VZ Analyse
Bei Aktien-Indizes gilt: Erfolgreiche und wachsende Unternehmen erhalten das grösste Gewicht. Bei Obligationen-Indizes ist es genau umgekehrt. Wer am meisten Schulden macht, wiegt am schwersten.
Publiziert vor 3 Stunden
Beschreibung
Wer einen klassischen Obligationen-ETF kauft - etwa auf den weit verbreiteten Bloomberg Global Aggregate Bond Index - investiert in einen Index mit 32’269 Anleihen in 27 verschiedenen Emissionswährungen (Stand per 30. Juni 2026). Die spannende Frage ist, wie stark einzelne Länder und Anleihen im Index vertreten sind.
Die Antwort überrascht viele Anleger: Massgebend ist der ausstehende Nominalwert einer Anleihe, also schlicht die Höhe der Schulden, die ein Staat oder Unternehmen am Markt aufgenommen hat. Nicht die Bonität, Qualität oder die Wachstumsaussichten des Schuldners.
Der Bloomberg Global Aggregate Index ist zwar nach Marktwert gerichtet. Da Anleihen jedoch meist nahe ihrem Rückzahlungswert handeln, entspricht diese Gewichtung in der Praxis weitgehend der Gewichtung nach dem ausstehenden Schuldenvolumen.
Konkret heisst das: Ein Staat, der besonders viele Anleihen ausstehend hat, bekommt automatisch das grösste Gewicht im Index. Oder anders gesagt: Wer am meisten Schulden hat, dominiert den Index.
Die USA setzen den Massstab
Wie stark dieser Effekt wirkt, zeigt der Blick auf die Länderstruktur. Der US-Dollar-Raum macht rund 34 Prozent des Bloomberg Global Aggregate Index aus. In den grössten Einzelpositionen der entsprechenden ETF dominieren folglich US-Staatsanleihen sowie Papiere staatsnaher US-Emittenten wie der Hypothekenagentur Fannie Mae. China folgt mit rund zehn Prozent.
Dieser Mechanismus beschränkt sich nicht auf Staatsanleihen. Auch bei Unternehmensanleihen erhalten jene Firmen das grösste Gewicht, die besonders viele Anleihen ausstehend haben. Ein grosser, stark fremdfinanzierter Konzern kann so schwerer wiegen als ein finanziell kerngesundes Unternehmen mit wenig Schulden.
Ist das ein Problem?
Diese Marktgewichtung hat durchaus Vorteile: Sie bildet das investierbare Universum ab, sorgt für eine hohe Liquidität und lässt sich kostengünstig sowie transparent nachbilden. Deshalb sind marktgewichtete Obligationen-ETF für die meisten Anlegerinnen und Anleger ein solides, kostengünstiges Fundament.
Die Kehrseite ist ein Klumpenrisiko: Hochverschuldete Emittenten prägen das Portfolio überproportional, und die Methode kann prozyklisch wirken. Wer mehr Schulden aufnimmt, erhält tendenziell mehr Kapital vom Markt.
Welche Alternativen es gibt
Wer die Konzentration bewusst steuern will, kann sich an einem Bruttoinlandprodukt (BIP)-gewichteten Ansatz orientieren. Dabei richtet sich das Gewicht der Länder nach ihrer Wirtschaftsleistung statt nach ihrer Verschuldung und reduziert das Übergewicht der grössten Schuldner.
Für Schweizer Anleger ist dieser Ansatz derzeit allerdings noch kaum zugänglich. Amundi hat zwar im Mai dieses Jahres einen BIP-gewichteten ETF lanciert, welchers allerdings noch nicht zum Vertrieb in der Schweiz zugelassen ist.
Beim BIP-gewichteten Ansatz sinkt das Gewicht der USA von rund 34 Prozent im klassischen Index auf etwa 26 Prozent.
Fazit
Klassische Obligationen-Indizes gewichten Emittenten nach ihrem ausstehenden Schuldenvolumen. Dadurch erhalten die grössten Schuldner das höchste Gewicht im Index. Alternative Ansätze wie eine BIP-Gewichtung können diese Konzentration reduzieren, entsprechende Produkte sind für Schweizer Anleger derzeit jedoch noch nicht verfügbar.
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