VZ Analyse
Der Ölpreis ist zurück auf dem Vorkrisen-Niveau – und genau das sollte Anleger misstrauisch machen. Denn während die Märkte Entspannung signalisieren, deuten andere Indikatoren auf eine ganz andere Realität hin.
Publiziert vor 2 Stunden
Beschreibung
Auf den ersten Blick scheint der Ölmarkt sein Urteil bereits gefällt zu haben: Der Irankonflikt hat keinen nachhaltigen Preisschock ausgelöst. Nach dem kurzen Sprung auf zeitweise über 120 Dollar je Barrel notieren Brent und WTI wieder unter der Marke von 80 Dollar. Selbst die erneute Eskalation der Kampfhandlungen und die wiederholte Missachtung des Memorandum of Understanding konnten daran bislang wenig ändern.
Die geopolitische Risikoprämie ist also aus den Kursen weitgehend verschwunden. Doch gerade diese Gelassenheit ist bemerkenswert. Denn unter der ruhigen Oberfläche des Ölmarkts stehen sich derzeit zwei Narrative gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Ein Markt, zwei Narrative
Das erste Narrativ spricht von einer regelrechten Ölschwemme. Demnach konnten Produzenten ausserhalb der Krisenregion den Ausfall iranischer und anderer Golf-Lieferungen nicht nur kompensieren, sondern sogar überkompensieren. Neue Pipelineverbindungen, Umleitungen von Transportströmen und höhere Fördermengen hätten aus einer drohenden Mangellage innerhalb weniger Monate ein Überangebot gemacht. Für viele Marktbeobachter ist dies die Erklärung dafür, weshalb Öl heute wieder deutlich günstiger gehandelt wird als auf dem Höhepunkt der Krise.
Die zweite Erzählung lautet zugespitzt, dass die Ölpreise lügen. Diesem Narrativ zufolge herrscht nach wie vor ein erheblicher Mangel an physisch verfügbarem Öl. Die auf den Bildschirmen angezeigten Futures-Preise – also jene Notierungen, die gemeinhin als "Ölpreis" bezeichnet werden – spiegelten die tatsächliche Lage am physischen Markt nicht korrekt . Demnach suggerieren die Terminmärkte Entspannung, während reale Käufer von Rohöl und raffinierten Produkten weiterhin mit Knappheiten konfrontiert sind.
Die entscheidende Spur liegt abseits des Ölpreises
Welche Sichtweise trifft die Realität besser? Die Antwort findet sich nicht unbedingt im Ölpreis selbst, sondern in den Verwerfungen, die sich unter der Oberfläche des Marktes abzeichnen. Besonders aufschlussreich sind die sogenannten Crackspreads. Diese Kennzahl beschreibt die Differenz zwischen dem Preis eines Barrels Rohöl und dem Marktwert der daraus hergestellten Produkte wie Benzin, Diesel oder Kerosin. Vereinfacht gesagt zeigt der Crackspread, wie gross der Wertzuwachs ist, der bei der Verarbeitung von Rohöl entsteht.
Und hier wird es interessant: Bei einem Rohölpreis von rund 76 Dollar je Barrel bei der Ölsorte WTI liegen die Crackspreads derzeit bei knapp 65 Dollar. Rein rechnerisch entspricht dies einem Produktwert von rund 141 Dollar pro Barrel. Anders ausgedrückt: Während Rohöl für 76 Dollar gehandelt wird, bewertet der Markt die daraus gewonnenen Treibstoffe und Destillate deutlich höher.
Auf den ersten Blick wirkt das wie eine traumhafte Gewinnmaschine für Raffinerien. Doch wenn tatsächlich derart hohe Margen risikolos erzielbar wären, müsste sich das längst in den Aktienkursen der Raffineriebetreiber und Ölkonzerne niederschlagen. Das ist bislang jedoch nicht zu beobachten.
Eine mögliche Erklärung lautet, dass die Märkte diese aussergewöhnliche Konstellation lediglich als vorübergehendes Phänomen betrachten. In diesem Fall müssten sich die Crackspreads in absehbarer Zeit wieder ihrem historischen Durchschnitt annähern.
Eine scheinbar offensichtliche Handelschance
Genau daraus würde sich allerdings eine attraktive Handelsmöglichkeit ergeben. Wer davon ausgeht, dass die Differenz zwischen Rohöl und raffinierten Produkten wieder schrumpft, könnte Futures auf Benzin und Diesel leerverkaufen und gleichzeitig Rohöl-Futures kaufen. Je schneller die Crackspreads zurückgehen, desto höher wäre der potenzielle Gewinn dieser Strategie.
Bemerkenswert ist deshalb, dass sich die grossen Hedgefonds bislang nicht in nennenswertem Umfang auf eine solche Normalisierung festgelegt haben. Im Gegenteil: Das Long-Short-Verhältnis im Ölmarkt befindet sich auf rekordniedrigem Niveau.
Noch aufschlussreicher ist das Verhalten der Regierungen. Würde tatsächlich eine Ölschwemme herrschen, müssten die USA und die europäischen Staaten die gegenwärtigen Preise eigentlich als Kaufgelegenheit betrachten. Ihre strategischen Ölreserven wurden in den vergangenen Jahren erheblich reduziert und haben vielerorts einen kritisch tiefen Füllstand erreicht.
Unter normalen Marktbedingungen wäre ein Ölpreis von rund 76 Dollar je Barrel ein günstiger Zeitpunkt, um diese Bestände wieder aufzufüllen. Doch das geschieht nicht. Stattdessen gelangen weiterhin Reserven auf den Markt.
Was heisst das für Privatanleger?
Vor allem eines: Der niedrige Brent- und WTI-Preis ist nicht mit einem entspannten Ölmarkt gleichzusetzen. Die Diskrepanz zwischen billigem Papier-Öl und knappem physischem Öl erhöht das Risiko von Fehleinschätzungen. Wer auf deutlich sinkende Spritpreise setzt oder allein wegen historisch hoher Crackspreads Raffinerie-Aktien kauft, könnte enttäuscht werden.
Die aktuelle Lage spricht nicht zwingend für einen unmittelbar in die Höhe schiessenden Ölpreis. Sie zeigt jedoch, dass der Marktpreis nur noch einen Teil der Realität abbildet. Der Ölmarkt ist längst kein klassischer, rein finanzgetriebener Rohstoffmarkt mehr – er ist eine Arena, in der Geopolitik, staatliche Notinterventionen, logistische Engpässe und spekulatives Kapital aufeinanderprallen. Wer nur auf die Zahl von 76 Dollar blickt, sieht den Preis. Wer die Marktstruktur versteht, erkennt das Risiko – und vielleicht die eine oder andere Investmentchance.
Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.