Warum der Ölpreis trotz Entspannung hoch bleibt
VZ Analyse
Die Ölversorgung aus dem Nahen Osten hat sich überraschend schnell erholt. Trotzdem notiert Brent weiter über 100 Dollar pro Barrel. Welche Faktoren den Ölpreis stützen und welche Folgen das für Inflation, Zinsen und Konjunktur haben könnte.
Publiziert vor 6 Stunden
Autor
Ramon Hess
Funktion Anlageexperte
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Die Ölmärkte senden derzeit widersprüchliche Signale. Obwohl sich die Versorgungslage deutlich entspannt hat, bleibt der Ölpreis auf einem hohen Niveau.
Laut Schätzungen von JPMorgan liegen die Rohölexporte aus dem Nahen Osten mittlerweile bei rund 98 Prozent des Niveaus vor Beginn des Konflikts. Auch Goldman Sachs geht davon aus, dass die Ölexporte aus dem Nahen Osten inzwischen wieder den Durchschnittswerten von 2025 entsprechen.
Die Golfstaaten haben sich dabei zunehmend an die schwierigen Rahmenbedingungen angepasst. Saudi-Arabien konnte Teile seiner beschädigten Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb nehmen und transportiert einen grossen Teil seiner Ölexporte unter amerikanischem Schutz durch die Strasse von Hormus.
Die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen zusätzliche Ausweichrouten über Pipelines und Häfen ausserhalb der unmittelbaren Gefahrenzone.
Iran verliert Einfluss auf den Ölmarkt
Während die arabischen Produzenten ihre Exporte steigern konnten, hat sich die Lage für den Iran deutlich verschlechtert. Seit der Wiedereinführung der amerikanischen Seeblockade im Juli sind die iranischen Ölexporte massiv eingebrochen. Schätzungen zufolge sind die Auslieferungen auf rund 200'000 Barrel pro Tag gefallen. Das entspräche weniger als einem Zehntel der früheren Exportmengen.
Dadurch verliert Teheran zunehmend die Möglichkeit, die globale Energieversorgung als politisches Druckmittel einzusetzen. Auch die Fähigkeit, den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus zu beeinträchtigen, scheint geringer zu sein als noch zu Beginn des Konflikts.
Doch gerade diese Entwicklung könnte neue Risiken schaffen. Mehrere Experten warnen, dass der wirtschaftliche Druck auf den Iran die Wahrscheinlichkeit neuer Angriffe auf Tanker, Pipelines, Häfen oder Energieanlagen erhöhen könnte.
Warum Öl trotz höherer Exporte teuer bleibt
Auf den ersten Blick wirkt dies paradox: Obwohl sich die Ölversorgung verbessert hat, notiert Brent-Rohöl weiterhin über der Marke von 100 Dollar pro Barrel.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens liegt das globale Angebot trotz der Erholung der Lieferströme weiterhin unter dem Niveau vor Ausbruch des Konflikts.
Zweitens bleibt die Sorge vor neuen Angriffen auf Schiffe und Energieinfrastruktur bestehen. Der Ölmarkt preist damit weiterhin ein erhebliches geopolitisches Risiko ein.
Drittens hat sich die Nachfrage in China wieder etwas belebt. Nach einem schwachen Sommer haben chinesische Raffinerien ihre Rohölkäufe zuletzt wieder erhöht. Damit wollen sie die heimische Nachfrage nach Treibstoffen decken und gleichzeitig von hohen Margen im Exportgeschäft profitieren. Gegenüber dem Vormonat stiegen die chinesischen Ölimporte im August um 6,2 Prozent. Im Jahresvergleich liegen sie allerdings weiterhin 23 Prozent tiefer.
Herausforderungen für die Inflation
Für die Notenbanken ist diese Entwicklung unerfreulich. Nachdem die Energiepreise in den vergangenen Jahren wesentlich zur Entspannung der Inflation beigetragen hatten, sorgen sie dieses Jahr für Gegenwind.
Höhere Preise für Öl, Benzin und Diesel verteuern Transport und Logistikleistungen. Über höhere Produktionskosten können sie entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf die Konsumentenpreise durchschlagen.
In der Schweiz liegt die Inflation zwar weiterhin im Zielband, ist im September jedoch auf 1 Prozent gestiegen. Dazu haben unter anderem höhere Preise für Heizöl, Benzin und Diesel beigetragen. In den USA lag die Teuerung im August bei 3,4 Prozent, in der Eurozone bei 3,2 Prozent. Damit liegen beide Werte deutlich über den Inflationszielen der Notenbanken.
Entsprechend rechnen die Terminmärkte mit einer weiteren Straffung der Geldpolitik. Für die Schweiz wird im kommenden Jahr ein erster Zinsschritt erwartet. In der Eurozone und den USA preisen die Märkte bereits für Dezember weitere Zinserhöhungen ein.
Für die Weltwirtschaft ist die teilweise Normalisierung der Ölströme zunächst eine positive Nachricht. Die Gefahr eines unmittelbaren Versorgungsengpasses hat deutlich abgenommen.Damit sinkt auch das Risiko eines abrupten Wachstumsrückgangs in energieabhängigen Volkswirtschaften.
Von Entwarnung kann jedoch keine Rede sein. Die Strasse von Hormus bleibt eine der wichtigsten Energietransportrouten der Welt. Ein erheblicher Teil der globalen Ölversorgung passiert diese Meerenge. Jede weitere Eskalation könnte die Lieferketten erneut beeinträchtigen und den Ölpreis weiter nach oben treiben.
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