Klimakosten im Anflug: Welche Airlines geraten unter Druck?
VZ Analyse
Mit Beginn der Sommerreisezeit blickt die Luftfahrtbranche auf ihre wichtigste Saison. Die Aktien vieler Fluggesellschaften haben sich 2026 trotz gestiegener Treibstoffkosten deutlich erholt. Für Investoren rückt jedoch ein strukturelles Risiko stärker in den Fokus.
Publiziert 21. Jul 2026
Autor
Jonas Wieckert
Funktion Anlageexperte
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Vor allem europäische Airlines müssen künftig mehr nachhaltigen Treibstoff einsetzen und höhere Kosten für CO2-Emissionen tragen.
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Factsheet
Bloomberg schätzt, dass die Umweltkosten der Branche bis 2035 auf rund 48 Milliarden Dollar steigen könnten. Das wäre etwa viermal so viel wie heute.
Für Anleger stellt sich deshalb die Frage, welche Fluggesellschaften diese zusätzlichen Belastungen am besten verkraften und an die Kunden weitergeben können.
Klimakosten treffen Europas Airlines besonders stark
Besonders betroffen sind europäische Anbieter. In der EU werden die Vorgaben für "nachhaltige Flugtreibstoffe" (engl. Sustainable Aviation Fuels) sowie die Kosten aus dem Emissionshandel schrittweise verschärft. Gleichzeitig werden Alternativen zum Flugverkehr, etwa Nachtzüge, politisch gefördert. Airlines in den USA, im Nahen Osten oder in Asien sind regulatorisch weniger stark betroffen.
Ein Blick auf die CO2-Intensitäten zeigt jedoch, dass die Ausgangslage nicht bei allen europäischen Airlines gleich ist. Gemessen an den CO2-Emissionen pro Million Dollar Umsatz liegen Lufthansa, easyJet und Air France-KLM mit Werten um 640 bis 674 unter Ryanair, Cathay Pacific oder Singapore Airlines. Ryanair kommt in der Tabelle auf rund 1098, Singapore Airlines auf 1179.
Trotzdem bleiben europäische Gesellschaften stärker von Regulierung betroffen, da sie mit höheren Abgaben rechnen müssen. Besonders exponiert sind Billigfluggesellschaften mit hohem innereuropäischem Streckenanteil. EasyJet und Ryanair erwirtschaften einen grossen Teil ihres Geschäfts innerhalb Europas und fallen damit besonders stark unter die europäischen Klimavorgaben. Für Aktionäre ist das relevant, weil gerade diese Gesellschaften bisher stark von ihrer Kostenführerschaft gelebt haben.
Können Airlines die höheren Kosten weitergeben?
Die zentrale Investmentfrage lautet nicht, ob die Kosten steigen. Entscheidend ist, ob Airlines diese an ihre Kunden weiterreichen können.
Erste Hinweise sprechen dafür. Lufthansa erhebt bereits Umweltzuschläge von bis zu 72 Euro pro Ticket. Auch Air France-KLM verlangt Klimazuschläge. Die Branche versucht also schon heute, einen Teil der zusätzlichen Belastungen auf die Passagiere zu überwälzen.
Gelingt dies dauerhaft, könnten die Auswirkungen auf die Gewinne begrenzt bleiben. Misslingt es, droht besonders europäischen Airlines Margendruck. Für Investoren wird damit die Preissetzungsmacht zu einem zentralen Auswahlkriterium.
EasyJet zwischen Übernahmefantasie und Klimarisiken
Im Mittelpunkt steht derzeit easyJet. Die Airline wird an der Börse mit 5,6 Milliarden Franken bewertet, während Konkurrent Ryanair auf mehr als 25 Milliarden Franken kommt.
Zwar hat die easyJet-Aktie seit Jahresbeginn rund 38 Prozent zugelegt. Seit 2020 liegt der Titel aber noch immer rund 47 Prozent im Minus. Ryanair kommt im selben Zeitraum auf ein Plus von rund 61 Prozent.
Diese Diskrepanz könnte erklären, weshalb easyJet zum Übernahmeziel geworden ist. Reuters berichtete vergangene Woche über ein Angebot von Apollo Global Management im Umfang von rund 7,7 Milliarden US-Dollar. Nachdem bereits ein Konkurrenzangebot vorlag, ist ein Bieterwettstreit entstanden.
Für Anleger zeigt dies: Finanzinvestoren scheinen den Wert von easyJet höher einzuschätzen als der Aktienmarkt. Gleichzeitig bleibt der Titel wegen Klimakosten und regulatorischer Belastungen risikobehaftet.
Lufthansa und IAG wirken günstig
Auch andere europäische Airline-Aktien werden mit tiefen Bewertungen gehandelt. Lufthansa kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 7, IAG, die Muttergesellschaft von British Airways und Iberia, auf gut 7.
Damit sind beide deutlich günstiger bewertet als viele US-Fluggesellschaften. Delta wird mit einem KGV von rund 15,6 gehandelt, Southwest sogar mit über 30.
Der Bewertungsabschlag dürfte teilweise die Sorge widerspiegeln, dass europäische Airlines künftig stärker von Klimakosten betroffen sind. Gleichzeitig könnte darin auch eine Chance liegen, falls die Unternehmen höhere Kosten erfolgreich weitergeben können oder die geplanten Abgaben wieder zurückgefahren werden.
Treibstoffpreise und Geopolitik bleiben Risiken
Neben der Regulierung bleiben Energiepreise und geopolitische Risiken wichtig. Der Iran-Konflikt führte 2026 zeitweise zu einem deutlichen Anstieg der Öl- und Kerosinpreise. Zwar haben sich die Preise inzwischen wieder zurückgebildet. Die Ereignisse zeigen aber, wie schnell externe Schocks die Margen der Airlines belasten können.
Gerade Fluggesellschaften mit tiefer Preissetzungsmacht oder schwacher Bilanz bleiben dadurch anfällig.
Fazit für Anleger
Die Luftfahrt bleibt eine Branche mit widersprüchlichen Signalen. Die Reisenachfrage ist robust, viele Aktien haben sich 2026 erholt und einige Titel wirken günstig bewertet. Gleichzeitig steigen die strukturellen Kosten.
Für Anleger dürfte deshalb weniger entscheidend sein, welche Airline am schnellsten wächst. Wichtiger ist, welche Gesellschaft höhere Klima-, Treibstoff- und Regulierungskosten an die Kunden weitergeben kann.
Gelingt dies, könnten tief bewertete Titel wie Lufthansa, IAG oder easyJet Aufholpotenzial besitzen. Bei easyJet kommt zusätzlich Übernahmefantasie hinzu, was den Titel für risikofreudige Anleger interessant macht. Scheitert die Kostenweitergabe jedoch, könnte die Klimawende für Europas Airlines teurer werden, als viele Investoren bisher erwarten.
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