KI-Investitionen auf Pump: Kann das gut gehen?

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Der KI-Boom liess die Aktienkurse der grossen Technologiefirmen im Jahresverlauf in neue Höhen steigen. Die enormen angekündigten Investitionen in neue Infrastruktur und die Entwicklung neuer KI-Anwendungen kosten Milliarden.

Publiziert 24. Nov. 2025

Autor

Florian Estermann

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass diese Investitionen zunehmend durch die Aufnahme von Fremdkapital finanziert wird. Es stellt sich daher die Frage, ob diese Entwicklung eine gesunde Umschichtung der Kapitalstruktur von Hochprofitablen Konzernen ist oder ob mit der Aufnahme von Milliarden Risiken entstehen.

Es sind enorme Zahlen, welche in den letzten Monaten vorgestellt wurden: 436 Mrd. US-Dollar betragen die geplanten Investitionsausgaben von Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft für das kommende Jahr – also knapp halb so viel wie das Bruttoinlandprodukt der Schweiz.

Im aktuellen Jahr belaufen sich die Investitionsausgaben im KI-Bereich der als Magnificent Seven bekannten Firmen (Alphabet, Amazon, Apple, NVIDIA, Meta, Microsoft und Tesla) auf 368 Mrd. US-Dollar. Um diese Investitionen zu finanzieren, greifen die Konzerne vermehrt auf den Kapitalmarkt zurück.

Die grossen Technologiekonzerne haben im September und Oktober Obligationen im Umfang von 75 Mrd. US-Dollar herausgegeben. Unter anderem hat Meta eine Anleiheemission von bis zu 30 Mrd. US-Dollar angekündigt. Zum Vergleich: in den letzten 10 Jahren lag der durchschnittliche Wert bei 32 Mrd. US-Dollar. Für das gesamte Jahr wird ein Volumen von 180 Mrd. US-Dollar erwartet.

Big Tech als Gewinnmaschine

Die höheren Investitionen können dazu führen, dass die Unternehmen weniger Geld an die Aktionäre ausschütten. Im laufenden Jahr haben die grossen Technologiefirmen eigene Aktien im Umfang von 163 Mrd. US-Dollar zurückgekauft. Weiter wurden Dividenden von 29,8 Mrd. US-Dollar ausgeschüttet. Total flossen den Eigentümern demnach knapp 193 Mrd. US-Dollar zu. Es wird sich zeigen, ob die Dividendenausschüttungen der Firmen oder die Rückführung von Kapital mittels Aktienrückkauf auch in den kommenden Jahren aufrechterhalten werden oder ob die Mittel im Rahmen der KI-Investitionen neu allokiert werden.

 

Weiter werden solche Investitionen in Zukunft mittels Abschreibungen erfolgsrelevant. Es muss sich zuerst zeigen, ob aus den Investitionen in die teure Infrastruktur für KI-Rechenzentren und die Entwicklung neuer Anwendungen die nötigen Geschäftsfälle generiert werden können, die die aktuellen Investitionen rechtfertigen.

Trotz enormen Summen Investitionen im Rahmen des Machbaren

Zwar führen die enormen Investitionen dazu, dass die Geldflüsse einiger dieser Unternehmen im letzten Quartal negativ ausfielen. Betrachtet man jedoch die finanzielle Situation der grossen Technologiefirmen, so kann von keiner Überschuldung die Rede sein.

Die Ausschüttungen der letzten 9 Monate über 193 Mrd. US-Dollar zeigen, dass die Unternehmen über reichlich finanzielle Mittel verfügen, um den Aufbau der KI-Infrastruktur zu stemmen. Die Magnificent Seven verfügen über Barmittel zwischen 40 und 102 Mrd. US-Dollar. In Summe übersteigt der Bestand an Barmittel die Grenze von 500 Mrd. US-Dollar. Im dritten Quartal 2025 konnten die Unternehmen einen kumulierten Reingewinn von 147 Mrd. US-Dollar erzielen.

In diesem Kontext sind die Investitionen, auch wenn sie betragsmässig hoch sind, durchaus tragbar. Für die Firmen macht es sogar Sinn die Kapitalstruktur zu optimieren und künftige Investitionen über Fremdkapital anstelle von teurerem Eigenkapital zu finanzieren.

Wo die Risiken liegen

Die Kreditrisiken liegen eher in der zweiten Reihe der KI-Firmen. Oftmals haben sie kein hochprofitables Kerngeschäft, mit dem sie die Investitionen finanzieren können. So hat das Volumen der Hochzinsanleihen mit einem KI-Bezug in den letzten Monaten stark zugenommen. Ein grosser Teil des Fremdkapitals für neue Rechenzentren stammt zudem nicht von der Emission von neuen Anleihen am Kapitalmarkt, sondern von privaten Geldgebern.

Auch im Bereich der forderungsbesicherten Wertpapiere wird ein starkes Wachstum der KI-bezogenen Finanzierungsinstrumente erwartet. Die kumulierten Ausgaben für KI-Datenzentren werden bis 2028 auf 2,9 Billionen US-Dollar geschätzt. Rund die Hälfte dieser Investitionen wird demnach über Fremdkapital finanziert.

Das heisst: Die zunehmende Fremdfinanzierung im Bereich der KI-Investitionen ist damit kein grundlegendes Problem. Vielmehr muss die Situation differenziert betrachtet werden. Für die grossen Unternehmen sind die angekündigten Investitionen aufgrund des hochprofitablen Kerngeschäfts durchaus tragbar. 

Ob sich die enormen Investitionen in rentable Geschäftsfälle umwandeln lassen, welche die Investitionen rechtfertigen oder ob es sich um teure Abenteuer in den Bereich der KI handelt, wird sich erst noch weisen. Sollte es zu Verwerfungen kommen, so werden diese wohl eher die Hochzinsanleihen, die illiquiden Privatfinanzierungen oder die komplexen forderungsbesicherten Wertpapiere treffen.

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