Autoaktien im Stresstest: Kommt nach dem VW-Kahlschlag die Wende?
VZ Analyse
Volkswagen streicht Zehntausende Stellen, lässt deutsche Traditionswerke auslaufen und baut den Konzern tiefgreifend um. Der Umbau betrifft die gesamte Autoindustrie. Die Frage für Anleger lautet: Sind Autoaktien noch eine Zukunftswette oder ein Auslaufmodell?
Publiziert vor 2 Stunden
Autor
Roman Gfeller
Funktion Anlageexperte
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Die Autoindustrie gehörte lange zu den verlässlichsten Pfeilern der europäischen Wirtschaft. Hersteller wie Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW profitierten von starken Marken, hoher Nachfrage und guten Geschäften in China. Dieses Umfeld hat sich grundlegend verändert. Elektroautos gewinnen Marktanteile, chinesische Hersteller drängen nach Europa, und die Investitionen in neue Technologien bleiben hoch.
Einsprachen und Rekurse können das neue Eigenheim massiv verteuern
Merkblatt
Volkswagen steht besonders im Fokus. Der Konzern ist Europas grösster Autobauer und gilt als Gradmesser für den Zustand der Branche. Anfang September 2026 hat der Aufsichtsrat den verschärften "Zukunftsplan 2030" von Konzernchef Oliver Blume beschlossen. Weltweit steht der Abbau von weiteren 50’000 Stellen im Raum – auf Basis der bereits geplanten Reduktionen ergibt sich ein Gesamtrahmen von bis zu rund 100’000 Arbeitsplätzen.
Dabei handelt es sich vor allem um natürlichen Abbau, Altersteilzeit und Abfindungen; betriebsbedingte Kündigungen bleiben bis 2030 weitgehend ausgeschlossen. Die Produktionskapazität soll auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr sinken, das Modellangebot wird stark ausgedünnt.
Besonders betroffen sind vier deutsche Standorte: Für Emden, Zwickau, Hannover und das Audi-Werk Neckarsulm gibt es ab 2031 bis 2034 keine gesicherte Folgebelegung. Alternative Nutzungen werden geprüft, endgültige Konzepte sollen bis Mitte 2027 vorliegen. Das Werk in Osnabrück wurde bereits verkauft und soll zum Rüstungsstandort werden, Dresden fertigt keine Autos mehr.
Die Massnahmen sind die Konsequenz sinkender Gewinne, intensiven Wettbewerbs und hoher Investitionen in Elektromobilität und Software. Besonders das einst so profitable Chinageschäft liefert deutlich weniger Beiträge. Volkswagen behält dort zwar weiterhin eine starke Marktposition, steht aber unter spürbarem Druck durch die lokale Konkurrenz.
Neue Konkurrenz und regulierte Märkte
Chinesische Hersteller, allen voran BYD, haben die Kräfteverhältnisse verschoben. Sie gewinnen in China Marktanteile und expandieren nach Europa. Die EU hat bereits Ende 2024 Zusatzzölle von bis zu 35,3 Prozent auf chinesische Elektroautos eingeführt. Seit Anfang 2026 können Hersteller diese durch Mindestpreis-Verpflichtungen umgehen. Parallel bauen chinesische Marken eigene Werke in Europa, um die Handelsbarrieren dauerhaft zu umgehen.
Das Auto wird zunehmend von Batterietechnik, Software und digitalen Funktionen geprägt. Viele chinesische Anbieter haben ihre Fahrzeuge von Beginn an darauf ausgerichtet. Europäische Hersteller müssen ihre bestehenden Strukturen hingegen schrittweise und teuer umbauen.
Elektromobilität als Margen-Bewährungsprobe
Nach dem Einbruch 2025 erlebt Europa – insbesondere Deutschland – 2026 wieder einen starken E-Auto-Boom. Der Marktanteil vollelektrischer Fahrzeuge lag bei Neuzulassungen im August zeitweise über 30 Prozent. Volkswagen und andere Hersteller verzeichnen steigende Bestellungen und bringen neue Modelle.
Allerdings wird der Boom teuer erkauft: Hohe Rabatte und staatliche Prämien drücken die Gewinnmargen massiv. Entscheidend wird sein, ob sich mit Elektroautos langfristig attraktive Renditen erzielen lassen.
Günstig bewertet – aber das Risiko bleibt hoch
Viele Autoaktien gehören zu den günstigsten Titeln am europäischen Markt. Die Kurse von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW liegen klar unter ihren Niveaus der vergangenen Jahre.
Gleichzeitig werden die Titel mit niedrigen Bewertungskennzahlen gehandelt. Die scheinbar günstigen Kurse spiegeln vor allem die Unsicherheit über den Konzernumbau, hohe Restrukturierungskosten und sinkende Dividenden wider. Für das Geschäftsjahr 2025 kürzte Mercedes-Benz die Ausschüttung von 4.30 auf 3.50 Euro und Volkswagen von 6.30 auf 5.20 Euro. BMW erhöhte sie leicht von 4.30 auf 4.40 Euro. Bei allen drei Herstellern belasten die laufende Transformation und der intensivere Wettbewerb die Perspektiven.
Ob nach dem aktuellen Umbau eine nachhaltige Erholung folgt oder sich der Abstieg fortsetzt, bleibt offen. Der Strukturwandel der europäischen Autoindustrie dürfte noch Jahre in Anspruch nehmen. Anleger, die heute in Volkswagen, Mercedes-Benz oder BMW investieren, setzen weniger auf stabile Dividenden und berechenbares Wachstum als auf die Fähigkeit dieser Unternehmen, sich in einem veränderten Marktumfeld neu zu positionieren.
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