VZ Analyse
Amazon investierte jahrelang jeden Dollar in Logistik und Cloud. Damals wurde das Unternehmen belächelt, heute ist es hochprofitabel. Genau diese Frage stellt sich nun bei KI: Blase oder Fundament fürs nächste Jahrzehnt?
Publiziert 26. Nov. 2025
Beschreibung
Seit Wochen wird darüber gestritten, ob die massiven Investitionen in KI-Infrastruktur (VZ-Analyse zu KI-Investitionen) – von Rechenzentren über High-End-Chips bis zu Cloud-Kapazitäten – ein neues Dotcom-Szenario heraufbeschwören. Auf den ersten Blick scheint die Lage angespannt: Ein grosser Teil der Börsenentwicklung in den USA wird von einigen wenigen "Magnificent Seven"-Titeln getragen, deren Marktkapitalisierung sich immer weiter von der restlichen Wirtschaft entfernt. Laut Morningstar vereinen Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla inzwischen rund 37 Prozent des S&P 500 auf sich.
Das weckt Erinnerungen an die Jahrtausendwende. Doch ein genauerer Blick zeigt ein differenzierteres Bild – und erstaunliche Parallelen zu Amazon in den 2010er Jahren.
Warum viele vor einer KI-Blase warnen
Mehrere prominente Investoren und Institutionen sehen Anzeichen einer Überhitzung. Goldman-CEO David Solomon kritisiert, dass "sehr viel Kapital eingesetzt wird, das womöglich keine Rendite erwirtschaftet". Eine Umfrage der Bank of America zeigt, dass 54 Prozent der Fondsmanager KI-Aktien für überbewertet halten. Auch grosse Investoren und Regulatoren mahnen zur Vorsicht. Die Bank of England warnt, ein abrupter Kurseinbruch könnte Folgen für die Wirtschaft haben. Hedgefonds-Manager Michael Burry wettete bis zuletzt aktiv gegen Nvidia und Palantir. Dazu kommt der Vergleich von JP Morgan mit dem Telekom-Boom der 1990er Jahre: Damals wurde in Glasfaser investiert, bevor der Bedarf da war – viele Firmen überlebten diese Phase nicht. IWF-Chefökonom Gourinchas erwartet zwar keine Finanzkrise, hält aber hohe Verlustrisiken für Aktionäre grosser KI-Firmen für real.
Warum andere die Lage völlig anders einschätzen
Auf der anderen Seite stehen zentrale Gegenargumente – und sie kommen ausgerechnet von jenen Stellen, die in der Vergangenheit oft vor Übertreibungen gewarnt haben. Fed-Chef Jerome Powell stellt klar, dass die heutige Situation fundamental anders sei als zur Dotcom-Zeit: Die führenden KI-Anbieter erzielten reale Gewinne und verfügen über starke Geschäftsmodelle. Goldman-Ökonom Joseph Briggs bezeichnet die aktuelle Investitionswelle als "makroökonomisch plausibel". Allianz-Chefökonom Ludovic Subran spricht von einem "Boom, getragen von Fundamentaldaten", nicht von einer spekulativen Blase. Wichtige Bewertungsmassstäbe – etwa das Verhältnis von Preis zu erwarteten Gewinnen – liegen deutlich unter den Extremwerten der frühen 2000er. Auch von Unternehmensseite kommen klare Signale. ABB-CEO Morten Wierod sieht keine Blase, sondern ein Kapazitätsproblem: Die Industrie könne die Nachfrage nach KI-Infrastruktur kaum bewältigen.
Die Amazon-Parallele: Warum riesige Vorabinvestitionen sinnvoll sein können
Um die heutige KI-Phase richtig zu verstehen, hilft ein Blick zurück: Amazon investierte in den 2000er und 2010er Jahren nahezu jeden Dollar in Logistikzentren, Fulfillment, Lieferketten und in Rechnenzentren für den Aufbau des Cloud-Geschäfts (Amazon Web Services, kurz AWS). Trotz rasanten Wachstums schrieb das Unternehmen aber lange kaum Gewinne – und wurde von vielen als "dauerhaft unrentabel" abgestempelt.
Wie an der Grafik erkennbar ist, wurde über Jahre fast jeder Dollar in Logistik und Infrastruktur reinvestiert.
Heute gilt AWS als eine der profitabelsten Plattformen der Welt und trägt über 60 Prozent zu Amazons operativem Gewinn bei. Diese Wertschöpfung wurde erst möglich, weil Amazon in der Frühphase bereit war, Verluste in Kauf zu nehmen, um Infrastruktur aufzubauen.
Ähnliches spielt sich im KI-Bereich ab. Meta baut gigantische Serverfarmen, Nvidia erhöht massiv die Chip-Kapazitäten, Microsoft und Google planen Infrastrukturinvestitionen von hunderten Milliarden Dollar, allein im laufenden Jahr. OpenAI spricht offen von zukünftigen „Billionenbeträgen“ für Rechenleistung. Das erinnert weniger an überbewertete Webseiten-Startups der Dotcom-Zeit und stärker an historische Infrastrukturprojekte – von Eisenbahnen bis Mobilfunknetzen.
In einem aktuellen WEF-Bericht (World Economic Forum) mit dem Titel „Dies ist weniger eine KI-‚Blase‘ als vielmehr ein fragiler ‚Boom‘“ (übersetzt aus dem Englischen) wird darauf hingewiesen, dass Investoren bei den Tech-Giganten nicht auf Fantasie, sondern auf echte Umsätze, Cashflows und skalierbare Geschäftsmodelle setzen. Dazu erwartet es für die USA ein Gewinnwachstum von ca. 15 Prozent p.a. die nächsten fünf Jahre, wodurch die Unternehmen auch in die erhöhten Kurs-Gewinn-Verhältnisse von aktuell 23 gegenüber einem 20-Jahre-Durchschnitt von 16 hineinwachsen könnten.
Hohe Bewertungen, ja – aber keine klassische Blase
Die aktuelle KI-Welle ist zweifellos mit Risiken verbunden: Konzentration auf wenige Titel, enorme Investitionen und ambitionierte Wachstumserwartungen. Doch dahinter stehen auch robuste Bilanzen der grossen Techfirmen, reale Gewinne und Anwendungen mit sichtbarem wirtschaftlichem Nutzen. Angesichts der noch bevorstehenden Monetarisierung und teilweiser Übertreibungen, sind Unsicherheit und Volatilität vorprogrammiert.
Der Vergleich mit Amazon zeigt aber, dass hohe Capex-Phasen oft missverstanden werden – und sich am Ende als strategisch goldrichtig erweisen können. Die KI-Investitionen von heute könnten weniger spekulativer Überschwang, sondern vielmehr der Aufbau einer Basisinfrastruktur für das nächste Jahrzehnt darstellen.
Ob sich die Investitionsentscheidungen der erfolgreichsten Unternehmen der Welt auszahlen werden, wird sich – wie immer – erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen. Wer breit gestreut investiert, kostengünstig über ETF und mit ruhiger Hand, profitiert von der globalen Wirtschaftsentwicklung ohne die einzelnen Gewinner und Verlierer identifizieren zu müssen.
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