Was ist bei Novartis los?

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Die Wachstumsstory von Novartis galt lange als intakt. Doch gleich zwei Enttäuschungen aus der Forschung haben Zweifel geweckt und eine heftige Börsenreaktion ausgelöst. Sind das nur Stolpersteine auf dem Weg nach oben oder erste Warnsignale?

Publiziert vor 4 Stunden

Autor

Christian Huber

Funktion Anlageexperte

Es waren turbulente Tage für Novartis. Zumindest wenn der Aktienkurs des Schweizer Pharmakonzerns als Stimmungsbarometer dient. Nachdem die Valoren bereits am Montag um mehr als drei Prozent nachgaben, sorgte am Dienstag ein weiteres enttäuschendes Studienergebnis für ein Minus von fast elf Prozent. Den grössten Tagesverlust in der langen Geschichte von Novartis.

Nur wenige Tage zuvor hatte die Aktie noch ein Allzeithoch erreicht. Was also ist bei Novartis los? Für Novartis dürfte das zweite Halbjahr richtungsweisend werden. Mehrere wichtige Studien zu neuen Medikamenten stehen auf der Agenda. 

Seit Anfang September haben insbesondere drei Resultate starke Kursbewegungen ausgelöst.

1. September: Remibrutinib (Kursreaktion: +6,2%)

Der September begann für Novartis erfreulich. Am 1. September meldete der Konzern positive Ergebnisse für Remibrutinib. Der Wirkstoff konnte bei schubförmiger Multipler Sklerose die Zahl der Krankheitsschübe stärker reduzieren als eine Vergleichstherapie. Zudem traten keine auffälligen Leberprobleme auf, die bei anderen Medikamenten dieser Wirkstoffklasse eine Rolle spielen können.

Nach den positiven Ergebnissen will Novartis die Zulassung beantragen. An der Börse kamen die Nachrichten entsprechend gut an.

7. September: Pelacarsen (Kursreaktion: -3,2%)

Nur wenige Tage später folgte jedoch die erste Ernüchterung. Am Wochenende veröffentlichte Novartis neue Studiendaten zu Pelacarsen. Der Wirkstoff senkte zwar den erblich bedingt erhöhten Blutfettwert Lipoprotein(a). Die Studie konnte aber nicht zeigen, dass dadurch weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle, kardiovaskuläre Todesfälle oder dringende Eingriffe an den Herzkranzgefässen auftreten.

Damit zerschlug sich vorerst die Hoffnung auf ein neues Blockbuster-Medikament mit einem Umsatzpotenzial von mehreren Milliarden Dollar. Die Aktie geriet entsprechend unter Druck.

8. September: Del-Desiran (Kursreaktion: -10,9%)

Noch heftiger reagierte die Börse am folgenden Tag. Del-Desiran, ein Medikament gegen die seltene Muskelerkrankung Myotone Dystrophie Typ 1, verfehlte in einer Studie das primäre Ziel.

Im Fokus der Untersuchung stand die Muskelsteifigkeit. Gemessen wurde unter anderem, wie schnell Patienten ihre Hand nach festem Schliessen wieder öffnen können. Del-Desiran zeigte dabei keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber Placebo.

Novartis will die Entwicklung dennoch fortsetzen. Bei mehreren sekundären Studienzielen seien positive Effekte sichtbar gewesen.

Warum fallen die Reaktionen so stark aus?

Phase-III-Studien sind für Pharmaunternehmen ein entscheidender Schritt vor einem möglichen Zulassungsantrag. In früheren Phasen stehen zunächst Sicherheit, Dosierung und erste Hinweise auf die Wirksamkeit im Vordergrund. In Phase III wird ein Medikament an einer deutlich grösseren Patientengruppe mit Placebo oder bestehenden Therapien verglichen. Fallen die Ergebnisse positiv aus, kann das Unternehmen die Zulassung beantragen.

Enttäuschende Resultate führen deshalb häufig zu deutlichen Kursverlusten. Das Ausmass der Reaktion auf Del-Desiran überrascht dennoch. Ein Grund dürfte sein, dass die Meldung unmittelbar auf die Enttäuschung bei Pelacarsen folgte.

Noch wichtiger ist aber die strategische Bedeutung von Del-Desiran. Der Wirkstoff gilt als eines der zentralen Projekte von Avidity Biosciences, das Novartis erst kürzlich für rund 12 Milliarden Dollar übernommen hat. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die ersten klinischen Fortschritte.

Die Investmentthese hinter der Übernahme hängt allerdings nicht allein an Del-Desiran. Mit Avidity hat sich Novartis weitere vielversprechende Wirkstoffkandidaten in die Pipeline geholt. Zudem betont der Konzern, die Entwicklung von Del-Desiran trotz des Rückschlags weiter vorantreiben zu wollen.

Unabhängig davon stehen in den kommenden Monaten weitere wichtige Studienresultate an. Dazu gehört Ianalumab, ein Wirkstoff gegen verschiedene Autoimmunerkrankungen. Von hoher Bedeutung sind auch neue Daten zu Leqvio, das bereits zur Senkung hoher Cholesterinwerte eingesetzt wird. Entscheidend für zusätzliches Marktpotenzial ist hier die Frage, ob die Behandlung nachweislich auch Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindert.

Kommt die Wachstumsmaschine ins Stocken?

Damit rückt die zentrale Frage hinter den jüngsten Kursbewegungen in den Vordergrund. Kann Novartis seinen Wachstumskurs fortsetzen?

Der Pharmakonzern ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Gegen Ende des vergangenen Jahres und im ersten Quartal dieses Jahres verlangsamte sich das Tempo jedoch. Ein wichtiger Grund war die zunehmende Konkurrenz durch Generika.

Besonders sichtbar ist dies bei Entresto. Das Herzmedikament machte zeitweise rund zehn Prozent des Konzernumsatzes aus. In den USA ist inzwischen Konkurrenz durch günstigere Nachahmerprodukte zu spüren. Im zweiten Quartal zeigte Novartis allerdings, dass neue Wachstumsträger diese Belastung zumindest teilweise ausgleichen können.

Dabei hilft, dass in den kommenden Jahren nur wenige weitere grosse Medikamente unmittelbar ihren Patentschutz verlieren werden. Erst gegen Ende des Jahrzehnts dürfte der Druck wieder deutlich zunehmen.

Trotzdem muss Novartis bereits heute die Grundlage für das Wachstum von morgen legen. Dafür braucht der Konzern neue Medikamente, die in klinischen Studien überzeugen und anschliessend zugelassen werden. Die jüngsten Rückschläge zeigen, wie unsicher dieser Prozess ist.

Sie bedeuten aber noch nicht, dass die Wachstumsstory von Novartis grundsätzlich ins Wanken gerät. Die Pipeline bleibt gut gefüllt, und weitere wichtige Studiendaten stehen noch aus. Gerade deshalb dürften klinische Daten den Aktienkurs in den kommenden Monaten weiter stark bewegen.

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