Die EU und Kanada rücken zusammen: Wo es bereits konkret wird
VZ Analyse
Kanada soll so eng wie kein anderes Drittland an die EU angebunden werden. Erste Aufträge und Kooperationen entstehen bereits bei Verteidigung, Infrastruktur und Rohstoffen.
Publiziert 25. Sep 2026
Autor
Andreas Paciorek
Funktion Anlageexperte
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Ein ungewöhnliches Bild aus Brüssel: Kanadas Premierminister Mark Carney erhielt im Europäischen Parlament stehende Ovationen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warb anschliessend dafür, Kanada zum ersten "assoziierten Mitglied" der EU zu machen.
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Von einer EU-Mitgliedschaft ist damit allerdings keine Rede. Kanada strebt laut Carney vielmehr eine "einzigartige Sicherheits- und Wirtschaftsallianz" an. Für Anleger ist deshalb weniger die politische Symbolik interessant als eine andere Frage: Wo wird aus der Annäherung bereits Geschäft?
Noch kein neuer Wirtschaftsraum
Vieles ist zunächst politische Absicht. Eine "assoziierte Mitgliedschaft" existiert im EU-Recht bislang nicht, ihre konkrete Ausgestaltung ist offen. Zudem ist unklar, wie gross die politische Unterstützung für das Konzept tatsächlich ist. Mehrere EU-Mitgliedstaaten sollen von dem Vorstoss überrascht worden sein, und auch Kanada betont bislang vor allem die praktische Zusammenarbeit in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen statt eines neuen formellen Status.
Auch die bestehende wirtschaftliche Verbindung zeigt, dass grosse Abkommen nicht automatisch grosse wirtschaftliche Effekte bringen. Das Freihandelsabkommen CETA wird seit 2017 vorläufig angewendet, ist aber noch immer nicht von allen EU-Mitgliedstaaten ratifiziert. Der Waren- und Dienstleistungshandel zwischen der EU und Kanada erreichte 2025 rund 130 Milliarden Euro. Die EU-Kommission schätzt den jährlichen BIP-Effekt von CETA auf rund 3,2 Milliarden Euro.
Für die Gewinne der grossen europäischen Unternehmen dürfte die neue Partnerschaft daher zunächst nur begrenzte Bedeutung haben. Interessanter sind einzelne Branchen, in denen bereits konkrete Aufträge und Investitionen entstehen.
1. Verteidigung: TKMS vor Milliardenauftrag
Am sichtbarsten ist die Annäherung bei der Rüstung. EU und Kanada haben 2025 eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft geschlossen. Anfang 2026 erhielt Kanada zudem Zugang zum europäischen SAFE-Programm für gemeinsame Rüstungsbeschaffung.
Für Kanada gelten besondere Bedingungen: Kanadische Unternehmen und Komponenten dürfen dabei bis zu 80 Prozent des Gesamtwerts einer Beschaffung ausmachen – deutlich mehr als bei anderen Drittstaaten.
Ein besonders grosses europäisches Projekt ist bereits konkret: Kanada hat im Juli den deutschen Marineschiffbauer TKMS als bevorzugten Anbieter für bis zu zwölf U-Boote ausgewählt. Die Verhandlungen über den endgültigen Auftrag laufen noch.
Für europäische Rüstungskonzerne wie Rheinmetall, Leonardo, Saab und Thales eröffnet die engere Zusammenarbeit zusätzliche Absatzmöglichkeiten. Allerdings sind diese Unternehmen längst stark auf steigende Verteidigungsausgaben in Europa und anderen Märkten ausgerichtet. Ein einzelner Kanada-Auftrag dürfte deshalb eher ein zusätzlicher Baustein als ein fundamentaler Wachstumstreiber sein.
2. Schienenverkehr: ein Milliardenauftrag für Stadler
Für Schweizer Anleger ist ein anderer Deal besonders greifbar.
Der Thurgauer Zugbauer Stadler Rail erhielt Ende Juli von der staatlichen VIA Rail Canada den Zuschlag für 45 Hybridlokomotiven. Das Volumen für die Fahrzeuge beträgt rund 1,6 Milliarden kanadische Dollar. Hinzu kommt eine 20-jährige Vereinbarung für Wartung, technische Unterstützung und Ersatzteile.
Die Lokomotiven müssen für extreme Winterbedingungen ausgelegt sein und Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius standhalten. Stadler baut dafür seine Präsenz in Kanada aus.
Der Auftrag ist keine direkte Folge der jüngsten Annäherung zwischen Ottawa und Brüssel. Er verdeutlicht jedoch, dass europäische Unternehmen bereits heute gut positioniert sind, um von Kanadas Infrastrukturinvestitionen zu profitieren.
Auch andere europäische Industriekonzerne könnten davon profitieren. Alstom verfügt durch die Übernahme von Bombardier Transportation über eine starke Präsenz in Kanada. Bei Elektrifizierung und Infrastruktur sind zudem Unternehmen wie ABB, Siemens und Schneider Electric in relevanten Märkten aktiv.
3. Rohstoffe: strategisch wichtiger als kurzfristig lukrativ
Noch weniger konkret, langfristig aber möglicherweise bedeutender ist die Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen.
Kanada verfügt über bedeutende Vorkommen unter anderem von Nickel, Kupfer, Kobalt, Lithium und Uran. Für Europa sind diese Rohstoffe strategisch wichtig, weil sie für Batterien, Elektronik, Energieinfrastruktur und Rüstung benötigt werden.
EU und Kanada wollen ihre Zusammenarbeit deshalb bei Rohstoffen und Investitionen vertiefen. Für europäische Rohstoffunternehmen wie Glencore könnte daraus langfristig ein breiterer Zugang zu kanadischen Vorkommen und Projekten entstehen. Noch fehlen allerdings vergleichbare konkrete Aufträge wie bei Stadler oder TKMS.
Für Anleger ist das ein wichtiger Unterschied: Bei Rohstoffen handelt es sich derzeit vor allem um eine langfristige strategische Chance, nicht um einen unmittelbar absehbaren Gewinnsprung.
Der grosse Unsicherheitsfaktor sitzt in Washington
Der Annäherung zwischen Europa und Kanada steht allerdings ein Gegengewicht gegenüber: die USA.
US-Präsident Donald Trump hat die Initiative kritisiert und für den Fall einer weiteren Annäherung mit hohen Zöllen gedroht.
Damit entsteht ein Spannungsfeld: Eine engere Verbindung mit Kanada kann Europas Zugang zu Rohstoffen und Rüstungsgütern diversifizieren. Gleichzeitig bleiben die USA für viele europäische Unternehmen der weitaus wichtigere Absatzmarkt.
Für Anleger bedeutet das: Die wirtschaftlichen Vorteile einer engeren EU-Kanada-Beziehung dürften sich eher schrittweise zeigen. Ein neuer Handelskonflikt mit den USA könnte dagegen deutlich schneller auf Unternehmen und Märkte durchschlagen.
Und die Schweiz?
Für Schweizer Anleger ist die Entwicklung auch aus einem anderen Grund interessant.
Während Brüssel Kanada eine besonders enge Partnerschaft anbietet, ringt die Schweiz weiterhin um die Zukunft ihrer eigenen Beziehungen zur EU. Die Aussenpolitische Kommission des Ständerats hat Anfang September den Stabilisierungsteil der Bilateralen III gutgeheissen. Das Paket ist damit für die Beratung im Ständerat in der Herbstsession bereit.
Gleichzeitig zeigt Stadler, dass Schweizer Unternehmen auch ohne neue institutionelle Vereinbarungen Zugang zu grossen kanadischen Infrastrukturprojekten erhalten können.
Was Anleger daraus mitnehmen können
Die politische Annäherung zwischen Kanada und der EU ist noch weit von einem neuen gemeinsamen Wirtschaftsraum entfernt. Konkrete Aufträge gibt es bereits in Verteidigung und Infrastruktur; bei Rohstoffen nimmt die strategische Zusammenarbeit zu.
Für Anleger ist Kanada damit weniger ein einzelner Anlage-Trade als ein weiterer Schauplatz dreier langfristiger Trends: steigende Verteidigungsausgaben, hohe Infrastrukturinvestitionen und der Wettbewerb um kritische Rohstoffe.
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