhardt Compression stellt Kompressorsysteme für die Gas-, Chemie- und Energieindustrie her. Eine höhere Investitionstätigkeit im Öl- und Gassektor dürfte sich positiv auf den Auftragseingang auswirken.

Auch Sulzer liefert Pumpen, Mischtechnik und Servicelösungen für Raffinerien sowie die Öl- und Gasindustrie. Investitionen in Energieprojekte zählen zu den wichtigsten Nachfragefaktoren für das Unternehmen.

Während ABB den Schwung nutzen konnte und seit Kriegsbeginn 13 Prozent im Plus liegt, haben Burckhardt und Sulzer noch aufholbedarf.

Szenario 2: Der Ölpreis fällt

Ebenso gut ist aber auch das Gegenteil denkbar. Sollten sich die geopolitischen Spannungen entspannen und die OPEC+ ihre Förderung ausweiten, könnte der Ölpreis wieder deutlich unter 80 Dollar je Barrel sinken. In diesem Fall würde ein strukturelles Überangebot den Markt dominieren.

Luftfahrt

Kerosin gehört zu den grössten Kostenblöcken von Fluggesellschaften und macht rund 30 Prozent der operativen Kosten aus. Aufgrund der Eskalation im Nahen Osten stieg dieser Anteil bei einzelnen Airlines aufgrund der höheren Ölpreise zeitweise auf bis zu 50 Prozent.

Sinkende Ölpreise verbessern die Gewinnmargen der Fluggesellschaften unmittelbar. Da viele Airlines ihre Ticketpreise zuletzt erhöht haben, könnten tiefere Treibstoffkosten die Profitabilität zusätzlich steigern.

Logistik

Auch Logistikunternehmen mit grossen Flugzeug- oder Schiffsflotten profitieren von sinkenden Treibstoffkosten. Transportkosten machen einen wesentlichen Teil ihrer Ausgaben aus.

Eine Ausnahme bildet Kühne + Nagel. Das Unternehmen erzielt einen grossen Teil seiner Erträge mit komplexen Logistik- und Lieferkettenlösungen. Höhere Frachtraten und eine steigende Nachfrage nach spezialisierten Transportdienstleistungen können deshalb sogar positiv auf das Geschäft wirken.

Industrie- und Bauunternehmen

Industrie- und Bauunternehmen profitieren von einem tieferen Ölpreis vor allem durch sinkende Energie-, Transport- und Rohstoffkosten. Da Erdöl entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette eingesetzt wird, verbessert ein Preisrückgang die Margen vieler zyklischer Unternehmen und stärkt gleichzeitig die globale Nachfrage.

Besonders stark profitiert der Bausektor, da sowohl die Herstellung als auch der Transport von Baumaterialien sehr energieintensiv sind. An der Schweizer Börse zählen insbesondere Holcim, Amrize, Sika und Geberit zu den möglichen Gewinnern eines sinkenden Ölpreises.

Fazit

Der Ölmarkt bleibt einer der wichtigsten Unsicherheitsfaktoren für die Weltwirtschaft. Kurzfristig dürfte die geopolitische Entwicklung im Nahen Osten die Preisentwicklung bestimmen. Mittel- bis langfristig werden jedoch wieder die fundamentalen Faktoren wie Angebot, Nachfrage und die Förderpolitik der OPEC+ den Ton angeben.

Für Anlegerinnen und Anleger lohnt es sich deshalb, nicht nur auf die Richtung des Ölpreises zu achten. Entscheidend ist vielmehr, welche Unternehmen in den unterschiedlichen Szenarien profitieren oder ihre Ertragskraft auch bei stark schwankenden Energiepreisen behaupten können.

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