VZ Chartanalyse
Halbleiterunternehmen lieferten starke Zahlen, ihre Aktien brachen dennoch ein. Gleichzeitig erholten sich viele Softwaretitel. Was wie eine grosse Rotation innerhalb des KI-Sektors aussah, spricht bei näherem Hinsehen eher für eine Entkopplung als für eine echte Sektorrotation.
Publiziert 4. Aug 2026
Beschreibung
Es gibt Börsenmonate, die man rasch vergisst. Und es gibt solche wie den Juli 2026. Am 7. Juli brachen die Halbleiterwerte weltweit ein, während der Dow Jones Industrial praktisch zeitgleich ein Rekordhoch markierte. Drei Wochen später musste die Börse in Seoul an zwei Tagen den Handel unterbrechen. Zum Monatsende folgte dann der grösste Tagesgewinn ihrer Geschichte. Dazwischen lag eine Bewegung, die viele als Rotation deuteten: raus aus den Chips, rein in die Software.
Ob diese Deutung trägt, lässt sich anhand repräsentativer ETF für die beiden Sektoren überprüfen: dem iShares Semiconductor ETF (SOXX), der in führende Halbleiterunternehmen wie Nvidia, Broadcom und AMD investiert, sowie dem iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV) mit Softwarewerten wie Microsoft, Salesforce oder ServiceNow.
Seit dem Herbst 2025 hatten Halbleiteraktien gegenüber Softwarewerten klar die Nase vorn. Im Juli 2026 entstand jedoch der Eindruck, dieser Trend kehre sich um. Eine klassische Sektorrotation würde voraussetzen, dass Kapital systematisch aus Halbleiter- in Softwarewerte umgeschichtet wird. Die folgenden Daten sprechen jedoch eher für eine kurzfristige Entkopplung: Beide Sektoren entwickelten sich unterschiedlich, ohne dass Anleger den Halbleitersektor insgesamt verliessen.
Eine Entkopplung mit Seltenheitswert
Diese Einschätzung wird durch mehrere Marktindikatoren gestützt. Laut einer Auswertung von CNBC bewegte sich der Software-Sektor-ETF IGV gegenüber dem Halbleiter-ETF SOXX, der oft als Referenz für den US-Halbleitersektor dient, in 32 der vorangegangenen 60 Handelstage in entgegengesetzte Richtungen – so häufig wie noch nie seit ihrer Auflegung im Jahr 2001. Die rollende 60-Tage-Korrelation, ein Mass für den Gleichlauf zweier Anlagen, fiel von langfristig rund 0,75 auf nahezu null. Ein Wert von 1 steht für einen perfekten Gleichlauf, ein Wert von 0 für keinen statistischen Zusammenhang.
Per Ende Juli lagen sowohl der Software-ETF IGV als auch der Halbleiter-ETF SOXX auf Dreimonatssicht mehr als 9 Prozent im Plus und schnitten damit besser ab als der S&P 500. Wer beide Segmente hielt, profitierte letztlich von beiden Entwicklungen.
Dass Halbleiteraktien im Juli deutlich unter Druck gerieten, bedeutet nicht automatisch, dass Anleger dem Sektor den Rücken kehrten. Trotz der deutlichen Kursverluste flossen dem Halbleiter-ETF SOXX im Juli rund 7 Milliarden Dollar zu. Anders als beim gewöhnlichen Börsenhandel handelt es sich dabei um tatsächliche Nettozuflüsse, die die Schaffung neuer ETF-Anteile erfordern. Die Daten sprechen damit gegen einen breiten Kapitalabzug aus dem Sektor. Der Verkaufsdruck dürfte eher auf Gewinnmitnahmen und den Abbau gehebelter Positionen zurückzuführen sein.
Halbleiter: erstklassige Zahlen, miserable Kurse
Der Kurseinbruch bei den Chipwerten lässt sich mit dem Geschäftsgang kaum erklären. TSMC, SK Hynix und Micron meldeten starke bis rekordhohe Quartalsergebnisse. Gleichzeitig erhöhen die grossen Cloud-Anbieter ihre Investitionsbudgets weiter. Trotzdem verlor der Philadelphia Semiconductor Index (der wichtigste Branchenindex der Halbleiterwerte) vom Höchst am 22. Juni bis zum Juli-Tief rund 23 Prozent.
Die Erklärung liegt weniger im Geschäft als in der Positionierung. In der Fondsmanager-Umfrage der Bank of America bezeichneten 82 Prozent der Befragten Halbleiter als den am stärksten überlaufenen Trade am Markt. Besonders deutlich zeigte sich das in Südkorea, wo Marktbeobachter einen Teil des Verkaufsdrucks auf gehebelte Positionen und Margin Calls zurückführten. Entsprechend führte die Berichtssaison häufig zum gleichen Muster: gute Zahlen, fallende Kurse. Auch TSMC und ASML gaben nach ihren Abschlüssen nach.
Software: schwache Kurse, robustere Zahlen
Auf der anderen Seite steht ein Sektor, der bereits ein hartes Jahr hinter sich hat. Für die Verkaufswelle bei Softwaretiteln hat sich der Begriff "SaaSpocalypse" etabliert – die Sorge, dass autonome KI-Agenten das Lizenzmodell pro Arbeitsplatz aushöhlen. Die Neubewertung fiel radikal aus: Das Forward-KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der von Analysten erwarteten Gewinne der nächsten zwölf Monate) des Softwaresektors sank innert weniger Monate von rund 33 auf etwa 23 – und damit auf ein Niveau nahe dem des Gesamtmarkts. Der Aufschlag, den Software zwei Jahrzehnte lang genoss, ist praktisch verschwunden.
Die Quartalszahlen im Juli passten allerdings schlecht zum Untergangsszenario. ServiceNow steigerte den Umsatz um 24 Prozent, und SAP-Finanzchef Dominik Asam widersprach der Erzählung an der Analystenkonferenz ausdrücklich. Entsprechend führte bereits eine leichte Verbesserung der Erwartungen zu deutlichen Kursgewinnen.
Der Schweizer Blickwinkel: Rekorde und Kursverluste
Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger ist das mehr als eine amerikanische Randnotiz. Die drei hiesigen Halbleiterzulieferer Comet, VAT Group und Inficon gaben seit Anfang Juli zeitweise zweistellig nach – ohne dass sich an ihrer Geschäftslage etwas verschlechtert hätte. Am 31. Juli legten die drei Titel wieder kräftig zu. Im Kleinen zeigt sich damit dasselbe Bild wie im Grossen: Die Kurse folgten nicht den Geschäftszahlen, sondern der globalen Positionierung.
Zwei Sektoren, zwei Risiken
Vieles spricht damit für einen Abbau von Hebelpositionen und wenig für eine fundamental begründete Rotation. Wie schnell sich solche Positionen bereinigen, zeigte sich Ende Monat: Am 30. Juli legte der Halbleitersektor an einem einzigen Tag um mehr als 8 Prozent zu.
Die Risiken bleiben allerdings unterschiedlich gelagert. Bei den Chipherstellern liegt die Herausforderung weniger in der Nachfrage als in der Finanzierung des Ausbaus der KI-Infrastruktur. Bei Softwareunternehmen steht dagegen die Frage im Raum, ob KI-Agenten bestehende Geschäftsmodelle verändern.
Der Juli 2026 zeigt, dass gegenläufige Kursentwicklungen nicht automatisch eine Sektorrotation bedeuten. Kurzfristig können Positionierung, Gewinnmitnahmen und der Abbau gehebelter Positionen die Kurse stärker beeinflussen als Fundamentaldaten. Für Anleger bleibt deshalb entscheidend, zwischen kurzfristigen Marktbewegungen und langfristigen Trends zu unterscheiden. Gerade deshalb bleibt eine breite Diversifikation sinnvoll. Denn wer sein Vermögen breit streut, ist weniger darauf angewiesen, kurzfristige Marktbewegungen richtig zu interpretieren.
Was sagen die Charts?
VanEck Semiconductor ETF
Für die technische Analyse verwenden wir im Folgenden den VanEck Semiconductor ETF. Er bildet den Halbleitersektor ähnlich ab wie der zuvor verwendete SOXX und eignet sich aufgrund seiner Zusammensetzung und Liquidität gut als Branchenbarometer. Im Wochenchart sieht man, dass der Kurs nach seinem Rekordhoch am 22. Juni bei rund 672 Dollar die Hälfte der Rally seit März dieses Jahres abgebaut hat. Der Rückgang von rund 20 Prozent wirkt dramatisch, ist für diesen ETF historisch aber keine Ausnahme. Die 50%-Fibonacci-Retracement-Marke bei 515 Dollar kann bereits das Ende der Korrektur darstellen. Entscheidend sind allerdings zwei noch tiefer gelegene Zonen: Die erste signifikante Auffangzone liegt bei 460 bis 480 Dollar. Dort treffen das 61,8%-Retracement und die 40‑Wochen-Linie aufeinander, die in etwa der 200‑Tage-Linie entspricht. Darunter liegt die 426-Dollar-Zone (Aufwärtstrendlinie seit März 2026 sowie das 78,6%-Retracement der Rally-Bewegung seit dem März-2026-Tief). Spätestens hier sollte eine Stabilisierung einsetzen, um das Chartbild nicht nachhaltig einzutrüben.
Auf der Oberseite geht es nun primär um die bullische Flaggenlinie (gelb) um aktuell 560 Dollar. Ein Ausbruch darüber würde aus charttechnischer Sicht ein sehr frühes, positives Signal liefern, dass die Korrektur beendet ist und eine Fortsetzung des Aufwärtstrends zurück zum Allzeithoch und darüber hinaus anstehen könnte.
iShares Expanded Tech-Software Sector ETF
Der Software-Sektor zeigt sich repräsentiert durch den iShares Expanded Tech-Software Sector ETF im Wochenchart bereits erheblich erholt von den Abgaben im Frühjahr. Der Kurs liegt mit aktuell 94,60 Dollar ebenfalls rund 20 Prozent unter seinem Allzeithoch – allerdings von September 2025. Die Spanne der vergangenen 52 Wochen reichte von 74,62 bis 117,79 Dollar und verdeutlicht die Volatilität. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist, ob die Tiefs vom Frühjahr halten. Solange der Bereich um 77 Dollar verteidigt wird, spricht das Chartbild für eine Bodenbildung. Aktuell kämpfen die Bullen aber eher mit der 40-Wochen-Linie um 95 Dollar. Der nächste Widerstand liegt bei rund 108 Dollar. Darüber könnte schnell das Allzeithoch und die obere deckelnde Trendlinie (rot) in den Fokus rücken.
Einordnung: Für wen ist Charttechnik relevant?
Charttechnische Analysen wie diese richten sich vor allem an Anlegerinnen und Anleger mit kürzerem Anlagehorizont oder an jene, die ihre Entscheidungen durch zusätzliche Marktsignale ergänzen möchten. Die Interpretation von Kursmustern, Unterstützungszonen oder Indikatoren kann helfen, das kurzfristige Marktverhalten besser einzuordnen – ersetzt jedoch keine fundierte, langfristige Anlagestrategie. Für langfristig orientierte Anleger treten solche Schwankungen in den Hintergrund: Historisch betrachtet haben sich breit diversifizierte Aktienmärkte trotz zwischenzeitlicher Rückschläge über die Zeit nach oben entwickelt.
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