VZ Analyse
Der Flugzeughersteller Boeing war einst Aushängeschild amerikanischer Ingenieurskunst, heute steht er für den Niedergang eines Blue-Chip-Unternehmens. Die Gründe der Krise – und warum jeder Anleger sie kennen sollte.
23. Sep 2025
Beschreibung
Eine während des Flugs abgerissene Tür, ein bei der Landung abgebrochenes Fahrwerk – diese Vorfälle sind nur die sichtbarsten Symptome einer tiefen Qualitäts- und Vertrauenskrise, in der Boeing steckt. Dabei galt der Flugzeugbauer über Jahrzehnte hinweg als Inbegriff technologischer Exzellenz, strategischer Stärke und verlässlicher Aktionärsrenditen.
Trotz dieser massiven Probleme legte die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten um rund 35 Prozent zu. Verantwortlich dafür sind weniger nachhaltige operative Verbesserungen, sondern primär externe Faktoren: die robuste Nachfrage im Rüstungsgeschäft – verbunden mit einer impliziten Staatsgarantie – sowie die Hoffnung auf einen Turnaround.
Denn das Management hat personelle Veränderungen vorgenommen und gelobt Besserung dank einer strategischen Neuausrichtung auf Sicherheit und Qualität. Doch die Anzeichen für einen echten kulturellen Wandel bleiben bruchstückhaft. Der Weg zurück zu alter Stärke und Glaubwürdigkeit bleibt lang.
Was ist schiefgelaufen?
Viele Experten sehen den Wendepunkt in der Fusion von Boeing mit McDonnell Douglas im Jahr 1997. Nach dem Zusammenschluss bestimmte die «McDonnell-Doktrin» die Strategie beim Boeing-Konzern: Kostensenkung insbesondere durch Stellenabbau und Outsourcing, dazu enge Zeitpläne sowie Aktienkursfixierung. Statt Ingenieurskunst in Form langlebiger und sicherer Flugzeuge stand nun der Quartalsgewinn im Vordergrund.
Und lange Zeit feierte der Markt diese Entwicklung: Zwischen 2013 und 2019 legte die Aktie fast 300 Prozent zu. Nicht zuletzt, weil Boeing in dieser Zeit über 60 Milliarden Dollar durch Aktienrückkäufe und Dividenden an die Aktionäre ausschüttete. Im gleichen Zeitraum zahlte Airbus – der europäische Rivale – lediglich 10 Milliarden US-Dollar an Dividenden und investierte stark in F&E (Forschung und Entwicklung). Boeings F&E-Ausgaben sanken hingegen.
Gleichzeitig explodierte bei Boeing die Verschuldung – von 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 auf über 58 Milliarden im Jahr 2024 – grösstenteils nicht zur Innovation, sondern zur Finanzierung von Rückkäufen, die den Gewinn pro Aktie künstlich aufblähten.
Verheerendes Managementversagen
Im Oktober 2018 und März 2019 führten schliesslich zwei Abstürze von Boeing 737 MAX-Flugzeugen mit insgesamt Hunderten Todesopfern dazu, dass massive Konstruktions- und Softwarefehler sowie ein systemisches Versagen in der Unternehmenskultur von Boeing offengelegt wurden. Der Aktienkurs brach um rund 30 Prozent ein – und die Krise weitete sich aus. Bei einer 737 MAX von Alaska Airlines löste sich im Januar 2024 im Flug eine Türabdeckung aus der Rumpfwand. Die Ursache lag in Qualitätsmängeln im Werk in South Carolina.
Dieser Standort steht sinnbildlich für Boeings verhängnisvolle Entwicklung. Er wurde gezielt als gewerkschaftsfreie Alternative zum Stammwerk in Washington aufgebaut. Schritt für Schritt verlagerte Boeing die Produktion von Washington, wo erfahrene und hochqualifizierte Fachkräfte arbeiteten, in die neue, gewerkschaftsfreie Fabrik im Süden der USA.
Mitarbeiterschulungen und Qualitätskontrollen litten massiv im neuen Werk. Whistleblower berichteten von losen Schrauben und ignorierten Sicherheitsprotokollen. Doch statt Konsequenzen zu ziehen und das problematische Werk in South Carolina zu schliessen, entschied sich Boeing für das Gegenteil: Das für seine hohe Fertigungsqualität bekannte, aber gewerkschaftlich organisierte Werk in Washington wurde zugunsten des Standorts in South Carolina zurückgefahren – damit verlor Boeing wertvolles Know-how und erfahrene Fachkräfte. Die Geschichte des Konzerns ist ein Lehrstück darüber, wie eine stetige Abfolge kurzfristiger Renditeziele langfristige Unternehmenswerte zerstören kann.
Was heisst das für Investoren?
Der Niedergang des einstigen Blue-Chip-Unternehmens zeigt: Für aktive Investoren, die gezielt in Einzeltitel investieren, ist eine gründliche Prüfung der Unternehmenssubstanz unverzichtbar. Denn strukturelle Schwächen können sich lange unter der Oberfläche verbergen – bis sie plötzlich mit voller Wucht zutage treten, wie im Fall von Boeing.
Ein wirksamer Schutz vor solchen Überraschungen ist das Investieren in breit gestreute Indizes. So bleibt man zwar auch in Unternehmen wie Boeing investiert, profitiert aber gleichzeitig von den Erfolgen der aktuellen Marktführer wie Nvidia oder Palantir. Dadurch erhält man die Marktrendite, ohne sich in die mühsame – und fehleranfällige – Detektivarbeit der Einzelanalyse stürzen zu müssen.
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