Läuft Roche Novartis den Rang ab?

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Lange hatte Novartis gegenüber Roche die Nase vorn. Doch jüngste Studienerfolge und Rückschläge lassen das Pendel wieder in Richtung Roche ausschlagen. Steht den beiden Schweizer Pharmaschwergewichten ein Momentumwechsel bevor?

Publiziert 23. Sep 2026

Autor

Christian Huber

Funktion Anlageexperte

Unterschiedlicher könnte die Stimmung bei den beiden Schweizer Pharmaschwergewichten derzeit kaum sein. Während Roche mit positiven Studienergebnissen überzeugt, musste Novartis bei der Entwicklung neuer Medikamente empfindliche Rückschläge hinnehmen. 

Das zeigt sich auch an der Börse: Novartis erlitt Anfang September den grössten Tagesverlust seiner Geschichte, während die Roche-Aktien im dritten Quartal deutlich zulegten. Damit stellt sich die Frage, ob das Pendel wieder in Richtung Roche ausschlägt oder ob Novartis das Momentum zurückgewinnen kann.

Wie Novartis Roche davonzog

Nach der Coronapandemie entwickelten sich die beiden Pharmakonzerne unterschiedlich. Roche verlor den Rückenwind aus dem Diagnostikgeschäft, während Novartis dank einer klareren Ausrichtung stärker wachsen konnte.

Novartis hatte bereits 2019 die Augenheilmittelsparte Alcon abgespalten. Mit der Abspaltung von Sandoz und dem Geschäft mit Nachahmermedikamenten folgte 2023 ein weiterer Schritt. Seither konzentriert sich der Konzern vollständig auf die Entwicklung und Vermarktung innovativer Medikamente.

Diese Strategie zahlte sich aus. Medikamente wie Kisqali, Kesimpta und Pluvicto entwickelten sich zu wichtigen Wachstumstreibern. Novartis profitierte von einer breiten Palette erfolgreicher Behandlungen und konnte den Umsatz kontinuierlich steigern.

Bei Roche zeigte sich dagegen ein anderes Bild. Der Konzern kämpfte mit dem zunehmenden Wettbewerb durch Biosimilars, also günstigere Nachahmerprodukte biologischer Medikamente. Diese setzten wichtige Umsatzträger unter Druck. Gleichzeitig blieben bei der Entwicklung neuer Medikamente die erhofften Erfolge teilweise aus.

Während Novartis mit bestehenden Medikamenten überzeugte, musste Roche Umsatzverluste ausgleichen und neue Wachstumstreiber finden.

Seit September scheint sich das Blatt jedoch zu wenden. Mehrere wichtige Studienergebnisse von Novartis enttäuschten und warfen Fragen zu den künftigen Wachstumsaussichten auf (mehr dazu finden Sie hier). Ausgerechnet in dieser Phase konnte Roche mit mehreren Forschungserfolgen überzeugen.

 

Mehr Optionen für Roche

Bereits im ersten Halbjahr zeigte Roche eine solide Geschäftsentwicklung. Zwar lag der Umsatz aufgrund des starken Schweizer Frankens zwei Prozent unter dem Vorjahreswert. Währungsbereinigt legte der Konzern jedoch zu und steigerte den Gewinn um neun Prozent. Insbesondere das Pharmageschäft trug zum Wachstum bei.

Künftig könnte sich die Entwicklung weiter beschleunigen. Roche gehört zu den Pharmaunternehmen, die weltweit am meisten in Forschung und Entwicklung investieren. Diese hohen Ausgaben scheinen sich zunehmend auszuzahlen.

Zuletzt überzeugte Roche mit Studienergebnissen aus verschiedenen Therapiegebieten. So zeigte das Augenmedikament Vabysmo bei einer schwer behandelbaren Netzhauterkrankung positive Ergebnisse und verbesserte die Sehschärfe der Patienten. Gemeinsam mit einem chinesischen Partner konnte Roche zudem zeigen, dass eine neue Antikörperbehandlung das Fortschreiten einer aggressiven Form von Lungenkrebs verlangsamen kann.

Die grösste Aufmerksamkeit erhielt jedoch ein anderes Medikament: Enicepatide.

In einer Phase-II-Studie senkte der Wirkstoff bei Patienten mit Typ-2-Diabetes den Blutzuckerspiegel und führte über 48 Wochen zu einem Gewichtsverlust von 15,5 Prozent. Die Ergebnisse sorgten für Aufmerksamkeit, weil sie mit den Resultaten führender Behandlungen von Eli Lilly vergleichbar sind.

Für Roche eröffnet sich damit eine neue Wachstumschance. Der Konzern könnte künftig im stark wachsenden Markt für Medikamente gegen Übergewicht mitmischen. Bereits im kommenden Jahr soll die entscheidende Phase-III-Studie beginnen.

Bis zu einer möglichen Zulassung bleibt der Weg allerdings lang. Dennoch zeigen die bisherigen Ergebnisse, welches Potenzial in der Forschungspipeline von Roche steckt.

Die Aussichten für die Pharmaschwergewichte

Roche befindet sich derzeit auf einer Erfolgswelle, während Novartis Rückschläge verkraften muss. Dieser Gegensatz prägt jedoch vor allem die kurzfristige Wahrnehmung an der Börse. Ein Blick auf die Geschäftsentwicklung zeigt, dass beide Unternehmen weiterhin gut aufgestellt sind. Beide konnten zuletzt wachsen und überzeugende Ergebnisse vorlegen.

Die grosse Herausforderung bleibt für beide dieselbe: Sie müssen laufend neue Medikamente entwickeln, um bestehende Umsatzträger zu ergänzen und langfristig zu ersetzen. Denn auch erfolgreiche Behandlungen verlieren irgendwann ihren Patentschutz und geraten durch günstigere Konkurrenzprodukte unter Druck.

Weder Roche noch Novartis steht unmittelbar vor einer Patentklippe, bei der mehrere wichtige Medikamente gleichzeitig ihren Schutz verlieren. Dennoch entscheiden die heutigen Forschungserfolge über das Wachstum von morgen.

Dabei scheint Roche derzeit das stärkere Momentum zu haben. Besonders die vielversprechenden Ergebnisse im Bereich der Abnehmmedikamente eröffnen dem Konzern zusätzliche Perspektiven. Allerdings muss Enicepatide seine Wirksamkeit und Sicherheit erst noch in einer grösseren Phase-III-Studie bestätigen. Bis dahin bleibt offen, ob Roche tatsächlich zu einem bedeutenden Anbieter in diesem Markt aufsteigen kann.

Auch Novartis verfügt weiterhin über eine gut gefüllte Forschungspipeline und mehrere stark wachsende Medikamente. Die jüngsten Rückschläge ändern nichts daran, dass der Konzern in den vergangenen Jahren eine solide Grundlage für weiteres Wachstum geschaffen hat.

Entscheidend wird deshalb sein, ob Novartis seine bestehenden Wachstumstreiber weiter stärken und Roche seine jüngsten Forschungserfolge in neue Umsatzquellen umwandeln kann. Gelingt dies beiden Unternehmen, könnten nicht nur ihre Aktien profitieren, sondern auch dem Schweizer Aktienmarkt Rückenwind verleihen.

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