VZ Chartanalyse
Wochenlang trat die Holcim-Aktie auf der Stelle – doch das könnte sich bald ändern: Mit dem EZB-Zinsentscheid, frischen Konjunktursignalen und den Halbjahreszahlen stehen richtungsweisende Tage bevor. Worauf Anleger jetzt besonders achten sollten.
Publiziert 23. Jul 2026
Beschreibung
Die EZB entscheidet auf ihrer Sitzung zwar nicht direkt über Holcims Gewinn – aber sie beeinflusst den Zyklus, auf den Konzernchef Miljan Gutovic setzt. Denn der europäische Wohnungsbau hängt entscheidend davon ab, wann Finanzierungskosten wieder sinken und Investoren sowie private Bauherren zurückkehren.
Vor gut einem Jahr vollzog Holcim den grössten Umbau seiner Firmengeschichte: Mit der Abspaltung des Nordamerika-Geschäfts als Amrize erfand sich der 1912 gegründete Zementpionier als fokussierter Baulösungs-Konzern neu. Die Börse honorierte den Schnitt zunächst eindrücklich – Anfang Februar markierte die Aktie bei 82.54 Franken ihr Rekordhoch seit der Abspaltung. Seither folgten eine scharfe Korrektur, eine dynamische Erholung – und zuletzt Wochen des Pendelns um die Marke von 75 Franken. Am 31. Juli legt der Konzern die Halbjahreszahlen vor – der wohl wichtigste Kurskatalysator des Sommers.
Vom Zementriesen zum Systemanbieter
Unter dem Titel "NextGen Growth 2030" verschiebt Konzernchef Miljan Gutovic das Gewicht vom klassischen Zementgeschäft hin zu margenstärkeren Baulösungen und -systemen. Jüngster und grösster Baustein: die Mitte Juni abgeschlossene Übernahme des deutschen Wandsystem-Spezialisten Xella – bekannt für die Porenbeton-Marke Ytong – für 1,85 Milliarden Euro. Der Zukauf bringt rund 1 Milliarde Euro Zusatzumsatz und soll schon im ersten Jahr positiv zum Gewinn je Aktie beitragen. Gutovic kaufte nach eigenen Worten bewusst "am Tiefpunkt des Bauzyklus" – eine Wette darauf, dass sich der europäische Wohnungsbau erholt, während das Infrastrukturgeschäft bereits von hoher Nachfrage profitiert.
Finanziellen Spielraum für weitere Zukäufe hat der Konzern: Ende 2025 lag der Verschuldungsgrad (Nettoschulden im Verhältnis zum Betriebsgewinn EBITDA) bei bemerkenswert tiefen 0,9.
Optisch schwach, organisch stark
Die Quartalszahlen vom April zeigen, warum sich bei Holcim derzeit genaues Hinsehen lohnt. Ausgewiesen sank der Umsatz im ersten Quartal um 4,8 Prozent auf 3,52 Milliarden Franken. Dahinter stecken jedoch vor allem der Verkauf des Nigeria-Geschäfts, nasses Wetter in Europa und der starke Franken. Organisch (also bereinigt um Zukäufe, Verkäufe und Währungseffekte) wuchs der Umsatz um 3,9 Prozent, der wiederkehrende Betriebsgewinn legte gar um 8,3 Prozent zu – die Analystenschätzungen wurden leicht übertroffen, die Jahresziele bestätigt. Von einer Wachstumsdelle kann keine Rede sein. Marco Estermann von der Luzerner Kantonalbank sieht in der seit März angelaufenen Erholung Europas gar "Überraschungspotenzial"; die stärksten Treiber ortet er derzeit ausserhalb Europas, allen voran in Lateinamerika.
Zinsen bremsen, Staaten betonieren
Das makroökonomische Umfeld liefert Gegen- und Rückenwind zugleich. Auf der Bremse steht die Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank hat im Juni erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen wieder angehoben und den Einlagensatz auf 2,25 Prozent erhöht. Damit reagiert sie auf die kriegsbedingt auf über 3 Prozent gestiegene Inflation, wobei weitere Zinsschritte möglich sind.
Holcim-CEO Miljan Gutovic sieht indes erste Zeichen der Talsohle: Im Gespräch mit dem norwegischen Staatsfonds verwies er jüngst auf eine "sehr gesunde Entwicklung" bei den Baugenehmigungen – sobald die Finanzierungskonditionen drehen, könnte sich die aufgestaute Wohnraumnachfrage entladen.
Das Gegengewicht kommt vom Staat – und es ist gewaltig. Allein Deutschland will aus seinem 500 Milliarden Euro schweren Infrastruktur-Sondervermögen im laufenden Jahr knapp 59 Milliarden ausgeben, gut die Hälfte mehr als 2025. Dazu kommen europaweit steigende Verteidigungsausgaben, die über Kasernen, Depots und militärisch nutzbare Verkehrswege ganz direkt Beton- und Zementnachfrage schaffen. Diese Nachfrage hängt an politischen Beschlüssen, nicht an Hypothekarzinsen. Das Aufholpotenzial ist zudem beachtlich – der Zementverbrauch in Deutschland liegt noch immer rund 30 Prozent unter dem Niveau von 2020.
Beim Blick auf die Schweiz zeigt sich: Operativ spielt der Heimmarkt nur noch eine Nebenrolle – das Geschäft prägen Europa und Lateinamerika. Einen Vorteil verschafft der Standort dennoch: Als Zuger Konzern profitiert Holcim von günstigeren Finanzierungskonditionen als viele europäische Wettbewerber. Der starke Franken macht sich beim ausgewiesenen Ergebnis dafür immer wieder als Gegenwind bemerkbar.
Rechenzentren: Der KI-Boom betoniert vor allem in Amerika
Und die vielzitierten Rechenzentren? Hier lohnt Differenzierung – gerade für Anleger, die seit dem Spin-off Holcim und Amrize im Depot halten. Das Epizentrum dieses Baubooms liegt in Nordamerika und damit im Revier von Amrize: Der US-Ableger nennt Rechenzentren explizit als Wachstumstreiber. Holcim partizipiert am kleineren, aber wachsenden europäischen Pendant – wer gezielt auf den KI-Baustellenboom setzt, ist beim US-Ableger näher dran.
Analysten: konstruktiv – mit datiertem Optimismus
Das Analystenlager bleibt mehrheitlich optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel lag Mitte Juni bei gut 82 Franken (Spanne: 70 bis 93 Franken). Als Kurstreiber gilt die Verknappung kostenloser CO₂-Zertifikate in Europa, die effizienten Produzenten wie Holcim zusätzliche Preissetzungsmacht verschaffen könnte. Viel Vorschusslorbeeren stecken allerdings bereits im Kurs: Mit einem Forward-KGV von rund 20 und einer erwarteten Dividendenrendite von 2,5 Prozent ist die Aktie kein Schnäppchen mehr.
Countdown zum Zahlentag: Diese Termine kommen zuerst
Bis zum 31. Juli stehen zwei Termine im Kalender, die den Boden bereiten.
Am 23. Juli entscheidet die EZB über die Zinsen. Entscheidend ist weniger der Zinsschritt selbst als die Signale zum weiteren Kurs.
Am 30. Juli, nur einen Tag vor Holcim, legt der Rivale Heidelberg Materials seine Halbjahreszahlen vor – eine Generalprobe mit Signalwirkung – und dort herrscht bereits Nervosität: Nach einem Analystencall senkten mehrere Häuser – darunter Bernstein – ihre Umsatzschätzungen, unter anderem wegen der gestiegenen Energiekosten.
Bei Holcim selbst sollten Anleger dann auf vier Punkte achten. Erstens: Wurde das im nassen Winterquartal verlorene Volumen aufgeholt, wie es das Management andeutete? Zweitens: Lassen sich die höheren Energiekosten weiterhin über Preiserhöhungen weitergeben? Drittens: Werden die Jahresziele bestätigt – 3 bis 5 Prozent organisches Umsatzwachstum, 8 bis 10 Prozent mehr Betriebsgewinn, rund 2 Milliarden Franken freier Cashflow? Und viertens: Was sagt das Management zur Xella-Integration, die ab dem dritten Quartal in die Bücher einfliesst, und zur Lage im europäischen Wohnungsbau – an ihr hängt Gutovics jüngste Milliardenwette.
Der Chart: Gespannte Feder vor den Quartalszahlen
Ein Wort zur Methodik vorweg: Seit der Abspaltung von Amrize im Juni 2025 ist Holcim faktisch eine neue Aktie. Viele ältere Kursmarken beziehen sich auf einen Konzern, der in dieser Form nicht mehr existiert, und besitzen deshalb nur noch begrenzte Aussagekraft. Die folgende Chartanalyse konzentriert sich daher bewusst auf die Zeit seit der Eigenständigkeit. Kurz ist diese Historie, ereignisarm war sie nicht.
Nach dem Spin-off markierte Holcim Anfang Februar bei 82.54 Franken ein Rekordhoch, ehe eine scharfe Korrektur die Aktie bis knapp über 60 Franken zurückwarf. Seither konnte ein Grossteil der Verluste aufgeholt werden.
In den vergangenen Monaten ist das Aufwärtsmomentum jedoch ins Stocken geraten. Die Aktie bewegt sich seit Wochen in einer engen Handelsspanne. Gleichzeitig nehmen die Ausschläge von RSI und MACD sowie das Handelsvolumen ab. Die Marktteilnehmer scheinen vor den Halbjahreszahlen eine abwartende Haltung einzunehmen. Die Folge: eine charttechnische Ausgangslage, die an eine gespannte Feder erinnert. Rückschläge werden bislang aufgefangen, während die Widerstandszone um 78 Franken den Weg nach oben versperrt. Da die entscheidenden Marken nahe beieinanderliegen, dürfte die erste nachhaltige Bewegung die Trendrichtung für die kommenden Monate vorgeben.
Auf der Oberseite richtet sich der Blick auf den Bereich um 78 Franken und anschliessend auf das bisherige Allzeithoch bei rund 82.5 Franken. Gelingt ein nachhaltiger Ausbruch darüber, würde sich das Chartbild deutlich aufhellen. In diesem Fall würde sich auf Basis der Fibonacci-Extensions ein mittelfristiges Kursziel von rund 96 Franken ergeben. Dieses entspricht ungefähr der 100%-Extension der Erholungsbewegung vom Jahrestief.
Auf der Unterseite kommt der Zone zwischen 67.5 und 69 Franken eine Schlüsselrolle zu. Dort treffen eine seit November 2025 relevante horizontale Unterstützung und die seit dem Spin-off bestehende Aufwärtstrendlinie aufeinander. Fällt der Kurs darunter, dürfte das Jahrestief bei rund 60 Franken rasch wieder in den Fokus rücken. Sollte auch diese Unterstützung brechen, würde sich das Chartbild erheblich eintrüben. Dann könnte sich sogar weiteres Abwärtspotenzial bis in den Bereich von rund 49 Franken (offenes Gap) eröffnen.
Einordnung: Für wen ist Charttechnik relevant?
Charttechnische Analysen wie diese richten sich vor allem an Anlegerinnen und Anleger mit kürzerem Anlagehorizont oder an jene, die ihre Entscheidungen durch zusätzliche Marktsignale ergänzen möchten. Die Interpretation von Kursmustern, Unterstützungszonen oder Indikatoren kann helfen, das kurzfristige Marktverhalten besser einzuordnen – ersetzt jedoch keine fundierte, langfristige Anlagestrategie.
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