Lohnt sich für Anleger nun eine Brasilien-Wette?
VZ Analyse
Brasilien befindet sich in einer richtungsweisenden Präsidentschaftswahl. Nach dem ersten Wahlgang ist das Rennen völlig offen. Gleichzeitig lockt der Aktienmarkt mit tiefen Bewertungen und hohen Dividendenrenditen.
vor 8 Stunden
Am Sonntag hat Brasilien abgestimmt. Herausforderer Flávio Bolsonaro liegt derzeit vorne, hat aber die nötige absolute Mehrheit verfehlt. Deshalb wird der Wahlausgang mit einer Stichwahl am 25. Oktober entschieden. Die Wahl findet vor dem Hintergrund anhaltender Korruptionsskandale statt. Doch auch für die Finanzmärkte steht viel auf dem Spiel.
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Merkblatt
Die Ausgangslage erinnert stark an die jüngste Turnaround-Story in Argentinien. Brasiliens Amtsinhaber Lula tritt für einen stärkeren Staat und höhere Ausgaben ein, während Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten, für eine marktfreundlichere Wirtschaftspolitik und mehr Haushaltsdisziplin steht. Der brasilianische Aktienmarkt geht mit viel Rückenwind in die Wahl. Seit Anfang 2025 hat der MSCI Brazil mehr als 50 Prozent zugelegt.
Der Wahlausgang könnte weitere Impulse für die Börse liefern. In Argentinien haben sich Börsenkurse seit der Wahl des wirtschaftsfreundlichen Milei im Jahr 2023 praktisch verdreifacht. Auch in Brasilien besteht viel Potenzial für weitere Kursgewinne.
Günstige Bewertungen trotz der Börsenrally
Trotz der starken Kursgewinne der letzten Jahre sind brasilianische Aktien im internationalen Vergleich weiterhin günstig bewertet. Der MSCI Brazil weist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 9,3 auf. Beim MSCI Emerging Markets liegt das KGV bei 15,2, beim globalen MSCI ACWI, welcher auch in Industrieländer investiert, bei 21,9. Anleger bezahlen für brasilianische Unternehmensgewinne damit deutlich weniger als für jene anderer Schwellen- oder Industrieländer. Attraktiv ist zudem die Dividendenrendite von über 5 Prozent.
Die tiefe Bewertung ist allerdings nicht nur eine Chance. Sie spiegelt auch die erhöhten politischen, wirtschaftlichen und währungsspezifischen Risiken. Für ESG-affine Anleger stellt zudem der hohe Anteil an Unternehmen mit Verstössen gegen die Prinzipien des UN Global Compact, etwa im Bereich Korruption oder Menschenrechte, einen Nachteil dar. Bei anderen ESG-Kriterien wie der CO₂-Intensität oder ESG-Ratings schneidet der MSCI Brazil hingegen ähnlich ab wie andere Schwellenländer.
Banken, Öl und Bergbau dominieren
Ein weiteres Risiko ist die hohe Konzentration des brasilianischen Aktienmarkts. Finanzwerte machen rund 40 Prozent des MSCI Brazil aus, Energie- und Rohstoffunternehmen weitere knapp 30 Prozent. Zu den grössten Positionen zählen Vale, Nubank, Itaú Unibanco, Petrobras und Banco Bradesco. Die zehn grössten Titel vereinen einen beträchtlichen Teil des Index auf sich.
Banken profitieren vom hohen Zinsniveau, während Bergbauunternehmen von der steigenden Nachfrage nach Rohstoffen für KI-Infrastruktur und die Energiewende profitieren. Die infolge des Konflikts im Nahen Osten gestiegenen Ölpreise sorgen zudem für hohe Gewinne bei den Energieunternehmen.
Die starke Gewichtung von Banken sowie Öl- und Bergbaukonzernen birgt jedoch Klumpenrisiken. Fallende Rohstoffpreise, eine Konjunkturabschwächung oder politische Eingriffe bei staatsnahen Unternehmen könnten den Gesamtmarkt empfindlich belasten.
Die Währung als zweite Wette
Für Anleger hängt die Rendite nicht nur von der Entwicklung der Aktienkurse ab, sondern auch vom brasilianischen Real. Die Währung hat 2026 gegenüber dem Franken und dem US-Dollar bereits aufgewertet. Hohe Realzinsen, steigende Rohstoffpreise und die Hoffnung auf einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel haben den Real gestützt.
Ein Sieg Bolsonaros könnte zu einer strengeren Fiskalpolitik und engeren Beziehungen zu den USA führen. Dies könnte dem Real zusätzlichen Auftrieb verleihen. Ein ähnliches Muster war zuletzt in Kolumbien zu beobachten, wo der Peso nach den Wahlen zeitweise um bis zu 10 Prozent aufwertete.
Belastend wirkt hingegen die Geldpolitik. Die brasilianische Zentralbank senkte den Leitzins im September um 0,25 Prozentpunkte auf 13,75 Prozent. Weitere Zinssenkungen würden den Real tendenziell weniger attraktiv machen, könnten aber dafür Wirtschaft und Aktienmarkt unterstützen.
Die Entwicklung des Real bleibt für den brasilianischen Markt zentral. Allerdings erzielen insbesondere die grossen Bergbauunternehmen ihre Umsätze überwiegend in US-Dollar. Für Anleger aus der Schweiz bleibt ein Investment in Brasilien also auch eine Währungswette.
Mit ETF auf Brasilien setzen
Für Anleger, die das politische und währungsspezifische Risiko akzeptieren, stehen verschiedene ETFs zur Verfügung. Franklin setzt nicht auf den MSCI Brazil Index, sondern auf den FTSE Brazil 31/18 Issuer-Capped Index. Der wichtigste Unterschied liegt in der geringeren Gewichtung des Finanzsektors.
Einen ESG-ETF mit ausschliesslichem Fokus auf Brasilien gibt es derzeit nicht. Brasilien macht jedoch rund 5 Prozent des MSCI Emerging Markets aus. Anleger können deshalb auf ESG-Varianten von Schwellenländerindizes ausweichen, die beispielsweise Unternehmen mit Verstössen gegen den UN Global Compact ausschliessen.
Fazit: Brasilien tickt viele Anleger-Boxen, ist aber keine risikolose Wahlwette
Brasilianische Aktien bieten eine interessante Kombination aus tiefen Bewertungen, hohen Dividendenrenditen, sinkenden Leitzinsen und einer starken Position im Energie- und Rohstoffsektor. Ein wirtschaftsfreundlicher Wahlausgang könnte sowohl den Real als auch die Börse zusätzlich beflügeln und zu einer Rally nach Argentinischem Vorbild führen.
Dem potenziellen Aufwärtspotenzial stehen jedoch auch Risiken gegenüber. Eine weitere Amtszeit Lulas könnte Hoffnungen auf eine fiskalische Konsolidierung enttäuschen und damit den Real schwächen. Aber auch ein Sieg Bolsonaros wäre keine Garantie für Strukturreformen, da der Präsident weiterhin auf Mehrheiten im stark fragmentierten Kongress angewiesen wäre.
Disclaimer: Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG. Sofern ein Basisinformationsblatt für die aufgezeigten Produkte erstellt wurde, kann dieses unter https://www.vermoegenszentrum.ch/boersen-und-maerkte/uebersicht bezogen werden. Ausserdem können Finanzinstrumente aufgeführt sein, welche nur von qualifizierten Anlegern gemäss KAG erworben werden können.