VZ Analyse
Jahrelang war die Autoindustrie für Schweizer Zulieferer ein verlässlicher Wachstumsmotor. Heute zwingt die Schwäche der europäischen Hersteller die Unternehmen zum Umbau. Ein Blick auf verschiedene Firmen zeigt, welche Wege sie dabei einschlagen.
Publiziert vor 11 Stunden
Beschreibung
Die Schweiz beherbergt keine grossen Automobilkonzerne wie Volkswagen oder Stellantis. Dafür spielen zahlreiche Schweizer Industrieunternehmen als hochspezialisierte Zulieferer eine wichtige Rolle. Sie liefern Bauteile, Materialien oder Technologien an internationale Autobauer und sind damit indirekt stark von deren Geschäftsgang abhängig. Die Schwäche der europäischen Hersteller trifft deshalb auch viele Schweizer Unternehmen. Sie reagieren darauf, indem sie neue Kunden gewinnen, ihre Produkte an die Elektromobilität anpassen oder ausserhalb der Autoindustrie wachsen.
Mit dem Wandel Schritt halten
Ein grosses Problem der traditionellen Autobauer ist der Rückstand bei der Elektromobilität. Vor allem chinesische Hersteller haben stark aufgeholt und drängen zunehmend auf den europäischen Markt. Viele von ihnen überzeugen mit moderner Technologie und vergleichsweise tiefen Preisen. Für Schweizer Zulieferer eröffnet diese Verschiebung aber auch neue Chancen.
Das zeigt sich bei Autoneum. Das auf akustische und thermische Isolation spezialisierte Unternehmen beliefert bereits wichtige chinesische Autobauer wie BYD, Geely oder Chery. Autoneum verbreitert damit seine Kundenbasis, ohne sein Kerngeschäft grundlegend zu verändern.
Einen ähnlichen Weg geht Oerlikon. Die Beschichtungstechnologien des Schweizer Industriekonzerns kommen bereits bei chinesischen Herstellern wie BYD und Xiaomi zum Einsatz. Damit profitiert auch Oerlikon vom Aufstieg neuer Automarken.
Auch EMS-Chemie richtet sich stärker auf diese Entwicklung aus. Das auf Hochleistungskunststoffe spezialisierte Unternehmen veröffentlicht zwar keine detaillierte Kundenliste, verfügt aber über mehrere Produktionsstandorte in China und bezeichnete die chinesische Elektroautoindustrie bereits 2023 als strategisch wichtigen Markt.
Gleichzeitig spielt EMS-Chemie ein weiterer Trend in die Hände. Die schweren Batterien von Elektroautos erhöhen den Druck, bei anderen Bauteilen Gewicht einzusparen. EMS-Chemie entwickelt deshalb Lösungen, mit denen sich bisherige Metallteile durch leichtere Kunststoffkomponenten ersetzen lassen. Das Unternehmen erschliesst damit neue Anwendungen, ohne sein Kerngeschäft zu verlassen.
Über die Autoindustrie hinauswachsen
Andere Schweizer Unternehmen gehen einen Schritt weiter und reduzieren ihre Abhängigkeit von der Automobilindustrie grundsätzlich. Besonders konsequent hat dies Georg Fischer getan. Das Unternehmen verkaufte seine Sparte Casting Solutions Anfang des Jahres an die mexikanische Nemak und konzentriert sich seither auf Durchflusssysteme für Industrie und Infrastruktur. Damit hat sich Georg Fischer weitgehend aus dem Automobilgeschäft zurückgezogen.
Andere Firmen wollen der Branche treu bleiben, aber zusätzliche Standbeine aufbauen. Dazu gehört Komax. Der Spezialist für automatisierte Kabelverarbeitung litt in den vergangenen Jahren stark unter der schwachen Autoindustrie. Die Ergebnisse für das erste Halbjahr 2026 zeigten jedoch, dass das Unternehmen seine Abhängigkeit von der Branche reduzieren konnte. Neue Anwendungen rund um den Ausbau von Rechenzentren trugen wieder stärker zum Umsatz bei. Die Anleger honorierten diese Entwicklung und die Aktie legte nach der Veröffentlichung der Zahlen deutlich zu.
Auch Feintool ist weiterhin stark vom Automobilsektor abhängig. Das Unternehmen stanzt, schneidet und formt Präzisionsteile, die in grossen Stückzahlen benötigt werden. Schon heute liefert Feintool Komponenten für Elektromotoren und Brennstoffzellen und profitiert damit vom technologischen Wandel innerhalb der Autobranche.
Gleichzeitig sucht das Unternehmen bewusst nach Wachstum ausserhalb des Automobilsektors. Im Fokus stehen Anwendungen in der Wind- und Wasserkraft sowie Elektromotoren für verschiedene Industriezweige. Damit kann Feintool auch von Investitionen in Infrastruktur und Rechenzentren profitieren. Wie gut dies dem Unternehmen im ersten Halbjahr gelang, werden die neusten Zahlen am 27. August zeigen.
Der Umbau hat begonnen
Die Entwicklung der Schweizer Autozulieferer zeigt eine Stärke der heimischen Industrie. Viele Unternehmen sind hoch spezialisiert und in ihren Nischen technologisch führend. Gleichzeitig können sie ihre Produkte und Absatzmärkte an neue Bedingungen anpassen.
Autoneum, Oerlikon und EMS-Chemie verbreitern ihre Kundenbasis und arbeiten zunehmend mit aufstrebenden chinesischen Herstellern zusammen. Dabei treffen sie zwar auch auf lokale Zulieferer, können sich aber mit spezialisierten Technologien und Produkten differenzieren.
Komax und Feintool versuchen zusätzlich, ihre Abhängigkeit von der Autoindustrie zu reduzieren und neue Anwendungen in anderen Industriezweigen zu erschliessen. EMS-Chemie verfolgt beide Wege gleichzeitig.
Der Umbau braucht Zeit. Die ersten Schritte zeigen aber, dass die Schweizer Zulieferer auf die Schwäche der europäischen Autoindustrie reagieren und neue Wachstumsfelder erschliessen. Entscheidend wird sein, wie schnell daraus ein bedeutender Ersatz für das bisherige Geschäft entsteht.
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