Diesen simplen Fehler machen selbst Anlageprofis
VZ Analyse
Viele Anleger investieren viel Zeit in die Frage, welche Aktien sie kaufen sollen. Doch ausgerechnet bei einer ebenso wichtigen Entscheidung gehen selbst Profis nachlässig vor – und dieser blinde Fleck kann teuer werden.
Autor
Patrick Herger
Funktion Anlageexperte
Stellen Sie sich vor, Sie sehen ein kurzes Video und haben eine einfache Aufgabe: Zählen Sie, wie oft sich die Spieler im weissen Trikot den Basketball zuspielen. Die Spieler mit den dunklen Trikots können Sie ignorieren. Während Sie konzentriert mitzählen, läuft plötzlich eine Person im Gorillakostüm durchs Bild, bleibt stehen, trommelt sich auf die Brust und verschwindet wieder.
Das Erstaunliche: Rund die Hälfte der Personen, denen man diese Aufgabe stellt, übersieht den Gorilla im Video. Denn ihre Aufmerksamkeit ist praktisch vollständig auf die Pässe gerichtet. Das als "Invisible Gorilla" bekannte Experiment zeigt eindrücklich, wie leicht wir übersehen, was ausserhalb unseres Fokus liegt.
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Beim Investieren gibt es einen ähnlichen blinden Fleck. Viele Anleger konzentrieren sich fast ausschliesslich auf die Frage: Was soll ich kaufen? Dabei übersehen sie den "Gorilla" im Portfolio: die Frage, wann und warum sie eine Anlage wieder verkaufen sollten. Der Kauf wird sorgfältig geplant, der Verkauf dagegen oft spontan entschieden.
Anleger analysieren für den Kauf Geschäftsmodelle, Bewertungen und Markttrends, haben für den Ausstieg jedoch häufig keinen vergleichbar klaren Prozess. Das kann die Rendite empfindlich schmälern.
Der Gorilla-Effekt beim Verkauf
Typische Schwachstellen sind, aussichtsreiche Positionen zu früh zu verkaufen, sich bei Verkäufen von auffälligen Kursbewegungen leiten zu lassen oder Entscheidungen ohne klaren Prozess zu treffen. Die Schwachstelle liegt damit oft weniger bei der Auswahl einer Anlage als bei der Entscheidung, sich wieder von ihr zu trennen.
Das gilt keineswegs nur für Privatanleger: Selbst die Verkaufsentscheidungen der Profis fallen im Durchschnitt erstaunlich schwach aus. So zeigt die Finanzforschung (etwa die Studie "Selling Fast and Buying Slow: Heuristics and Trading Performance of Institutional Investors"), dass die Verkaufsentscheidungen institutioneller Investoren im Durchschnitt schlechter abschneiden als eine Strategie, bei der per Zufallsauswahl irgendeine andere Position aus dem Portfolio verkauft wird.
Eine mögliche Erklärung liefert der Gorilla-Effekt: Während Kaufentscheidungen akribisch analysiert werden, laufen Verkäufe häufig nebensächlich ab. Gar nicht selten steht eine Verkaufsentscheidung schlicht im Zusammenhang mit dem nächsten Kauf. Ein Verkauf ist dann nicht viel mehr als eine Geldbeschaffung für die nächste Kaufidee.
Für Anleger besonders wichtig: Wo die Aufmerksamkeit fehlt, gewinnen simple Heuristiken, also einfache Entscheidungsregeln, an Einfluss. Investoren verkaufen besonders häufig Aktien, die zuvor durch starke Kursgewinne oder -verluste aufgefallen sind. Solche auffälligen Positionen rücken eher in den Fokus als unscheinbarere Titel im Portfolio. Gerade diese Orientierung an extremen Kursbewegungen steht mit schlechteren Verkaufsentscheidungen in Zusammenhang.
Was heisst das für Privatanleger?
Die Lehre daraus ist einfach: Verkaufsentscheidungen verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit wie Kaufentscheidungen. Wer erst über einen Verkauf nachdenkt, wenn er Kapital für eine neue Idee benötigt oder die Märkte nervös werden, lagert die Entscheidung bereits teilweise an den Zufall oder die eigenen Emotionen aus.
Besser ist es, bereits beim Kauf festzulegen, unter welchen Bedingungen eine Position wieder verkauft werden soll. Hat sich die Investmentthese verändert? Ist die Bewertung zu hoch geworden? Oder gibt es attraktivere Alternativen? Erfolgreiche Investoren empfehlen zudem, diese Kriterien schriftlich festzuhalten. Das erschwert es, die eigenen Massstäbe im Nachhinein den aktuellen Kursentwicklungen oder Emotionen anzupassen.
Aus dem Ganzen ergibt sich ein oft unterschätzter Vorteil von Buy-and-Hold-Investoren. Wer selten handelt, trifft zwangsläufig auch weniger Verkaufsentscheidungen. Und wenn gerade diese Entscheidungen überdurchschnittlich fehleranfällig sind, kann weniger Aktivität mehr Rendite bedeuten. Manchmal entsteht Anlageerfolg nicht dadurch, dass man mehr richtige Entscheidungen trifft, sondern dadurch, dass man weniger Gelegenheiten für falsche Entscheidungen schafft.
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