Das Russland-Dilemma: Sollen Firmen bleiben oder gehen?
VZ Analyse
Nestlé verliert vorübergehend die Kontrolle über Teile seines Russlandgeschäfts. Der Fall verdeutlicht: Schweizer Unternehmen sind mit Unsicherheiten konfrontiert, unabhängig davon, ob sie im Land bleiben wollen oder sich zurückgezogen haben. Ein Überblick über die unterschiedlichen Strategien.
Publiziert vor 4 Stunden
Autor
Florian Estermann
Funktion Anlageexperte
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Für Schweizer Unternehmen, die in Russland tätig sind, ist das Umfeld anspruchsvoller geworden. Die jüngsten Entwicklungen bei Nestlé verdeutlichen, dass Konzerne die Kontrolle über ihre lokale Tochtergesellschaften verlieren können.
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Andere Fälle zeigen zugleich, dass sich auch ein geplanter Rückzug nicht immer wie vorgesehen umsetzen lässt. Seit 2022 haben zahlreiche Schweizer Konzerne ihre Aktivitäten in Russland angepasst. Wie unterschiedlich die Strategien ausfallen, zeigt eine laufend aktualisierte Auswertung der Yale School of Management. Die Auswertung ordnet internationale Unternehmen danach ein, in welchem Umfang sie ihre Aktivitäten in Russland reduziert haben.
Die Einteilung basiert auf der von Yale entwickelten Bewertung der Unternehmensaktivitäten und stellt keine amtliche Klassifikation dar. Yale setzt sich mit der Auswertung für einen Rückzug internationaler Unternehmen aus Russland ein.
Unterschiedliche Strategien
Nur wenige der von Yale erfassten Schweizer Unternehmen führen ihre Geschäfte weitgehend unverändert fort. Dazu zählen EMS-Chemie und Liebherr. Deutlich mehr Unternehmen haben Investitionen gestoppt oder andere Tätigkeiten eingeschränkt, ohne ihr Kerngeschäft vollständig aufzugeben.
Zu dieser Gruppe gehören etwa Nestlé, Roche, Novartis, Alcon und Barry Callebaut. Nestlé stellte beispielsweise nicht essenzielle Importe und Exporte ein, stoppte die Werbung und setzte Investitionen aus. Roche und Novartis reduzierten ebenfalls bestimmte Investitions-, Werbe- oder Entwicklungsaktivitäten.
Andere Schweizer Unternehmen haben ihre operative Tätigkeit stärker zurückgefahren. Yale zählt unter anderem Bucher Industries, Sika, Kühne + Nagel und UBS zu dieser Gruppe. Richemont, Rolex und Swatch Group haben ihre Aktivitäten beziehungsweise Exporte noch stärker eingeschränkt.
Eine weitere Gruppe hat sich vollständig aus dem russischen Markt zurückgezogen. Dazu gehören gemäss Yale beispielsweise ABB, Holcim, Georg Fischer und Zurich Insurance. Die Unterschiede zeigen, dass es unter den Schweizer Unternehmen keine einheitliche Strategie gibt.
Nestlé verliert Kontrolle
Welche zusätzlichen Risiken mit einer anhaltenden Präsenz verbunden sein können, zeigt das Beispiel Nestlé. Im September wurden die Anteile an zwei russischen Tochtergesellschaften von Nestlé unter vorübergehende externe Verwaltung gestellt.
Nestlé betreibt in Russland sechs Produktionsstandorte und beschäftigt dort rund 7000 der weltweit etwa 270'000 Mitarbeitenden. Das Russlandgeschäft erzielt einen Jahresumsatz von knapp 2 Milliarden Franken, bei einem Gesamtumsatz von knapp 90 Milliarden Franken.
Nestlé bleibt zwar formal Eigentümer der betroffenen Gesellschaften, hat aber vorerst durch die Zwangsverwaltung die Kontrolle über die Beteiligungen verloren.
Dieser Fall ist Teil einer breiteren Entwicklung. Nach einer Statistik der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer wurden seit 2023 insgesamt 27 ausländische Unternehmen in Russland unter Zwangsverwaltung gestellt. Der Statistik zufolge kam es anschliessend nur in wenigen Fällen zu einem Verkauf.
Ein prominentes Beispiel ist der französische Lebensmittelkonzern Danone. Dessen russische Tochtergesellschaft wurde 2023 unter Zwangsverwaltung gestellt. Im folgenden Jahr wurde die Zwangsverwaltung aufgehoben. Anschliessend wurde das Russlandgeschäft verkauft. Medienberichten zufolge lag der Verkaufspreis bei rund 180 Millionen Euro. Danone verbuchte im Zusammenhang mit dem Rückzug einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro.
Auch der Rückzug birgt Risiken
Die wirtschaftlichen Risiken betreffen allerdings nicht nur Unternehmen, die ihr Geschäft in Russland weiterführen. Auch ein geplanter Rückzug kann erschwert werden.
Das zeigt das Beispiel UBS. Die Grossbank hat ihre Aktivitäten in Russland ebenso wie die später von ihr übernommene Credit Suisse deutlich reduziert. Ein Moskauer Gericht untersagte UBS und Credit Suisse bereits 2023, Anteile an ihren russischen Tochtergesellschaften zu veräussern. Die Massnahme erfolgte auf Antrag der russischen Zenit Bank im Zusammenhang mit einem Streit über einen syndizierten Kredit.
Schweizer Unternehmen sind damit unabhängig von ihrer Strategie mit erheblichen rechtlichen und operativen Unsicherheiten konfrontiert. Wer im Land verbleibt, muss mit Einschränkungen der Kontrolle über das lokale Geschäft rechnen.
Wer sein Engagement reduzieren oder beenden möchte, kann beim Verkauf bestehender Beteiligungen oder Vermögenswerte auf Hindernisse stossen. Westliche Sanktionen beschränken bestimmte Geschäfte, während russische Kapitalverkehrs- und Verkaufsvorschriften den laufenden Betrieb und einen möglichen Rückzug zusätzlich erschweren.
Russlandgeschäft bleibt ein Unternehmensrisiko
Für Anleger stellt sich deshalb weniger die Frage, ob ein Unternehmen noch in Russland tätig ist, sondern wie gross die wirtschaftliche Bedeutung des Engagements tatsächlich ist.
Die Auswirkungen unterscheiden sich entsprechend stark von Unternehmen zu Unternehmen. Während zahlreiche Schweizer Konzerne Russland bereits verlassen oder ihr Engagement deutlich eingeschränkt haben, betreiben andere weiterhin Teile ihres Kerngeschäfts vor Ort.
Der Fall Nestlé macht die Risiken einer fortgesetzten Präsenz derzeit besonders sichtbar. Die Beispiele Danone und UBS verdeutlichen zugleich, dass auch ein Rückzug finanzielle und operative Belastungen verursachen kann.
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