VZ Analyse
Wenn die Märkte nervös werden, greifen viele Anleger hektisch zu Absicherungen – und zahlen dafür oft einen hohen Preis. Während sie Rendite verlieren, profitiert im Hintergrund vor allem eine Branche von der steigenden Aktivität: die Betreiber der Börsen selbst.
Publiziert 13. Apr 2026
Beschreibung
Viele Anlegerinnen und Anleger fragen sich im aktuellen Marktumfeld, wie sie ihr Portfolio gegen weitere Verluste absichern können. Häufig stehen dabei Put-Optionen, Zertifikate oder taktische Umschichtungen im Fokus. Absicherung kann grundsätzlich sinnvoll sein – in der Praxis erweist sie sich jedoch oft als teuer, komplex und stark vom richtigen Timing abhängig. Details dazu zeigt der separate VZ-Artikel zu Absicherungsstrategien.
Ein zentraler Kostentreiber ist die implizite Volatilität. Steigt die Unsicherheit an den Märkten, verteuern sich Optionen deutlich – genau dann, wenn die Nachfrage nach Schutz am grössten ist. Die Bank for International Settlements (BIS) weist darauf hin, dass Optionspreise besonders sensitiv auf Veränderungen der impliziten Volatilität reagieren. In der Folge muss der Markt häufig deutlich stärker fallen, damit sich eine Absicherung überhaupt rechnet.
Auch alternative Ansätze haben ihre Tücken: Wer Aktien reduziert, muss den richtigen Wiedereinstiegszeitpunkt finden – ein Unterfangen, das laut Analysen von JPMorgan Asset Management selbst Profis nur selten gelingt. Bereits das Verpassen weniger besonders starker Börsentage kann die langfristige Rendite erheblich schmälern. Stop-Loss-Strategien wiederum führen in volatilen Phasen häufig zu Verkäufen nahe lokaler Tiefpunkte.
Volatilität als Treiber von Marktaktivität
Daher soll diese Analyse einen Perspektivenwechsel darstellen: Lohnt es sich, statt sich selbst abzusichern, von der Absicherungsaktivität anderer Marktteilnehmer zu profitieren?
Empirisch ist der Zusammenhang klar: Mit steigender Unsicherheit nimmt die Handelsaktivität deutlich zu. Insbesondere im Derivatehandel steigen die Volumina überproportional, wie Analysen der Bank for International Settlements zeigen.
Marktdaten belegen diesen Zusammenhang konkret. So führten die handelspolitischen Spannungen und Unsicherheiten rund um Donald Trumps Strafzölle im zweiten Quartal 2025 zu einer ausgeprägt erhöhten Handelsaktivität über nahezu alle Anlageklassen hinweg. Bei der CME Group stieg das durchschnittliche Tagesvolumen in diesem Zeitraum um 16 Prozent auf einen Quartalsrekord von rund 30 Millionen Kontrakten, während es bei der Intercontinental Exchange um 26 Prozent auf rund 10 Millionen Kontrakte pro Tag zulegte. Getrieben wurde der Anstieg insbesondere durch Futures‑ und Optionsgeschäfte zur aktiven Absicherung gegen politische und geldpolitische Unsicherheit.
Wer von dieser Dynamik profitiert
Unternehmen wie die Deutsche Börse, London Stock Exchange, Intercontinental Exchange oder Nasdaq profitieren nicht primär von steigenden oder fallenden Kursen, sondern von der Intensität der Marktaktivität.
Ihr Geschäftsmodell basiert auf Transaktions- und Clearinggebühren sowie auf Einnahmen aus Marktdaten und Indexlizenzen. Entscheidend ist daher nicht die Richtung der Märkte, sondern wie viel gehandelt wird.
In volatilen Phasen verstärkt sich dieser Effekt deutlich. So berichtete Cboe Global Markets zuletzt von steigenden Gewinnen infolge höherer Absicherungsaktivität, insbesondere im Handel mit Index- und Volatilitätsoptionen. Gemäss Moody’s legen die Transaktions- und Clearingeinnahmen von Börsenbetreibern in solchen Phasen typischerweise um rund 8 Prozent gegenüber dem Vorquartal und über 10 Prozent im Jahresvergleich zu.
Struktureller Rückenwind
Neben diesen kurzfristigen Effekten wirkt ein langfristiger Trend: Der Einsatz von Derivaten nimmt seit Jahren zu – getrieben durch institutionelles Risikomanagement, algorithmischen Handel und die wachsende Beteiligung privater Anleger. Gemäss der Futures Industry Association erreichen globale Futures- und Optionsvolumen regelmässig neue Rekordstände.
Damit profitieren Börsenbetreiber doppelt: zyklisch durch Volatilitätsschübe und strukturell durch das Wachstum der Kapitalmärkte.
Relative Marktperformance im Kontext
Für Anleger ergibt sich ein differenziertes Bild. Börsenbetreiber-Aktien sind in akuten Stressphasen nicht immun gegen Kursverluste und bewegen sich häufig im Gleichschritt mit dem Gesamtmarkt. In Krisenphasen wie 2008 oder 2020 kam es zu vergleichbaren Rückgängen.
Gleichzeitig ist Volatilität nur einer von mehreren Treibern der Geschäftsentwicklung. Neben unsicheren Marktphasen führen auch steigende Kurse, hohe Kapitalzuflüsse sowie eine lebhafte Emissionstätigkeit zu erhöhter Handelsaktivität. Entsprechend profitieren viele Börsenbetreiber sowohl von "guten" als auch von "nervösen" Märkten – wenn auch über unterschiedliche Kanäle.
Im Nachgang volatiler Phasen zeigt sich häufig eine andere Dynamik: Mit anhaltend hoher Handelsaktivität und der Veröffentlichung robuster Geschäftszahlen folgt nicht selten eine überdurchschnittliche Erholung. Ursache ist die hohe operative Hebelwirkung dieser Geschäftsmodelle – steigende Volumina schlagen direkt auf die Gewinne durch.
Hinzu kommt, dass viele Börsenbetreiber ihre Ertragsbasis in den letzten Jahren verbreitert haben. Wiederkehrende Einnahmen aus Marktdaten, Indexlizenzen und Dienstleistungen sorgen für zusätzliche Stabilität, während insbesondere der Derivatehandel in volatilen Phasen überproportional wächst.
Über längere Zeiträume resultiert daraus in vielen Fällen eine robuste, teils überdurchschnittliche Entwicklung gegenüber breiten Aktienindizes – auch wenn diese nicht in jeder Marktphase sichtbar wird..
Fazit
Absicherung hat ihren Preis – und dieser ist oft genau dann am höchsten, wenn die Unsicherheit am grössten ist. Für viele Privatanleger erweist sich aktives Reagieren auf kurzfristige Marktbewegungen langfristig als wenig effizient. Häufiges Umschichten und taktisches Timing wirken vielmehr als Renditebremse.
Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Zusammenhang: Mit steigender Volatilität nimmt die Marktaktivität deutlich zu – und genau davon profitieren Börsenbetreiber.
Als klassische Absicherungsstrategie eignen sich ihre Aktien jedoch nicht. In Stressphasen fallen sie in der Regel mit dem Markt. Ihr Potenzial liegt vielmehr im Geschäftsmodell selbst: Sie verdienen an der Aktivität anderer – unabhängig von der Marktrichtung.
Damit können Börsenbetreiber als Beimischung interessant sein, um indirekt an erhöhter Marktaktivität zu partizipieren. Entscheidend bleibt jedoch die übergeordnete Strategie: breite Diversifikation, kosteneffiziente Umsetzung und ein langfristiger Anlagehorizont.
Denn am Ende gilt: Während hektisches Hin und Her oft die Rendite schmälert, profitieren die Betreiber der Handelsinfrastruktur genau von dieser Dynamik.
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