IBM: Rekordabsturz – Chance oder fallendes Messer?
VZ Chartanalyse
Anfang Juni feierten Anleger noch ein Rekordhoch bei IBM. Jetzt sorgt der grösste Kurseinbruch seit der Gründung des Konzerns für Verunsicherung. Die entscheidende Frage: Handelt es sich um eine seltene Einstiegsgelegenheit oder erst um den Beginn einer längeren Korrektur?
Publiziert 16. Jul 2026
Autor
Andreas Paciorek
Funktion Anlageexperte
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Es war ein Brief, der die Wall Street kalt erwischte: Noch vor Börseneröffnung am Dienstag wandte sich IBM-Chef Arvind Krishna überraschend an die Aktionäre und legte vorläufige Zahlen zum zweiten Quartal vor – eine Woche vor dem eigentlichen Termin am 22. Juli.
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Die Botschaft: Der Traditionskonzern verfehlt die Erwartungen deutlich. Die Reaktion fiel historisch aus. Die Aktie brach um rund 25 Prozent auf etwa 217 Dollar ein – der grösste Tagesverlust in der Geschichte des 1911 gegründeten Technologiekonzerns. Rund 65 Milliarden Dollar Börsenwert lösten sich an einem einzigen Tag auf – und das nur gut einen Monat, nachdem die Aktie Anfang Juni bei gut 332 Dollar noch ein Rekordhoch markiert hatte.
Krishna räumte unumwunden ein, man sei "gestrauchelt". Wer genauer hinschaut, erkennt jedoch: Der Auslöser ist womöglich weniger dramatisch, als es das Kursminus vermuten lässt.
Was die Zahlen tatsächlich zeigen
IBM erwartet für das zweite Quartal einen Umsatz von rund 17,2 Milliarden Dollar – etwa 700 Millionen Dollar weniger, als Analysten im Schnitt prognostiziert hatten. Gegenüber dem Vorjahr ergibt sich dennoch ein Umsatzplus von 1 Prozent, der bereinigte Gewinn je Aktie liegt rund 5 Prozent über dem Vorjahreswert. Der Blick in die Sparten differenziert: Das strategisch wichtige Softwaregeschäft wuchs um 5 Prozent, die Open-Source-Tochter Red Hat gar um 11 Prozent, und die Beratungssparte lag im Rahmen der Erwartungen. Eingebrochen ist vor allem das Infrastrukturgeschäft rund um die Grossrechner: minus 7 Prozent. Von einem operativen Kollaps kann also keine Rede sein – wohl aber von einer empfindlichen Zielverfehlung.
Ironie der Börsengeschichte: KI frisst die IT-Budgets
Der Grund für die Schwäche hat eine gewisse Ironie: Ausgerechnet der KI-Boom, der IBM zuletzt Rückenwind verliehen hatte, wurde dem Konzern kurzfristig zum Verhängnis. Weil die Preise für Speicherchips und andere Infrastrukturkomponenten stark steigen, lenkten viele Unternehmen ihre IT-Ausgaben kurzfristig in Richtung Server und Speicher um. Gleichzeitig räumte CEO Arvind Krishna ein, dass IBM auf diese Entwicklung nicht rasch genug reagiert habe und mehrere Grossaufträge nicht wie geplant abgeschlossen werden konnten. Für Anleger läuft damit alles auf eine zentrale Frage hinaus: Wurden die Umsätze lediglich in spätere Quartale verschoben oder ist die Nachfrage dauerhaft beeinträchtigt? IBM spricht von einer vorübergehenden Verschiebung. Ob diese Erklärung trägt, müssen die kommenden Quartale zeigen.
Die Marktreaktion stützt die These der Verschiebung
Bemerkenswert ist, was am Dienstag rund um IBM geschah – und was nicht. Softwarewerte wie Microsoft, ServiceNow oder SAP gerieten zunächst mit in den Abwärtsstrudel – die Erinnerung an die Softwarekrise vom Winter war kurz spürbar (zur VZ-Analyse: Tech ist nicht gleich Tech – wie KI die Märkte spaltet). Doch der breite US-Markt schloss dank überraschend milder Inflationsdaten im Plus, und der Softwaresektor – gemessen am iShares Expanded Tech Software ETF – machte einen Grossteil der anfänglichen Verluste bereits im Tagesverlauf wieder wett.
Gleichzeitig gewannen just jene Kategorien, in welche die Budgets fliessen: Speicher- und Chipwerte wie Sandisk oder AMD legten zeitweise rund 5 Prozent zu. Dieses Muster ist mit der Darstellung des Managements vereinbar und deutet darauf hin, dass der Markt die Warnung eher als firmenspezifisches Problem denn als Branchenalarm wertet. Kirk Materne von Evercore ISI – einem der renommiertesten unabhängigen Research-Häuser der Wall Street – hält es gar für "weit hergeholt", daraus eine Schwäche des ganzen Softwaresektors abzuleiten.
Lichtblicke unter der Oberfläche
Bei aller Enttäuschung liefert der Konzern auch Substanz. Die erst im Juli lancierte Sicherheitsplattform Lightwell – ein mit 5 Milliarden Dollar dotiertes Projekt zur Absicherung von Open-Source-Software – zählt mit JP Morgan und Goldman Sachs bereits prominente Erstkunden. Im Quantencomputing gilt IBM als technologisch führend: Über 10 Milliarden Dollar sollen in den nächsten fünf Jahren in die Technologie fliessen, gemeinsam mit dem US-Handelsministerium ist die weltweit erste reine Halbleiterfabrik für Quantenchips geplant. Hinzu kommt: Die Quartalsdividende wurde jüngst auf 1,69 Dollar erhöht – nach dem Kurssturz entspricht das einer Dividendenrendite von rund 3 Prozent. Zudem hat sich die zuvor vielfach als überdehnt kritisierte Bewertung mit dem Abschlag deutlich abgekühlt.
Analysten: gespalten, aber mehrheitlich konstruktiv
Das Analystenlager bleibt gespalten. HSBC senkte die Einstufung auf "Reduce" mit einem Kursziel von 191 Dollar. Dagegen halten Bank of America (280 Dollar) und Evercore ISI (310 Dollar) an ihren positiven Einschätzungen fest. Zu beachten ist, dass viele Kursziele noch vor der Gewinnwarnung festgelegt wurden und in den kommenden Tagen angepasst werden dürften.
Was sagt der Chart?
Zwar sieht der Absturz dramatisch aus: Sämtliche viel beachteten Durchschnittslinien – inklusive der 200-Tage-Linie (blaue Linie) – wurden an einem einzigen Tag nach unten durchschlagen, und der Kurs fiel zurück auf das Niveau des Jahrestiefs vom Mai. Einzuordnen ist das aber auch vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Schwankungsbreite: Seit Anfang 2024 hatte sich der Kurs bis zum Allzeithoch in etwa verdoppelt – bemerkenswert für ein solches traditionsreiches Urgestein.
Nach dem Absturz notiert die Aktie im Bereich zwischen rund 212 und 220 Dollar. Genau hier bündeln sich mehrere Haltemarken: das 52-Wochen-Tief vom Mai, die beiden Tiefs aus dem Jahr 2025 sowie – am unteren Rand, bei rund 210 Dollar – das 50%-Fibonacci-Retracement zwischen Corona-Tief 2020 und Allzeithoch. In diesem Bereich griffen Käufer in den vergangenen zwei Jahren wiederholt zu; er bildet die erste Auffangzone. Direkt darunter, zwischen rund 197 und 200 Dollar, liegt eine zweite, tiefere Unterstützung – dort treffen das Vorgängerhoch aus dem Jahr 2024 und die psychologisch wichtige 200-Dollar-Marke zusammen. Die beiden Zonen wirken damit wie gestaffelte Auffanglinien: die obere als erste Anlaufstelle, die untere als entscheidende Rückfalllinie. Solange zumindest die untere Zone nachhaltig verteidigt wird, bleibt die Ausgangslage für eine Stabilisierung intakt.
Ergänzend lässt sich der Ausverkauf auch unter zyklischen Gesichtspunkten betrachten. Die sogenannte Hurst-Zyklik geht davon aus, dass sich ein Kursverlauf aus mehreren überlagerten Rhythmen unterschiedlicher Länge zusammensetzt. Der Absturz könnte bereits das Tief des 20- und möglicherweise auch des 40-Tage-Zyklus markieren. Heftige, kapitulationsartige Abverkäufe fallen erfahrungsgemäss oft in die Schlussphase eines kurzfristigen Abwärtszyklus – und münden nicht selten in eine überraschend kräftige Gegenbewegung, bevor sich entscheidet, ob der übergeordnete Aufwärtstrend wieder greift. Zeitlich würde der jüngste Einbruch grob in ein solches Fenster passen. Überbewerten sollte man das aber nicht: Eine Gewinnwarnung ist ein von aussen kommendes Ereignis und lässt sich nicht sauber aus einem Zyklusmodell herleiten. Entscheidend bleibt am Ende ohnehin das Nüchterne – ob die Aktie ihre Unterstützung verteidigt.
Als erste Anlaufmarke einer Erholung böte sich der Bereich um 245 Dollar an (rund 38%-Retracement der durch die Gewinnwarnung entstandenen Kurslücke). Darüber würden die Zonen um 254 Dollar (50%) und 263 Dollar (61,8%) in den Fokus rücken. Erst mit einer Rückkehr über diese Marken würde sich das kurzfristige Chartbild spürbar aufhellen und die Chancen erhöhen, dass der jüngste Ausverkauf tatsächlich ein bedeutendes Zyklustief markiert hat.
Das Risikoszenario gehört ebenso auf den Tisch: Fällt der Kurs nachhaltig unter 197 Dollar, würde sich das Chartbild noch etwas stärker eintrüben – die nächste nennenswerte Unterstützung läge dann zwischen 175 und 180 Dollar (2017er-Hoch und 61,8%-Fib-Retracement).
Die Quartalszahlen am 22. Juli könnten die Entscheidung bringen.
Einordnung: Für wen ist Charttechnik relevant?
Der IBM-Absturz führt zudem exemplarisch vor Augen, welches Einzeltitelrisiko auch in vermeintlich sicheren Qualitätsaktien steckt: Selbst ein 115 Jahre alter Blue Chip aus dem Dow Jones kann an einem einzigen Tag einen Viertel seines Werts verlieren – während breit diversifizierte Indizes denselben Tag im Plus beendeten. Charttechnische Analysen wie diese richten sich vor allem an Anlegerinnen und Anleger mit kürzerem Anlagehorizont oder an jene, die ihre Entscheidungen durch zusätzliche Marktsignale ergänzen möchten. Die Interpretation von Kursmustern, Unterstützungszonen oder Indikatoren kann helfen, das kurzfristige Marktverhalten besser einzuordnen – ersetzt jedoch keine fundierte, langfristige Anlagestrategie. Für langfristig orientierte Anleger treten solche Schwankungen in den Hintergrund: Historisch betrachtet haben sich breit diversifizierte Aktienmärkte trotz zwischenzeitlicher Rückschläge über die Zeit nach oben entwickelt.
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