Bitcoin: Ist der Halving-Zyklus noch gültig?
VZ Analyse
Der Kurs der ältesten Kryptowährung stand in den vergangenen Monaten unter Druck. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass dies kein schlechtes Zeichen sein muss.
Publiziert 4. Aug 2026
Autor
Kevin Kuhn
Funktion Anlageexperte
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Seit Monaten schwankt der Bitcoin-Kurs um 60'000 Dollar herum. Gegenüber dem Rekordhoch vom letzten Herbst entspricht dies einem Minus von 50 Prozent. Für viele Anleger, die noch nicht lange investiert sind, fühlt sich dies nach Absturz an.
Blickt man jedoch auf die Geschichte des Bitcoins zurück, zeigt sich, dass solche Einbrüche zum Muster gehören und keine Ausnahme sind.
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Merkblatt
Bitcoin bewegte sich seit seiner Lancierung 2009 in ausgeprägten, wiederkehrenden Marktzyklen. Als zentraler Taktgeber dieser Zyklen kann man das sogenannte Halving sehen: Etwa alle vier Jahre – genauer: alle 210'000 Blöcke – wird die Anzahl neu geschaffener Bitcoin pro Block halbiert.
Dieser Mechanismus ist im Bitcoin-Protokoll fest programmiert und sorgt für eine kontinuierlich abnehmende Neuemission bis zur Erreichung des fixen Maximalangebots von 21 Millionen Bitcoin. Das dürfte voraussichtlich im Jahr 2140 der Fall sein.
Wie die Halving-Zyklus-Theorie funktioniert
Die Grundlogik der Halving-Zyklus-Theorie ist einfach: Wird das Angebot an neu geschürften Bitcoin halbiert, während die Nachfrage gleich bleibt oder steigt, entsteht ökonomisch ein Angebotsschock. Historisch folgte auf jedes Halving mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung eine mehrmonatige bis mehrjährige Aufwärtsphase, die schliesslich in ein zyklisches Hoch mündete. Darauf folgte jeweils eine deutliche Korrekturphase, bevor sich der Markt in einer Konsolidierung auf das nächste Halving vorbereitete. Zwischen den bisherigen vier Halvings lagen durchschnittlich rund 1'388 Tage – also fast alle vier Jahre.
Auffällig ist zum einen die jeweils sehr deutliche prozentuale Kursbewegung zwischen Halving und Zyklushoch, zum anderen die Tatsache, dass jeder Bärenmarkt bislang ein neues, gegenüber dem vorherigen Zyklus höheres Kursniveau als Tiefpunkt etablierte. Ob sich dieses Muster im aktuellen vierten Zyklus wiederholt, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen.
Der Bitcoin-Emissionsplan
Da die Halving-Zyklus-Theorie direkt auf der Angebotsseite ansetzt, lohnt sich ein Blick auf den zugrundeliegenden Emissionsplan. Er zeigt, mit welcher Blockbelohnung Bitcoin in den jeweiligen Halving-Epochen geschürft wird, bis das feste Maximalangebot von 21 Millionen Einheiten erreicht ist.
Der Emissionsplan verdeutlicht den mit jedem Halving abnehmenden Zuwachs an neuem Angebot: Während in den ersten vier Jahren die Hälfte des gesamten Maximalangebots geschaffen wurde, kommen mit jedem weiteren Halving nur noch kleinere, sich stetig verringernde Mengen hinzu. Aktuell werden pro Tag noch rund 450 neue Bitcoin geschürft.
Sinkende Neuemission und schrumpfende Börsenbestände
Neben der abnehmenden Neuemission zeigt sich seit einigen Jahren ein zweiter, davon unabhängiger Trend: Die auf Handelsplätzen gehaltenen Bitcoin-Bestände sind rückläufig. Die Daten des Analyseanbieters Glassnode zeigen einen klaren Trend: Die Bitcoin-Bestände auf Kryptobörsen sind von ihrem Höchststand von rund 3,3 Millionen Coins Anfang 2022 kontinuierlich gesunken.
Bis Oktober 2025 fiel der Wert auf zeitweise unter 2,9 Millionen – den niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Parallel dazu hat sich das Angebot an schwer zugänglichen ("illiquiden") Bitcoins stark erhöht. Inzwischen liegen über 70 Prozent des gesamten Bestands in Wallets, die kaum Handelsaktivität aufweisen.
Daraus liesse sich ableiten, dass der Halving-Effekt trotz abnehmender Grösse an Bedeutung nicht zwangsläufig verliert, wenn gleichzeitig der frei handelbare Bestand schrumpft. Diese Lesart ist jedoch nicht zwingend: Bereits 2022 blieben die Börsenbestände niedrig, während der Bitcoin-Kurs gleichzeitig stark einbrach. Der Rückgang lässt sich zudem teilweise mit strukturellen Verschiebungen erklären – etwa dem wachsenden Anteil an Bitcoin, der über Spot-ETF und Unternehmensbilanzen (z.B. Strategy) ausserhalb klassischer Handelsplätze verwahrt wird.
Was sich mit den Spot-ETF verändert haben könnte
Seit der Zulassung von US-Spot-Bitcoin-ETF im Jahr 2024 mehren sich Stimmen aus der Finanzbranche, wonach sich die klassische Zyklusdynamik verändern könnte. Die Argumentation: Kapital fliesst über ETF nicht mehr in plötzlichen, kurzfristig getriebenen Wellen in den Markt, sondern zunehmend gleichmässig über strategische Allokationen grosser institutioneller Investoren.
Das würde bedeuten, dass Angebotsschocks durch Halvings künftig eine geringere Rolle spielen als die Nachfrageseite institutioneller Kapitalflüsse. Als Beleg wird unter anderem angeführt, dass grössere Einzelverkäufe institutioneller Marktteilnehmer inzwischen deutlich geringere Kursreaktionen auslösen als in früheren Marktphasen – ein Hinweis auf eine liquidere und strukturell reifere Marktstruktur.
Ob sich diese These bestätigt, ist offen: Auch die zeitweise geringere Volatilität lässt sich teilweise mit einem ruhigeren makroökonomischen Umfeld erklären – vergleichbare Phasen gab es bereits in der Vergangenheit, ohne dass sich daraus eine dauerhafte Strukturveränderung ergab.
Einordnung für die Anlagepraxis
Unabhängig davon, ob sich der klassische Halving-Zyklus fortsetzt oder eine neue, institutionell geprägte Marktphase beginnt, bleiben die fundamentalen Eigenschaften von Bitcoin über sämtliche Zyklen hinweg unverändert:
- Fest limitiertes Angebot von maximal 21 Millionen Bitcoin, dessen Emission durch das Protokoll und nicht durch eine zentrale Instanz gesteuert wird.
- Dezentrale Verifizierbarkeit, da jeder Teilnehmer die Gültigkeit sämtlicher Transaktionen über einen eigenen Knoten selbst prüfen kann, ohne Dritten vertrauen zu müssen.
- Zensurresistenz und freier Zugang, unabhängig von Herkunft, Vermögen oder Genehmigung Dritter.
Diese Eigenschaften bestehen unabhängig davon, in welcher Phase sich der Markt gerade befindet. Volatilität ist bei einem Vermögenswert, der sich in einer vergleichsweise frühen Phase seiner Marktkapitalisierung und Adoption befindet, historisch die Regel und nicht die Ausnahme gewesen – unabhängig davon, ob sie künftig durch institutionelle Kapitalflüsse gedämpft wird oder nicht.
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