Amrize: Baustoffriese mit Wachstumspotenzial

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Mit grossen Vorschusslorbeeren wurde Amrize vor über einem Jahr von Holcim abgespalten. Umso enttäuschender ist seither die Aktienkursentwicklung. Lesen Sie in der nachfolgenden Analyse, wie wir die Situation beurteilen.

Publiziert 26. Aug 2026

Autor

Claudio Betschart

Funktion Anlageexperte

Im Juni 2025 hat Holcim das Nordamerikageschäft abgespalten. Daraus entstand mit Amrize ein eigenständiger Baustoffkonzern, der sich vollständig auf die USA und Kanada konzentriert.

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Das Unternehmen deckt die gesamte Wertschöpfungskette des Bauwesens ab, von Zement und Zuschlagstoffen über Transportbeton bis hin zu Dach- und Gebäudehüllensystemen. Dank dieser breiten Aufstellung wird Amrize als Anbieter für Baulösungen "von der Grundmauer bis zum Dach" bezeichnet.

Der regionale Fokus unterscheidet Amrize von vielen internationalen Konkurrenten. Das Unternehmen profitiert dabei von langfristigen Trends wie dem Bevölkerungswachstum, der Modernisierung der Infrastruktur, dem Ausbau von Rechenzentren sowie der Rückverlagerung industrieller Produktion in die USA. Mit einer führenden Marktpositionierung im Zementgeschäft sowie einer starken Stellung bei Zuschlagstoffen und Dachmaterialien gehört Amrize zu den wichtigsten Akteuren der nordamerikanischen Bauindustrie. Das Unternehmen verzichtet zwar auf die geografische Diversifikation, kann dadurch aber Kapital und Managementressourcen gezielt auf einen der attraktivsten Baumärkte der Welt ausrichten.

Warum die Aktie bislang hinter den Erwartungen zurückbleibt

Seit dem Börsenstart entwickelt sich die Aktie deutlich verhaltener als allgemein erwartet wurde. Dafür gibt es mehrere Gründe. So musste Amrize zunächst die Herausforderungen eines komplexen Spin-offs bewältigen. Der Aufbau eigener Prozesse, Systeme und Organisationsstrukturen führte zu zusätzlichen Kosten und vorübergehenden Ineffizienzen. Gleichzeitig belasten verschiedene operative Sonderfaktoren das Ergebnis. Dazu gehören unter anderem Produktionsunterbrüche in einzelnen Werken, welche die Rentabilität temporär beeinträchtigen.

Zusätzlich kam 2025 ein schwaches Marktumfeld im Dachmaterialgeschäft hinzu. Nach einer ungewöhnlich ruhigen Hurrikansaison war die Nachfrage nach Dachsanierungen und Dachersatz in den USA geringer als üblich. Da dieser Bereich einen wichtigen Teil des Segments Building Envelope ausmacht, wirkte sich dies unmittelbar auf Umsatz und Margen aus. Zwar konnten die finanziellen Ziele für das Gesamtjahr insgesamt erreicht werden und auch die Cashflow-Generierung fiel erfreulich aus. Im Vergleich zu verschiedenen amerikanischen Konkurrenten blieb die Entwicklung der operativen Margen jedoch hinter den Erwartungen zurück.

Die Zinsen im Fokus

Die Entwicklung der US-Zinsen spielt für Amrize eine zentrale Rolle. Höhere Hypothekarzinsen verteuern den Erwerb von Wohneigentum und führen dazu, dass private Bauprojekte aufgeschoben werden. In den vergangenen Jahren hat dieser Effekt den Wohnungsbau in den USA deutlich gebremst. Da rund ein Fünftel des Umsatzes direkt oder indirekt mit dem Wohnbaubereich zusammenhängt, wirkt sich diese Entwicklung auf die Nachfrage nach Baustoffen und Dachsystemen aus.

Vorläufig bleiben die Finanzierungskosten in den USA hoch. Die Federal Reserve hält den Leitzins derzeit bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Einzelne Notenbanker haben zuletzt eine Erhöhung befürwortet. Gleichzeitig spricht die Entwicklung der langfristigen Finanzierungskosten dafür, dass der Höhepunkt des Zinszyklus näher rücken könnte: Die durchschnittliche 30-jährige Hypothekenrate ist zuletzt auf 6,65 Prozent gesunken und damit den zweiten Monat in Folge rückläufig. Sollte sich die Inflation wieder abschwächen und dadurch sogar Zinssenkungen in Gang setzen, würde dies insbesondere den bislang schwachen Wohnungsbau unterstützen. Für Amrize wäre dies ein zusätzlicher Wachstumstreiber, da niedrigere Finanzierungskosten die Erschwinglichkeit von Wohneigentum verbessern und aufgeschobene Bauprojekte wieder angestossen werden könnten. 

Für Amrize spricht zudem, dass sie weniger stark vom Wohnungsmarkt abhängig sind als viele direkte Konkurrenten. Im Jahr 2025 entfielen 51 Prozent des Umsatzes auf den kommerziellen Bereich und 28 Prozent auf Infrastruktur. Dadurch verfügt das Unternehmen über ein breiter abgestütztes Geschäftsmodell als reine Wohnbauzulieferer.

Jan Jenisch als wichtiger Erfolgsfaktor

Ein zentrales Argument für die Aktie bleibt die Unternehmensführung. CEO und Verwaltungsratspräsident Jan Jenisch verfügt über einen aussergewöhnlich starken Leistungsausweis in der Baustoffindustrie. Bereits bei Sika verfolgte er erfolgreich eine Wachstumsstrategie, bevor er anschliessend Holcim restrukturierte und zu einem deutlich profitableren Unternehmen entwickelte. Auch sein finanzielles Engagement unterstreicht das Vertrauen in die Zukunft von Amrize. Gemeinsam mit seiner Familie hält Jenisch Amrize-Aktien im Wert von rund 100 Millionen Franken. Für Investoren ist dies ein wichtiges Signal, da die Interessen des Managements und der Aktionäre eng miteinander verbunden sind.

Kommt nach Anlaufschwierigkeiten nun das Wachstum?

Nach einem schwierigen ersten Jahr sprechen zahlreiche Faktoren für eine Beschleunigung der operativen Entwicklung. Die Nachfrage nach Zement und Zuschlagstoffen entwickelt sich positiv, Preiserhöhungen konnten bislang erfolgreich im Markt durchgesetzt werden, und die Margen dürften sich mit zunehmender Auslastung wieder verbessern. Besonders attraktiv erscheint die Positionierung in den Bereichen Infrastruktur und kommerzieller Bau. Die USA investieren weiterhin Milliardenbeträge in Strassen, Brücken, Energieanlagen, Industrieprojekte und Rechenzentren. Gleichzeitig verfügt Amrize über eine starke Marktstellung mit weitreichenden Produktions- und Vertriebsnetzen sowie einer hohen Preissetzungsmacht in vielen regionalen Märkten.

Insgesamt erscheint Amrize als qualitativ hochwertiges Infrastruktur- und Baustoffunternehmen, dessen erstes Jahr als eigenständige Gesellschaft von Sondereffekten und Anlaufkosten geprägt war. Mit der führenden Marktstellung im nordamerikanischen Zementmarkt, attraktiven Wachstumstreibern, einer starken Bilanz und der erfahrenen Führung durch Jan Jenisch verfügt das Unternehmen über gute Voraussetzungen, um in den kommenden Jahren profitabel zu wachsen und den Rückstand gegenüber vergleichbaren US-Unternehmen aufzuholen.

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