Milliarden für Roboter – KI lernt zu greifen

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Noch nie floss so viel Kapital in die Robotik. Während die USA und China die Entwicklung humanoider Roboter vorantreiben, stammen viele der entscheidenden Komponenten aus Europa und der Schweiz.

Publiziert 25. Jun 2026

Autor

Andreas Paciorek

Funktion Anlageexperte

Anfang Juni blickte die Robotik-Welt für fünf Tage nach Wien. An der ICRA 2026 (IEEE International Conference on Robotics and Automation, der weltweit grössten Fachkonferenz der Branche) trafen sich über 8000 Forschende und Industrievertreter – inklusive Roboterparade durch die Messehallen. Auffälliger als die Choreografie waren jedoch die leisen Fortschritte: Maschinen, die mit feinem Tastsinn einen Gegenstand greifen, ohne ihn zu zerdrücken, künstliche Hände mit tausenden taktilen Signalen und Systeme, bei denen ein Mensch eine Bewegung vormacht und der Roboter autonom weiterarbeitet. Nvidia skizzierte in einer vielbeachteten Grundsatzrede die Vision universell einsetzbarer Roboter, die – ähnlich wie Sprachmodelle in der digitalen Welt – allgemeine Fähigkeiten für die physische Welt erlernen. Spürbar war zudem die starke Präsenz chinesischer Anbieter, die nicht nur Prototypen, sondern komplette Technologielösungen aus Hardware und Software zeigten. 

Was sich technologisch verschiebt 

Hinter diesen Demonstrationen steckt ein deutlicher Technologiesprung, den Fachleute "Physical AI" nennen (die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit Maschinen, die in der realen Welt handeln). Lange scheiterten Roboter weniger am Gehen als an der Geschicklichkeit – am feinfühligen und sicheren Greifen in unübersichtlicher Umgebung. Neu ist, dass sie zunehmend in virtuellen Umgebungen trainiert werden und das Gelernte anschliessend in der Realität anwenden, gestützt auf interne Modelle, mit denen die Maschine mögliche Folgen ihrer Handlungen abschätzt.

Die britische Grossbank Barclays fasst die treibenden Kräfte in einer Studie als "drei Bs" zusammen: "Brains" (lernfähige Steuerung), "Brawn" (Aktuatoren, also Antriebe, Getriebe und Gelenke) und "Batteries" (Energieversorgung).

Entscheidend ist dabei: Auf die Mechanik, das "Brawn", entfällt laut Barclays rund die Hälfte der Herstellkosten eines menschenähnlichen Roboters (Humanoiden), auf die Software etwa 35 Prozent und auf die Batterie 15 Prozent.

Warum der Markt jetzt genauer hinschaut 

Parallel zur Technik bewegt sich das Kapital. Laut Dealroom, einem Datendienst für Start-ups und Finanzierungsrunden, flossen 2026 allein bis Anfang Juni rund 55,8 Milliarden Dollar in Robotikfirmen – fast doppelt so viel wie im bisherigen Rekordjahr. Im Juni sammelte allein das deutsche Unternehmen Neura Robotics aus Metzingen 1,4 Milliarden Dollar ein. Zu den Investoren gehörten neben Nvidia und Amazon auch die europäischen Industriekonzerne Bosch und Schaeffler sowie die Europäische Investitionsbank. In den USA und China sammelten Spezialisten wie Figure, Skild AI oder Physical Intelligence ebenfalls Milliardenbeträge. Und mit dem Verkauf seiner Robotiksparte für rund 5,4 Milliarden Dollar an SoftBank setzte der Industriekonzern ABB im Herbst ein Ausrufezeichen – ausdrücklich unter dem Stichwort "Physical AI". 

Besonders bemerkenswert ist der starke Kostenrückgang. So sind die geschätzten Produktionskosten moderner humanoider Roboter innerhalb eines Jahrzehnts von rund 3 Millionen auf noch etwa 100'000 Dollar gefallen. Gleichzeitig wurden allein 2025 weltweit 21 neue Humanoiden-Modelle vorgestellt – gegenüber nur drei im Jahr 2022. Viele neue Technologien scheitern an den Kosten. In der Robotik scheint derzeit das Gegenteil zu passieren: Die Fähigkeiten steigen, während die Preise sinken.

Der europäische und Schweizer Blickwinkel 

Der Takt wird derzeit von den USA und China vorgegeben: Bei humanoiden Robotern und KI-Modellen liegen diese Nationen vorne, wobei rund 70 Prozent der letztes Jahr neu vorgestellten Humanoiden aus China stammten. Doch es liegt hier auch eine europäische Chance. Die Studie vergleicht einen Humanoiden mit einem "Auto im Kleinformat": tausende Präzisionsteile, komplexe Lieferketten mit vielen Zulieferern, sehr präzise Fertigungsanforderungen – die der Industriestandort Europa seit Jahrzehnten beherrscht. 

Laut Handelsdaten der Vereinten Nationen stellt Europa inklusive der Schweiz bei Aktuatoren (Antriebe, Getriebe und Gelenke) mit rund 34 Prozent den grössten Anteil der weltweiten Auslieferungen. Deutschland allein steuert etwa ein Drittel der europäischen Menge bei. China kommt hier auf 26 Prozent. Sinnbildlich ist die oben genannte Partnerschaft zwischen dem deutschen Zulieferer Schaeffler und Neura Robotics. Gerade für die oft unspektakulären Zulieferer aus den Bereichen Präzisionsmechanik, Sensorik und Automation könnte sich daraus ein langfristiger Wachstumstreiber entwickeln. 

Wie Anleger das Thema einordnen können 

Für Privatanleger heisst das nicht, in private Start-ups investieren zu müssen. Ein grosser Teil der Wertschöpfung liegt bei börsenkotierten Industrie- und Komponentenherstellern: bei Unternehmen für Industrieautomation wie ABB oder Siemens, Antriebs- und Präzisionszulieferern wie Schaeffler, Halbleiterfirmen für Motorsteuerung und Sensorik wie Infineon oder STMicroelectronics sowie Schweizer Spezialisten der Intralogistik (automatisierter Material- und Warenfluss innerhalb von Lagern und Fabriken) und Sensorik wie Kardex, Interroll oder Sensirion. Solche Namen sind Beispiele, keine Empfehlungen – Geschäftsmodell, Bewertung und tatsächlicher Robotik-Anteil unterscheiden sich erheblich und gehören im Einzelfall geprüft. Wer breiter einsteigen möchte, findet zudem Themen-ETF, die das Feld abbilden (hier geht's zum ETF-Kompass).

Zugleich bleibt Vorsicht angebracht: Der Markt ist mit 2 bis 3 Milliarden Dollar heute noch klein – Barclays hält bis 2035 je nach Szenario rund 40 bis 200 Milliarden Dollar für möglich, was die Bandbreite der Erwartungen zeigt. Viele Bewertungen sind hoch, über 90 Prozent der magnetischen Seltenen Erden stammen aus China, und technische Hürden wie Batterielaufzeit oder der Sprung vom Labor in den Alltag sind nicht gelöst. Die wichtigste Erkenntnis lautet: Robotik wandelt sich allmählich von der Technik-Show zu einem ernsthaften Markt- und Investitionsthema. Für langfristig orientierte Anleger dürfte deshalb weniger die Suche nach dem künftigen Marktführer entscheidend sein als die breite Beteiligung an einer Branche, die erst am Anfang ihrer Entwicklung steht.

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