VZ Chartanalyse
Ein KI-Tool von Anthropic sorgt für den nächsten Schock: Softwareaktien geraten erneut unter Druck. Doch die Sorgen sind nicht neu – der Abwärtstrend im Sektor läuft seit Monaten und stellt Geschäftsmodelle infrage.
Publiziert 4. Febr. 2026
Beschreibung
Am Dienstag sorgte eine neue Erweiterung von Anthropics KI-Modell Claude für Aufsehen. Der Anbieter stellte ein Zusatzmodul vor, das Aufgaben wie Vertragsprüfungen und juristische Kurzgutachten automatisieren kann – ein Schritt, der von Analysten als deutliche Verschärfung des Wettbewerbs in der Softwarebranche gewertet wurde. Die Befürchtung: Wenn Sprachmodelle zunehmend komplexe Wissens- und Büroaufgaben übernehmen, könnten klassische Softwarelösungen an Relevanz verlieren. Prompt gerieten Softwareaktien weltweit unter Druck: ServiceNow verlor über 4 Prozent, SAP und Salesforce folgten mit deutlichen Abschlägen.
Anhaltende Schwäche bei Software-Unternehmen
Warum SAP – Europas grösster Softwarekonzern – seit seinem Allzeithoch Anfang 2025 über 40 Prozent eingebüsst hat, lässt sich nicht mit operativen Zahlen erklären. Gleiches gilt für ServiceNow (–50 Prozent) und Salesforce (–45 Prozent), die im gleichen Zeitraum noch grössere Rückgänge verzeichneten. Stattdessen zeichnet sich ein Muster ab, das über einzelne Aktien hinausgeht: Der Softwaresektor – als Näherung hierfür dient der iShares Expanded Tech Software ETF (im Folgenden: Tech Software ETF) – steht unter dem Einfluss eines grundlegenden Stimmungswandels, ausgelöst durch strategische Unsicherheit rund um KI. Die Sorge: KI-Assistenten könnten künftig Aufgaben übernehmen, für die bisher spezialisierte und teure Softwarelösungen benötigt wurden.
Chips profitieren, Software schwächelt
Seit Jahresbeginn zeigt sich eine auffällige Divergenz: Während Chiphersteller den Nasdaq nach oben ziehen, belasten Software-Unternehmen den techlastigen Index. Viele Beobachter sprechen pauschal von einer Tech-Schwäche – doch das greift zu kurz. Erst eine Differenzierung zwischen KI-Infrastruktur, Hardware und Unternehmenssoftware zeigt, was den Markt tatsächlich bewegt: Die Unsicherheit trifft vor allem klassische Softwareanbieter, deren Produkte durch generative KI ersetzt oder entwertet werden könnten.
Vertrauensverlust trotz solider Fundamentaldaten
Der Softwaresektor befindet sich klar im Bärenmarkt: Der Tech-Software-ETF hat seit Oktober über 25 Prozent verloren. Bemerkenswert ist, dass diese Bewegung nicht durch enttäuschende Ergebnisse ausgelöst wurde, sondern durch ein neues Narrativ. Das SaaS-Modell (Software-as-a-Service), bislang als stabiler Wachstumstreiber angesehen, gerät durch Automatisierungsängste unter Druck.
Beispiel ServiceNow: Trotz starker Zahlen verlor die Aktie zweistellig. Auch SAP wurde nach einem verhaltenen Ausblick mit einem Kursabsturz abgestraft. Der Markt handelt derzeit nicht auf Basis realer Kennzahlen, sondern preist potenziellen Bedeutungsverlust ein. Kapital rotiert sichtbar in Richtung KI-Infrastruktur – zu Halbleitern, Cloud- und Plattformanbietern. Die Folge: Der Sektor spaltet sich in defensive Qualitätswerte und Firmen mit strategischen Fragezeichen.
Charttechnik: Die Stunde der Wahrheit
Statt Einzelaktien lohnt ein Blick auf das Chartbild des Tech-Software-ETF:
Aktuell notiert der ETF bei rund 85 Dollar – exakt auf der Aufwärtstrendlinie seit Oktober 2022. Dort verläuft auch das technische Ziel einer ausgebildeten Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Sollte diese Zone nicht halten, droht ein Test der Unterstützung bei 77 Dollar. Darunter würde sogar der langfristige Aufwärtstrend aus dem Jahr 2020 bei ca. 63 Dollar ins Spiel kommen. Bei einer Verteidigung der Unterstützung könnte auf der Oberseite zunächst wieder die 95 Dollar-Marke in den Fokus rücken.
Fazit
Die anhaltende Schwäche bei Softwareaktien ist weniger eine Reaktion auf Quartalszahlen als Ausdruck strategischer Unsicherheit: KI wird zunehmend nicht nur als Chance, sondern auch als mögliche Herausforderung für bestehende Geschäftsmodelle wahrgenommen. Ob KI etablierte Softwareanbieter stärkt oder teilweise ersetzt, lässt sich heute kaum verlässlich prognostizieren – genau deshalb ist Diversifikation entscheidend. Die gespaltene Entwicklung von Chip- und Softwaretiteln zeigt exemplarisch, dass einzelne Sektoren phasenweise unter Druck geraten können, während andere profitieren. Für langfristige Anleger zählt daher nicht die Wette auf einzelne Gewinner, sondern eine breit abgestützte Portfolioaufstellung, die Marktwandel abfedert und gleichzeitig am Gesamtwachstum partizipiert.
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