VZ Analyse
Eine lahmende Wirtschaft bedeutet nicht automatisch einen schwachen Aktienmarkt. Gerade Europa zeigt eindrücklich, wie stark sich die Entwicklung der Börsen vom Bruttoinlandprodukt entkoppeln kann.
Publiziert vor 11 Stunden
Beschreibung
Für die Eurozone wird im Jahr 2026 lediglich ein Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent erwartet. Zum Vergleich: Für die USA werden 2,3 Prozent und für die Weltwirtschaft 2,8 Prozent prognostiziert.
Wer also auf die europäische Wirtschaft blickt, dürfte kaum auf die Idee kommen, dass Europas Aktienmarkt derzeit attraktive Chancen bietet. Das Wirtschaftswachstum bleibt verhalten und im globalen Wettbewerb bei Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz liegt Europa hinter den USA und China zurück.
Dennoch wäre es ein Fehler, daraus automatisch auf schwache Börsenrenditen zu schliessen. Langfristige Untersuchungen zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen deutlich geringer ist, als häufig angenommen wird.
Der Grund liegt darin, dass Unternehmen und Volkswirtschaften unterschiedlichen Mechanismen folgen. Während das Bruttoinlandprodukt die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes misst, spiegeln Aktienkurse die erwarteten Gewinne börsenkotierter Unternehmen wider.
Gerade international tätige Konzerne erwirtschaften einen grossen Teil ihrer Umsätze ausserhalb ihres Heimatmarktes. Deshalb ist die Entwicklung der heimischen Wirtschaft oft nur ein Faktor unter vielen.
Europas Unternehmen sind global aufgestellt
Besonders ausgeprägt ist dies in Europa. Viele der grössten börsenkotierten Unternehmen erzielen den Grossteil ihrer Erlöse in Nordamerika, Asien oder den Schwellenländern.
Wer in europäische Aktien investiert, setzt daher nicht ausschliesslich auf die europäische Konjunktur, sondern auf die Entwicklung der Weltwirtschaft.
Diese internationale Ausrichtung macht Europas Aktienmarkt widerstandsfähiger, als es die schwachen Wachstumsraten vermuten lassen. Selbst wenn die Wirtschaft im Euroraum nur langsam wächst, können exportorientierte Unternehmen von einer robusten Nachfrage in anderen Regionen profitieren.
Krisen treffen nicht alle Unternehmen gleich
Auch geopolitische Ereignisse wie der Nahostkonflikt werden häufig zu pauschal beurteilt. Zwar belasten steigende Energie- und Rohstoffpreise viele Unternehmen sowie die Konsumenten. Gleichzeitig profitieren jedoch Produzenten aus diesen Bereichen von den höheren Preisen.
Da diese Branchen im europäischen Aktienmarkt vergleichsweise stark vertreten sind, können sie die Belastungen anderer Sektoren teilweise ausgleichen.
Inflation ist nicht zwangsläufig negativ
Der Nahostkonflikt und die gestiegenen Energiepreise haben die Inflationssorgen erneut verstärkt. Für Aktien muss eine höhere Inflation jedoch nicht zwingend negativ sein.
Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht oder einem hohen Anteil an Sachwerten – etwa aus den Bereichen Industrie, Rohstoffe oder Zulieferer – können steigende Kosten häufig an ihre Kunden weitergeben. Gleichzeitig profitieren Banken von höheren Zinsen und steigenden Zinsmargen.
Dadurch entstehen in einem inflationsgeprägten Umfeld durchaus günstige Voraussetzungen für verschiedene europäische Branchen.
Gewinnentwicklung bleibt entscheidend
Entscheidend für die langfristige Entwicklung der Aktienmärkte sind letztlich nicht die Konjunkturprognosen, sondern die Unternehmensgewinne. Trotz des verhaltenen Wirtschaftswachstums erwarten Analysten für europäische Unternehmen in den kommenden Jahren ein deutliches Gewinnwachstum.
Für das laufende Jahr wird ein Gewinnwachstum je Aktie von rund 14 Prozent erwartet. In den Folgejahren sollen die Gewinne um weitere rund 9 Prozent pro Jahr zulegen. Das liegt zwar deutlich unter den erwarteten Wachstumsraten in den USA, stellt gegenüber den vergangenen Jahren jedoch eine klare Verbesserung dar.
Zudem wird das Gewinnwachstum im MSCI World und im MSCI USA derzeit vor allem von wenigen Technologie- und KI-Unternehmen getragen. Der MSCI Europe bietet dagegen eine breiter abgestützte Ertragsbasis über verschiedene Branchen hinweg.
Europa bietet mehr Chancen als viele denken
Die wirtschaftlichen Herausforderungen Europas sind unbestritten. Für Anleger bedeutet dies jedoch nicht automatisch schlechte Renditeaussichten.
Europas börsenkotierte Unternehmen sind international diversifiziert, in zahlreichen Branchen weltweit führend und weniger von der heimischen Konjunktur abhängig, als häufig angenommen wird. Gleichzeitig haben sich die Gewinnerwartungen zuletzt deutlich verbessert.
Deshalb lohnt es sich, den Aktienmarkt nicht mit der Wirtschaft gleichzusetzen – insbesondere in Europa. Wer ausschliesslich auf das schwache Wirtschaftswachstum blickt, könnte attraktive Anlagechancen am Aktienmarkt übersehen.
Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.