VZ Analyse
Nvidia hat einmal mehr geliefert. Umsatz und Gewinn haben sich mehr als verdoppelt. Noch stärker sorgt jedoch der Ausblick für Aufsehen. Nvidia erwartet auch für 2028 ein enormes Wachstum. Die Frage ist deshalb: Hält der KI-Boom lange genug an oder ist das Unternehmen zu optimistisch?
Publiziert vor 2 Stunden
Beschreibung
Die neusten Zahlen von Nvidia wurden mit Spannung erwartet. Sie bilden einen der letzten Höhepunkte der Berichtssaison zum zweiten Quartal und gelten als wichtiger Gradmesser für den KI-Boom. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die Nachfrage nach Rechenleistung bleibt ungebrochen hoch.
Nvidia steigerte den Umsatz im zweiten Quartal auf 96 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Wachstum von 106 Prozent. Noch stärker legte der Gewinn zu. Er stieg um 126 Prozent auf beinahe 60 Milliarden Dollar. Gleichzeitig blieb die Bruttomarge mit 75 Prozent auf einem aussergewöhnlich hohen Niveau.
Für Gesprächsstoff sorgten aber vor allem die Wachstumsaussichten. Nvidia erwartet auch in den kommenden Quartalen ein hohes Tempo. Besonders aufhorchen liess CEO Jensen Huang mit seinem Ausblick auf das Fiskaljahr 2028, das bei Nvidia Ende Januar beginnt. Der Umsatz soll dann nochmals um rund 70 Prozent wachsen. Damit liegt die Prognose deutlich über den bisherigen Analystenerwartungen von rund 44 Prozent.
Die entscheidende Frage lautet daher: Ist Nvidia zu optimistisch?
Rechenkapazitäten bleiben Trumpf
Nvidia machte im Rahmen der Ergebnispublikation deutlich, dass sich der Ausbau der KI-Rechenkapazitäten nicht abschwächt, sondern weiter beschleunigt. Laut Huang wurde die Nachfrage vor einem Jahr noch von wenigen grossen KI-Anwendungen geprägt. Mittlerweile benötigen immer mehr Anwendungen enorme Rechenleistung.
Als Beispiel verwies Nvidia auf Amazon. Dessen Cloudsparte AWS will 2027 und 2028 zusätzlich rund zwei Millionen Nvidia-GPUs installieren. Hinzu kommen mehr als eine Million GPUs, die Amazon bereits im Frühjahr angekündigt hatte. Auch andere Hyperscaler wie Alphabet und Microsoft investieren weiterhin Milliarden in KI-Infrastruktur und setzen dabei stark auf Nvidia.
Gleichzeitig trägt Nvidia selbst dazu bei, den Ausbau zu beschleunigen. Gemeinsam mit Finanzpartnern will das Unternehmen langfristig hunderte Milliarden Dollar für neue KI-Infrastruktur mobilisieren. Zudem unterstützt Nvidia die Finanzierung neuer Rechenzentren von OpenAI. Damit erleichtert das Unternehmen den Aufbau jener Infrastruktur, die später zu einem grossen Teil mit eigenen Chips ausgestattet werden dürfte.
Nvidia hat deshalb gute Gründe für seinen Optimismus. Gleichzeitig sorgt diese enge Verflechtung zwischen Chipherstellern, KI-Unternehmen, Cloudkonzernen und Kapitalgebern immer wieder für Kritik. Das grössere Risiko für den langfristigen Ausblick liegt jedoch an anderer Stelle.
Nicht nur Chips entscheiden
Für Nvidia ist entscheidend, dass die Nachfrage nach seinen KI-Beschleunigern hoch bleibt. Kurzfristig spricht vieles dafür. Der Ausbau der KI-Rechenkapazitäten hält an. Zwar setzen Alphabet, Amazon und andere Unternehmen zunehmend auch eigene Chips ein. Der Bedarf an zusätzlicher Rechenleistung ist aber so gross, dass Nvidia weiterhin einen erheblichen Teil der Nachfrage abdecken dürfte.
Mit zunehmender Grösse der Rechenzentren gewinnen jedoch andere Faktoren an Bedeutung. Ein moderner KI-Chip allein schafft noch keine Rechenleistung. Die Anlagen benötigen Strom, Kühlung, Netzanschlüsse und leistungsfähige Datenverbindungen.
Vor allem die Energieversorgung entwickelt sich zunehmend zum Flaschenhals. Grosse Rechenzentren benötigen enorme Strommengen. Dafür genügt es nicht, innerhalb der Anlage die nötige Technik zu installieren. Auch die vorgelagerte Energieinfrastruktur muss erweitert werden – mit Stromnetzen, Umspannwerken und teilweise neuen Kraftwerken. Gerade dieser Ausbau dauert deutlich länger als die Produktion zusätzlicher Chips.
Hinzu kommen politische Hürden. Die USA schränken aus Sicherheitsgründen ausländische Komponenten im Stromnetz ein, was den für KI-Rechenzentren wichtigen Netzausbau zusätzlich bremsen könnte.
Rechenzentren lassen sich deshalb nicht beliebig auf freien Flächen errichten. Neben einem leistungsfähigen Stromanschluss benötigen sie Glasfasernetze und eine ausreichende Kühlung. Auch der Wasserverbrauch kann zum Problem werden. Besonders in trockenen Regionen stossen neue Anlagen deshalb zunehmend auf Widerstand. Solche Engpässe können Projekte verzögern und damit auch die Nachfrage nach Nvidia-Chips zeitlich nach hinten verschieben.
Nicht alles liegt in Nvidias Händen
Nvidia dürfte vom Ausbau der KI-Infrastruktur weiterhin stark profitieren. Das Unternehmen ist eng mit den wichtigsten Cloud- und KI-Anbietern vernetzt und seine Technologie bleibt für viele Anwendungen zentral. Kurzfristig spricht deshalb vieles für weiteres Wachstum. Mit eigenen Finanzierungsinitiativen kann Nvidia den Ausbau zudem teilweise selbst beschleunigen.
Je weiter der Blick jedoch in die Zukunft reicht, desto grösser werden die Unsicherheiten. Der Bau riesiger Rechenzentren ist komplex. Stromnetze müssen erweitert, Glasfaserverbindungen gelegt und Kühlkapazitäten geschaffen werden. Gleichzeitig können Lieferkettenprobleme, Genehmigungsverfahren oder politische Widerstände Projekte verzögern.
Der Ausblick für das Fiskaljahr 2028 ist deshalb ambitioniert. Nvidia wettet nicht nur darauf, dass die Nachfrage nach KI weiter stark steigt. Das Unternehmen setzt auch voraus, dass die dafür notwendige Infrastruktur schnell genug bereitgestellt werden kann.
Allerdings hat Nvidia in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, wie anpassungsfähig das Unternehmen ist. Der Weg führte von Grafikkarten für Computerspiele über Chips für das Kryptomining bis hin zur zentralen Hard- und Softwareplattform des KI-Booms. Auch künftig dürfte Nvidia neue Wachstumsfelder erschliessen. Der Weg nach oben wird jedoch kaum so geradlinig verlaufen, wie es der aktuelle Ausblick vermuten lässt.
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