Wird der SMI zum Pharmaindex?

Analysen
Analysen

VZ Analyse

Der Gesundheitssektor gewinnt im SMI weiter an Gewicht. Doch trotz sechs Vertretern ist der Leitindex breiter aufgestellt, als es auf den ersten Blick scheint. Und langfristig stehen bereits weitere mögliche Aufstiegskandidaten bereit.

Publiziert vor 9 Stunden

Autor

Christian Huber

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Im September ersetzen Galderma und Sandoz im Schweizer Leitindex SMI die Swisscom und Kühne & Nagel. Damit stellt das Gesundheitswesen neu sechs der 20 Indexmitglieder und ist stärker vertreten als jeder andere Sektor. Dahinter folgen die Finanztitel mit fünf Vertretern.

Auf den ersten Blick nimmt damit die Konzentration auf den Gesundheitssektor deutlich zu. Ein genauerer Blick relativiert dieses Bild jedoch. Die Unternehmen verfolgen sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle und decken verschiedene Bereiche der Gesundheitsversorgung ab. Kurzfristig dürfte zudem kein weiterer Titel aus dem Sektor in den SMI aufsteigen. Langfristig gibt es aber mehrere Kandidaten, die den Sprung schaffen könnten.

Gesundheitswesen ist nicht gleich Pharma

Die Zusammensetzung des SMI wird auch nach der Aufnahme von Galderma und Sandoz weniger einseitig sein, als die Zahl von sechs Gesundheitsunternehmen vermuten lässt.

Die beiden Schwergewichte Novartis und Roche dominieren den Sektor weiterhin mit einer Marktkapitalisierung von rund 260 beziehungsweise 300 Milliarden Franken, sie gehören zu den grössten Unternehmen im SMI. Beide verfügen über ein breites Angebot an Medikamenten und Behandlungen. Roche besitzt zudem ein bedeutendes Diagnostikgeschäft.

Die übrigen Unternehmen sind deutlich stärker spezialisiert. Lonza gehört weltweit zu den führenden Auftragsentwicklern und -herstellern für die Pharmaindustrie. Alcon und Sandoz gehörten früher zu Novartis und wurden später als eigenständige Unternehmen an die Börse gebracht. Alcon konzentriert sich auf Augenheilkunde, Sandoz auf Generika und Biosimilars. Galderma wiederum fokussiert sich auf Dermatologie.

Damit decken die sechs Unternehmen sehr unterschiedliche Bereiche des Gesundheitswesens ab.

Potenzielle Neuzugänge

Aus heutiger Sicht sind weitere Kandidaten aus dem Gesundheitssektor von einem Platz im SMI noch deutlich entfernt. Sie müssten ihre Börsenwerte stark steigern und gleichzeitig Konkurrenten aus anderen Branchen hinter sich lassen. Dennoch gibt es mehrere Gesundheitsunternehmen, die langfristig das Potenzial für den Sprung in den Leitindex besitzen.

Straumann

Am nächsten an einer möglichen Aufnahme liegt Straumann. Das Unternehmen wurde in den vergangenen Jahren immer wieder als Kandidat für den SMI gehandelt. Das zuvor starke Wachstum verlor zuletzt jedoch an Schwung.

Der Spezialist für Zahnimplantate litt insbesondere unter tieferen Preisen in China. Staatliche Ausschreibungen drückten dort die Verkaufspreise und belasteten die Margen. Wie viele exportorientierte Schweizer Unternehmen spürte Straumann zudem den starken Franken.

Eine Erholung der Nachfrage in China und höhere Margen durch lokale Produktion könnten das Wachstum wieder beschleunigen. Ab 2027 könnte auch die nächste Preisreform unterstützen, die noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 beginnen soll. Gleichzeitig bleibt der langfristige Markt attraktiv. Straumann besitzt eine führende Stellung bei Zahnimplantaten und hat sein Angebot über die vergangenen Jahre deutlich verbreitert.

Sonova, Galenica und Siegfried

Sonova kennt den SMI bereits. Der Hörgerätehersteller stieg im Herbst 2022 in den Leitindex auf, verlor seinen Platz später aber an die Holcim-Abspaltung Amrize. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 14,6 Milliarden Franken liegt Sonova derzeit nur knapp hinter Straumann mit rund 14,9 Milliarden Franken. Das Unternehmen gehört damit zu den aussichtsreichsten Kandidaten für eine Rückkehr.

Langfristig profitiert Sonova von der alternden Bevölkerung und der steigenden Nachfrage nach Hörlösungen. Als einer der weltweit führenden Anbieter besitzt das Unternehmen eine starke Ausgangslage.

Hinter Sonova und Straumann folgen gemessen an der Börsengrösse Galenica und Siegfried. Galenica ist vor allem für sein Apothekennetz mit Marken wie Amavita bekannt. Das Unternehmen profitiert von demografischen Trends und davon, dass einfachere medizinische Leistungen zunehmend auch in Apotheken angeboten werden.

Bei Siegfried liegt das Wachstumspotenzial stärker in der Pharmaindustrie. Das Unternehmen entwickelt und produziert im Auftrag anderer Pharmaunternehmen und verfolgt damit ein ähnliches Geschäftsmodell wie Lonza, ist aber deutlich kleiner. Sollten Pharmaunternehmen angesichts der hohen Kosten eigener Produktionsanlagen weitere Teile ihrer Fertigung auslagern, könnte Siegfried davon profitieren.

Ypsomed und Bachem

Ypsomed und Bachem wuchsen zuletzt deutlich stärker. Mit Börsenwerten von mehr als fünf Milliarden Franken sind beide Unternehmen jedoch noch weit von einer SMI-Aufnahme entfernt.

Erschwerend kommt hinzu, dass für die Aufnahme in den SMI die frei handelbare Marktkapitalisierung massgeblich ist. Bei Ypsomed und Bachem befinden sich grosse Aktienpakete weiterhin in den Händen der Gründerfamilien. Dadurch fällt der für die Indexberechnung relevante Börsenwert deutlich tiefer aus als die gesamte Marktkapitalisierung.

Langfristig muss dies jedoch kein Nachteil sein. Die starke Verankerung der Gründerfamilien ermöglicht eine auf Weitsicht ausgelegte Unternehmensführung und reduziert den Druck, sich an kurzfristigen Markterwartungen zu orientieren. Gleichzeitig profitieren beide Unternehmen von strukturellen Wachstumstrends im Gesundheitswesen.

Ypsomed entwickelt Lösungen für die Selbstinjektion von Medikamenten. Dazu gehören Pens, Autoinjektoren und körpergetragene Injektionssysteme. Solche Geräte kommen bei immer mehr Therapien zum Einsatz. Besonders sichtbar ist dies bei GLP-1-Medikamenten gegen Diabetes und Adipositas, deren Nachfrage in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Ypsomed konnte davon bereits profitieren und dürfte auch künftig am Wachstum solcher Anwendungen teilhaben.

Bachem liefert dagegen wichtige Bestandteile für Medikamente. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung und Herstellung von Peptiden und Oligonukleotiden spezialisiert. Peptide bestehen aus kurzen Ketten von Aminosäuren und bilden die Grundlage verschiedener Wirkstoffe. Bekannte Beispiele sind Insulin und GLP-1.

Die steigende Nachfrage nach solchen Wirkstoffen und neue Möglichkeiten bei der Medikamentenentwicklung schaffen für Bachem eine attraktive Ausgangslage. Auch neue Technologien könnten die Entwicklung zusätzlicher Wirkstoffe beschleunigen und damit den Bedarf an entsprechenden Produktionskapazitäten erhöhen.

Breites Gesundheitsuniversum

Die Schweiz verfügt damit über eine ungewöhnlich breite Palette börsenkotierter Gesundheitsunternehmen. Novartis und Roche stehen für klassische Pharmaforschung und innovative Medikamente. Lonza und Siegfried übernehmen Entwicklung und Produktion für andere Pharmaunternehmen. Sandoz konzentriert sich auf Generika und Biosimilars.

Bachem liefert wichtige Bestandteile für neue Medikamente, während Ypsomed die passende Technik für deren Verabreichung entwickelt. Alcon deckt die Augenheilkunde ab, Sonova das Hören und Galderma die Dermatologie. Straumann konzentriert sich auf Zahnmedizin und Implantate. Galenica ergänzt diese Unternehmen mit einem breiten Apothekennetz und bringt viele Produkte direkt zu den Patienten.

Fazit

Kurzfristig ist kein weiterer Aufstieg eines Gesundheitsunternehmens in den SMI absehbar. Straumann und Sonova kommen den dafür nötigen Grössenordnungen derzeit am nächsten. Dahinter folgen mit Siegfried, Galenica, Ypsomed und Bachem mehrere Unternehmen mit langfristigem Wachstumspotenzial.

Selbst wenn der Gesundheitsanteil im SMI in den kommenden Jahren weiter steigen sollte, würde dies den Index nicht automatisch einseitiger machen. Die Unternehmen unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Geschäftsmodelle, Absatzmärkte und Wachstumstreiber. Der SMI entwickelt sich damit zwar stärker zu einem Gesundheitsindex, innerhalb des Sektors bleibt seine Zusammensetzung aber breit diversifiziert.

Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.