Musenkuss für Meta: Wie Zuckerberg KI zu Geld machen will
VZ Analyse
Mit dem KI-Agenten Muse zeigt Meta erstmals, wie sich die milliardenschweren KI-Investitionen auszahlen könnten. Die Aktie eilt von Rekord zu Rekord. Doch Zuckerberg setzt auf mehr als KI: Er wettet auf die Zeit nach dem Smartphone.
Publiziert 30. Sep 2026
Autor
Andreas Paciorek
Funktion Anlageexperte
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Noch im Sommer galt Meta an der Börse als Sorgenkind unter den Tech-Riesen. Die Ausgaben für künstliche Intelligenz (KI) explodierten, der Gewinn schrumpfte, und nach den Quartalszahlen Ende Juli geriet die Aktie unter Druck.
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Dann kam der 8. September: Meta lancierte in den USA Muse, einen persönlichen KI-Agenten, der innert weniger Tage an die Spitze der amerikanischen App-Charts kletterte. Die Aktie stieg seither deutlich und steuert auf ihren stärksten Monat seit Jahren zu. Analysten sehen darin den ersten Hinweis darauf, dass sich Metas milliardenschwere KI-Offensive auch wirtschaftlich auszahlen könnte.
Muse ist mehr als ein weiterer Chatbot
Die meisten Menschen nutzen KI heute über Anwendungen wie ChatGPT. Man stellt eine Frage und erhält eine Antwort. Die nächste Entwicklungsstufe sind sogenannte KI-Agenten. Sie beantworten nicht nur Fragen, sondern erledigen selbstständig Aufgaben.
Genau das soll Muse können: E-Mails versenden, Reisen buchen, Formulare ausfüllen oder Einkäufe tätigen. Bei länger dauernden Aufgaben arbeitet der Assistent sogar weiter, nachdem die App bereits geschlossen wurde. Meta positioniert Muse damit bewusst anders als klassische Chatbots. Statt Informationen zu liefern, soll der Agent handeln.
Angetrieben wird Muse vom Modell Muse Spark. Dahinter stehen die Meta Superintelligence Labs, die Konzernchef Mark Zuckerberg nach dem enttäuschenden Start von Llama 4 aufgebaut hat. Dafür investierte der Konzern Milliarden in neue KI-Infrastruktur und verstärkte sich mit hochkarätigen Fachkräften. Anders als bei früheren Projekten verfolgt Meta diesmal einen deutlich stärker kommerziell ausgerichteten Ansatz.
Gratis nutzen, langfristig an Transaktionen verdienen
Wie Meta mit Muse Geld verdienen will, erläuterte Zuckerberg an der Entwicklerkonferenz Connect.
Für die meisten Nutzer soll Muse kostenlos bleiben. Wer den Dienst intensiver nutzt, kann kostenpflichtige Abonnemente für 20 oder 100 Dollar pro Monat abschliessen. Die eigentliche Chance sieht Meta jedoch an anderer Stelle: Langfristig könnte der Konzern an Transaktionen mitverdienen, die Muse über angebundene Händler und Bezahldienste vermittelt oder abwickelt.
Bereits heute arbeitet Meta mit verschiedenen Zahlungs- und Handelsplattformen zusammen. Muse kann Produkte suchen, vergleichen und bestellen. Gelingt es dem Konzern, sich als Vermittler zwischen Konsumenten und Händlern zu etablieren, könnte daraus ein zusätzliches Geschäftsfeld entstehen. Wie ein solches Gebührenmodell konkret aussehen würde, hat Meta allerdings noch nicht offengelegt.
Für Anleger ist das besonders interessant, weil Meta damit erstmals eine neue Ertragsquelle ausserhalb des Werbegeschäfts in Aussicht stellt. Jahrzehntelang beruhte das Geschäftsmodell fast ausschliesslich auf Werbung. Muse könnte dies verändern.
Die grössere Wette heisst Hardware
Hinzu kommt die Hardware. Muse soll künftig auf Metas KI-Brillen verfügbar sein. Zudem präsentierte Zuckerberg mit "Muse Charm" einen kleinen Anhänger mit Bildschirm, Kamera und Fingerabdrucksensor.
Auf den ersten Blick wirken diese Geräte wie Zubehör für den KI-Agenten. Tatsächlich könnten sie der wichtigere Teil der Strategie sein. Zuckerberg versucht seit Jahren, die Abhängigkeit von Apple und dessen iPhone zu überwinden. Heute erreicht Meta seine Nutzer vor allem über Geräte und Plattformen anderer Unternehmen. Künftig sollen KI-Brillen und persönliche Assistenten den direkten Zugang zum Nutzer herstellen.
Die Vision dahinter: Statt einzelne Apps zu öffnen, kommunizieren Nutzer direkt mit einem Assistenten, der Aufgaben erledigt und Informationen beschafft. Sollte sich dieser Ansatz durchsetzen, könnte sich die Art verändern, wie Menschen mit dem Internet interagieren. Für Meta wäre dies die Chance, selbst zum Torwächter dieser neuen Plattform zu werden.
Warum die Börse jubelt
Die Begeisterung der Anleger hat vor allem mit den enormen KI-Investitionen zu tun.
Metas Kerngeschäft läuft weiterhin hervorragend. Im zweiten Quartal stiegen die Werbeeinnahmen um 27 Prozent auf 59,4 Milliarden Dollar. Gleichzeitig plant der Konzern in diesem Jahr Investitionen von 130 bis 145 Milliarden Dollar, hauptsächlich für Rechenzentren und KI-Infrastruktur.
Der freie Cashflow brach deshalb im zweiten Quartal um rund 90 Prozent ein. Viele Anleger fragten sich, wann und wie sich diese Ausgaben auszahlen sollen.
Muse wird von vielen Anlegern als erste plausible Antwort auf die Frage gesehen, wie sich die hohen KI-Investitionen künftig monetarisieren lassen könnten. Anleger sehen darin nicht nur einen weiteren KI-Dienst, sondern den möglichen Beginn eines neuen Geschäftsmodells. Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung des Konzerns verändert: Noch vor wenigen Monaten galt Meta als Nachzügler im KI-Rennen. Heute sehen viele Investoren den Konzern wieder als einen der Taktgeber der Branche.
Die Analysten reagierten entsprechend positiv und erhöhten ihre Kursziele. Laut Daten von Yahoo Finance empfehlen derzeit 73 Analysten die Aktie zum Kauf, sechs zum Halten und keiner zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 787 Dollar. Zudem bezeichnete Evercore ISI Meta nach der Connect-Konferenz als seinen bevorzugten KI-Titel und bekräftigte sein Kursziel von 860 Dollar.
... und wo der Haken liegt
Trotz der Euphorie bleiben mehrere Fragezeichen.
Erstens ist noch unklar, ob aus einem erfolgreichen Produkt auch ein profitables Geschäft wird. Hohe Downloadzahlen bedeuten nicht automatisch hohe Einnahmen.
Zweitens beruht das Konzept auf Vertrauen. Wer Muse nutzen möchte, muss dem Assistenten Zugriff auf persönliche Informationen wie E-Mails, Kalender oder Zahlungsdienste gewähren. Ob Nutzer dazu langfristig bereit sind, wird sich erst zeigen.
Drittens verschärft sich der Wettbewerb. Google, Microsoft, OpenAI und andere Anbieter entwickeln ebenfalls KI-Agenten. Technologisch gilt Muse Spark zwar als leistungsfähig, als uneinholbarer Vorsprung wird er aber nicht betrachtet.
Schliesslich ist auch die Bewertung anspruchsvoll geworden. Nach der jüngsten Kursrally wird Meta mit einem deutlichen Aufschlag gegenüber dem breiten US-Aktienmarkt bewertet. Das lässt weniger Raum für Enttäuschungen.
Die Konkurrenz schläft nicht
Im KI-Rennen geht es längst nicht mehr nur um bessere Modelle. Die eigentliche Frage lautet, wer künftig den Zugang der Nutzer zum Internet kontrolliert.
Google setzt auf die Verbindung von KI mit Suche, Gmail und Android. Apple verfügt über die installierte Basis von Milliarden Geräten. Microsoft wiederum integriert seinen Copilot tief in Programme wie Word, Excel und Outlook.
Meta verfolgt einen anderen Ansatz. Der Konzern verbindet KI mit seiner enormen Reichweite. Mehr als drei Milliarden Menschen nutzen täglich mindestens eine der Plattformen Facebook, Instagram oder WhatsApp. Gelingt es Meta, Muse tief in dieses Ökosystem einzubetten, könnte daraus ein bedeutender Wettbewerbsvorteil entstehen.
Die Schweiz schaut vorerst zu
Wer Muse in der Schweiz ausprobieren möchte, braucht sich vorerst nicht zu freuen. Der Dienst ist bislang nur in ausgewählten Märkten verfügbar. Weder die Schweiz noch die EU gehören derzeit dazu.
Meta hat bislang keinen konkreten Termin für den Start in Europa genannt. Strengere Anforderungen an Datenschutz, Transparenz und automatisierte Entscheidungen dürften dabei eine Rolle spielen. Ob das Konzept funktioniert, dürfte sich deshalb zunächst vor allem im amerikanischen Weihnachtsgeschäft zeigen.
Die Zukunft bleibt offen
Die rasche Kurswende bei Meta zeigt, wie schnell sich die Stimmung im KI-Sektor verändern kann. Vor wenigen Wochen sorgten die hohen Investitionen noch für Skepsis, heute steht das mögliche Ertragspotenzial im Vordergrund.
Wer am Ende den Markt für KI-Agenten dominieren wird, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Noch schwieriger ist die Frage, ob daraus tatsächlich die nächste grosse Computerplattform entsteht.
Für langfristig orientierte Anleger spricht gerade deshalb vieles für eine breite Diversifikation. In einem weltweiten ETF sind die führenden Technologiekonzerne bereits enthalten. Wer breit investiert, kann an den Chancen der KI-Entwicklung teilhaben, ohne auf den Erfolg eines einzelnen Unternehmens angewiesen zu sein.
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