VZ Analyse
Japans Notenbank greift binnen weniger Tage gleich zweimal in den Devisenmarkt ein – und parallel markiert die Börse ein neues Allzeithoch. Zwei Schlagzeilen, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Dahinter wirkt jedoch ein Mechanismus, den Anleger kennen sollten.
Publiziert 13. Mai 2026
Beschreibung
Tokio greift erneut am Devisenmarkt ein: Innert einer Woche hat Japan zweimal massiv interveniert, um den Yen zu stabilisieren. Am 30. April setzte das Finanzministerium laut Schätzungen rund 5,48 Billionen Yen ein (27 Mrd. Franken), eine Woche später folgten weitere rund 5 Billionen Yen.
Fast zeitgleich (7. Mai) legte der Nikkei um 5,6 Prozent auf über 62'800 Punkte zu – ein neues Allzeithoch und der grösste Punktgewinn seiner Geschichte. Ein günstigerer Yen ist für die japanische Wirtschaft zwar grundsätzlich ein stützender Faktor. Aufgrund der extremen Yen-Schwäche rückte zuletzt jedoch die Finanzmarkt-Stabilität in den Fokus. Geopolitische Risiken und die erhöhten Energiepreise belasteten den Yen zusätzlich: Japan ist stark auf Energie-Importe angewiesen – und diese haben sich stark verteuert. Mit dem Eingreifen am Devisenmarkt reduziert die Bank of Japan die Unsicherheit für Investoren und stützt damit indirekt auch den Aktienmarkt. Von besonderem Interesse ist dies auch, weil der Staat selbst eine grosser Aktionär ist.
Was hinter der Schlagzeile steckt
Japan gilt als das Land mit der höchsten Staatsverschuldung der Industriewelt – über 220 Prozent des Bruttoinlandprodukts, wenn man Bund und Gemeinden zusammenrechnet. Diese Zahl allein erzählt aber nur die halbe Geschichte. In einer Studie für die Federal Reserve Bank of St. Louis konsolidieren die Ökonomen Chien, Du und Lustig sämtliche öffentlichen Akteure: Zentralregierung, Notenbank, staatliche Banken und Pensionsfonds. Aus dieser konsolidierten Bilanz wird ersichtlich, dass der japanische Staat zugleich Schuldner und gigantischer Vermögensverwalter ist. Hohen Verbindlichkeiten stehen erhebliche Finanzaktiven gegenüber – darunter rund 39 Prozent des BIP an inländischen Aktien und 57 Prozent in nicht währungsgesicherten ausländischen Wertschriften, primär über den Pensionsfonds GPIF.
Der Staats-Carry-Trade
Daraus ergibt sich der Mechanismus, den die Autoren als "Staatsfonds auf Pump" beschreiben. In Japan refinanziert sich der konsolidierte öffentliche Sektor teilweise kurzfristig und sehr günstig, vor allem über Anleihen und eine Ausdehnung der Liquidität der Notenbank; der BoJ-Leitzins liegt bei 0,75 Prozent. Die aufgenommenen Mittel fliessen in langfristige Anlagen wie japanische Aktien sowie ausländische Anleihen und Aktien – meist ohne Absicherung gegen Währungsschwankungen. Laut Studie erzielte der Staat damit zwischen 2013 und 2023 im Schnitt rund 4,7 Prozentpunkte mehr Rendite, als er für die Finanzierung zahlte – insgesamt über sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Kern handelt es sich um einen Carry Trade, einfach auf Staatsebene.
Warum Governance‑Reformen den Investment‑Case stärken
In diese Logik passt die Reform der Tokyo Stock Exchange. Seit dem 31. März 2023 verlangt die Börse von allen Unternehmen der Prime- und Standardsegmente eine Unternehmensführung, die "sich der Kapitalkosten und des Aktienkurses bewusst" ist. Konkret werden Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Kapitaleffizienz zu verbessern und den Fokus stärker auf den Aktionärswert zu richten. Dies zeigt sich in:
• höheren Dividenden,
• vermehrten Aktienrückkäufen,
• effizienterer Kapitalallokation.
Für Anleger ist das entscheidend: Der japanische Aktienmarkt entwickelt sich zunehmend in Richtung internationaler Governance Standards. Gerade breit diversifizierte ETF profitieren davon, da sich die Qualität und Ertragskraft des Gesamtmarktes verbessert.
Die Kehrseite
Der Mechanismus funktioniert, solange das Zinsumfeld zahm bleibt und die Aktienmärkte tendenziell steigen. Heikel wird es, wenn beides zugleich kippt. Steigt die kurzfristige Verzinsung – etwa, weil die Notenbank weitere Schritte vornehmen muss, um den Yen zu stabilisieren –, erhöhen sich die Finanzierungskosten der gesamten konsolidierten Bilanz unmittelbar. Gleichzeitig würden ein Bärenmarkt und ein erstarkender Yen die Aktivseite belasten. Der August 2024 hat einen Vorgeschmack gegeben: Eine Zinserhöhung in Tokio brachte den globalen Yen-Carry-Trade ins Rutschen und liess den Nikkei an einem Tag in der Spitze um über 10 Prozent fallen. Das Risiko, so die Autoren, tragen letztlich die japanischen Steuerzahler, Sparer und Anleihegläubiger.
Die SNB ist nicht Japan
Auf den ersten Blick wirken Parallelen zur Schweiz verlockend. Auch die Schweizerische Nationalbank verfügt über eine sehr grosse Bilanz – über Jahre aufgebaut durch Devisenkäufe gegen die Aufwertung des Frankens. Doch die Unterschiede sind grundsätzlich. Erstens ist das Mandat der SNB Preisstabilität, nicht Renditeoptimierung. Devisenkäufe und -verkäufe dienen ausdrücklich diesem Ziel; in den Jahren 2022 und 2023 hat die SNB sogar netto Fremdwährungen abgegeben, um den Importpreisdruck zu dämpfen. Zweitens kauft die SNB explizit keine Schweizer Aktien und keine Schweizer Anleihen, um Interessenkonflikte und Signalwirkungen zu vermeiden. Drittens sichert sie ihre Fremdwährungspositionen nicht gegen den Franken ab – eine solche Absicherung würde Frankennachfrage erzeugen und damit dem geldpolitischen Ziel zuwiderlaufen. Was in Tokio als impliziter Staats-Carry-Trade angelegt ist, folgt in Bern einer rein geldpolitischen Logik.
Implikationen für Schweizer Anlegerinnen und Anleger:
• Japan bleibt ein attraktiver ETF‑Baustein: Reformen, Exportstärke und verbesserte Kapitaldisziplin sprechen für den Markt. Governance‑Verbesserungen entfalten ihre Wirkung langfristig und kommen breit diversifizierten Anlagen zugute. (Hier geht es zum ETF-Kompass).
• Japans staatlicher Carry-Trade setzt aber ein stabiles Zinsumfeld voraus. Steigende Kurzfristzinsen oder eine abrupte Yen-Aufwertung könnten temporär zu erhöhter Volatilität führen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Behörden und Notenbank aktiv gegen extreme Marktbewegungen vorgehen. Das spricht dafür, dass Ausschläge zwar auftreten können, aber tendenziell begrenzt bleiben.
• Devisenrisiken zählen mehr denn je. Wer Japan- oder andere Carry-Märkte hält, sollte sich bewusst entscheiden, ob die Währungsexposition aktiv gesteuert oder laufen gelassen wird.
• Politische und Governance-Reformen sind erstaunlich kursrelevant – auch in Märkten, die jahrelang als "strukturell günstig" galten. Das gilt für Japan, in abgeschwächter Form auch für Europa und die Schweiz.
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