Der Franken wird zur Finanzierungswährung der Welt
VZ Analyse
Jahrzehntelang war der japanische Yen die Währung, in der sich Investoren für ihre Carry-Trades verschuldeten. Beim Neugeschäft läuft ihm der Schweizer Franken nun den Rang ab. Das drückt auf den Frankenkurs.
Publiziert 3. Sep 2026
Autor
Luca Liebi
Funktion Anlageexperte
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Das Prinzip des Carry-Trades ist simpel: Ein Investor verschuldet sich in einer Währung mit tiefen Zinsen, tauscht das Geld und legt es in einer höher verzinsten Währung an. Verdient wird die Zinsdifferenz.
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Wer sich heute in Franken zu praktisch null Prozent finanziert und das Geld in mexikanischen Peso anlegt, vereinnahmt bei einem Leitzins von 6,5 Prozent theoretisch rund 6,5 Prozentpunkte Zinsdifferenz pro Jahr.
Vorausgesetzt, der Wechselkurs bleibt ruhig. Genau dort liegt das Risiko. Wertet die Finanzierungswährung auf, kann der Zinsvorteil innert wenigen Tagen verschwinden.
Carry-Trades sind deshalb weniger eine reine Zinswette als eine gehebelte Wette darauf, dass an den Devisenmärkten möglichst wenig passiert.
Wie schnell die Zinsdifferenz aufgezehrt ist, zeigt ein Blick auf die Währungserträge aus Frankensicht. Der mexikanische Peso, aktuell ein beliebtes Carry-Ziel, verlor 2024 gegenüber dem Franken 12,3 Prozent.
Der brasilianische Real bietet mit einem Leitzins von 14 Prozent den höchsten Carry, hat gegenüber dem Franken seit Anfang 2020 aber rund 35 Prozent an Wert eingebüsst.
Warum ausgerechnet der Franken
Für den Rollenwechsel gibt es zwei Gründe. Der erste ist der Preis. Die Schweizerische Nationalbank hält ihren Leitzins seit Juni 2025 bei 0 Prozent und hat ihn seither an vier Lagebeurteilungen in Folge bestätigt, zuletzt am 18. Juni 2026.
Die Bank of Japan dagegen hat ihren Leitzins im Juni auf 1,0 Prozent erhöht und dürfte ihren geldpolitischen Kurs weiter normalisieren. Der Franken ist damit die günstigere Finanzierungsquelle.
Der zweite Grund ist das Risiko. Nach den japanisch-amerikanischen Stützungskäufen für den Yen Ende Juli hat dessen Schwankungsbreite zugenommen. Wer sich in Yen verschuldet, muss jederzeit mit einer Intervention gegen die eigene Position rechnen.
Beim Franken zeigt der geldpolitische Pfeil in die andere Richtung. Die SNB hat gegen eine moderate Abschwächung ihrer Währung nichts einzuwenden. Zudem hat sie den Freibetragsfaktor per August von 15 auf 13,5 gesenkt. Überschüssige Frankenliquidität zu halten, wird für Banken damit eher teurer, nicht günstiger.
Was die Zahlen zeigen
Die Positionierungsdaten der US-Terminmarktaufsicht CFTC belegen die Verschiebung: Die spekulative Netto-Short-Position im Franken erreichte in der Woche bis zum 11. August ein Zweimonatshoch, während die Yen-Shorts zurückgingen.
Von einer Wachablösung sollte man dennoch nicht sprechen: Gemessen am Bestand bleibt der Yen mit seinem hochliquiden Kapitalmarkt die dominierende Finanzierungswährung. Verschoben hat sich jedoch das Kräfteverhältnis beim Neugeschäft.
Ein Segen für die SNB - vorerst
Wer Franken leiht, verkauft sie unmittelbar danach am Kassamarkt. Jeder zusätzliche Carry-Trade erhöht damit das Angebot an Schweizer Franken und setzt die Währung unter Abwertungsdruck. Der Effekt ist im Wechselkurs sichtbar.
Für die Nationalbank ist diese Entwicklung komfortabel: Der Abwertungsdruck, den sie sonst mit Devisenkäufen erzeugen müsste, kommt gratis aus dem Markt - und er hilft der von US-Zöllen gebeutelten Exportindustrie.
Der Haken ist die Kehrseite derselben Medaille. Der Franken bleibt strukturell eine Fluchtwährung. Kommt es zu einem geopolitischen Schock oder zu einer erneuten Yen-Intervention, müssen alle Carry-Trader gleichzeitig Franken zurückkaufen, um ihre Schulden zu decken. Der Kurs schiesst dann nicht langsam, sondern sprunghaft nach oben. Wie das aussieht, hat der Yen im August 2024 vorgeführt.
Was das für Anlegerinnen und Anleger bedeutet
Relevant ist die Entwicklung für Anlegerinnen und Anleger, und zwar in zwei Punkten.
Wer Anlagen in Dollar oder in Schwellenländerwährungen hält, muss mit grösseren Kursausschlägen rechnen - gerade dann, wenn Carry-Positionen abrupt aufgelöst werden.
Dieselben tiefen Finanzierungskosten locken ausländische Schuldner an den Frankenmarkt. Alphabet begab im Februar Frankenanleihen über gut 3 Milliarden, Amazon im Mai über 2,8 Milliarden. Das Angebot für Obligationenanleger wächst - die Renditen bleiben mit gut 1 Prozent aber bescheiden.
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