Öl-Branche: Die Gewinner und Verlierer des Venezuela-Deals

VZ Analyse

Warum die USA das venezolanische Erdöl unbedingt brauchen – und welche Unternehmen jetzt die Gewinner sind.

Publiziert 13. Jan. 2026

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Mit rund 303 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die weltweit grössten nachgewiesenen Ölreserven – das entspricht etwa 17 Prozent des globalen Volumens und übertrifft sogar die Vorkommen Saudi-Arabiens. Der Haken: Rund drei Viertel dieser Reserven bestehen aus extra-schwerem Rohöl aus dem Orinoco-Gürtel. 

Dabei handelt es sich um hochviskoses, bitumenartiges Öl mit signifikantem Schwefel- und Metallgehalt.

Im Gegensatz zu leicht förderbarem und kostengünstigem Leichtöl ist venezolanisches Heavy Crude technisch anspruchsvoll in der Verarbeitung. Es wird gegenüber Benchmarks wie Brent (Nordsee) oder WTI (USA) mit einem deutlichen Abschlag von 10 bis 20 US-Dollar pro Barrel gehandelt. 

Hinzu kommt eine marode Förderinfrastruktur in Venezuela – geprägt von Stromausfällen und veralteten Anlagen –, die erhebliche Investitionen erforderlich macht.

Damit die Förderung wirtschaftlich rentabel wird, sind vergleichsweise hohe Ölpreise erforderlich. Venezuelas Spitzenposition bei den Ölreserven ist deshalb vor allem eine buchhalterische Grösse. Warum also wollen die USA unbedingt gerade dieses Öl?

Der Fracking-Boom in den USA

Ein wesentlicher Teil der Antwort liegt in der ungewissen Zukunft der US-Ölproduktion. Zwar sind die USA dank des Fracking-Booms zum weltweit grössten Produzenten aufgestiegen, doch mehren sich die Anzeichen für ein Ende des ungebremsten Wachstums. Experten warnen, dass die Erschöpfung der produktivsten Fracking-Zonen eine weitere Ausweitung der Förderung zunehmend erschwert.

Aktuelle Prognosen der US-Energiebehörde EIA deuten darauf hin, dass das Wachstum der US-Gesamtproduktion nach Jahren der Rekorde an Dynamik verliert und sich einem Plateau nähert. In Fachkreisen wird zudem ein pessimistisches Szenario diskutiert: Sollten neue technologische Durchbrüche ausbleiben, halten Analysten einen Rückgang der Förderung ab 2027 für möglich. 

In Stress-Szenarien, deren Eintrittswahrscheinlichkeit von einigen Marktbeobachtern auf bis zu 30 Prozent geschätzt wird, könnte die Produktion sogar im zweistelligen Prozentbereich sinken. Vor diesem Hintergrund gewinnt das schwere venezolanische Öl als strategische Ergänzung und Absicherung für die US-Energiebilanz massiv an Bedeutung.

Technologische Synergien: Die US-Golfküste als natürlicher Abnehmer  

Die Raffinerien an der US-Golfküste wurden seit den 1990er-Jahren technologisch gezielt auf schwere, schwefelreiche Rohölsorten spezialisiert. Durch massive Investitionen in komplexe Konversionsanlagen kann das extra-schwere Orinoco-Öl dort hocheffizient in margenstarke Endprodukte wie Diesel und Kerosin (Jet Fuel) veredelt werden.

Diese Ausgangslage ist ausserordentlich günstig für die USA und deren Ölunternehmen:

  • Die USA können den Preisabschlag bei venezolanischem Schweröl nutzen, um ihre Raffineriemargen zu maximieren.
  • Abhängigkeit: Da weltweit nur wenige Anlagen für diese spezifische Ölqualität ausgelegt sind, sind die Absatzwege für Caracas begrenzt.  
  • Da die Grenzkosten im US-Schieferölsektor durch die Erschöpfung von Kerngebieten ("Tier 1“-Lagen) steigen, fungieren venezolanische Reserven als idealer Puffer. Sie ermöglichen eine Diversifizierung weg vom volatilen Fracking hin zu stabilen Rohstoffströmen.

Die Gewinner und Verlierer der neuen Konstellation

Chevron: Als einziger grosser US-Konzern mit einer aktiven Sondergenehmigung nimmt Chevron eine absolute Sonderstellung ein. Das Unternehmen dominiert nicht nur das US-Fracking-Geschäft, sondern erzielt bereits heute unmittelbare Synergien: Dank des privilegierten Zugangs zu venezolanischem Schweröl kann Chevron seine Raffinerien an der US-Golfküste optimal auslasten. Diese vertikale Integration erlaubt es dem Konzern, Margenvorteile zu realisieren, die reinen Schieferöl-Produzenten verwehrt bleiben.

Phillips 66 und Valero: Die spezialisierten Raffineriebetreiber zählen zu den Hauptprofiteuren einer venezolanischen Marktöffnung. Ihre komplexen Anlagen sind technologisch darauf ausgelegt, das schwere Orinoco-Öl hocheffizient zu verarbeiten. Da das Angebot an leichtem US-Schieferöl absehbar sein Plateau erreicht, sichert der Zugang zum venezolanischen "Heavy Crude" diesen Unternehmen attraktive Preisvorteile und stabilisiert ihre Raffineriemargen in einem volatilen Marktumfeld.

SLB und Halliburton: Die weltweit führenden Ölfelddienstleister profitieren von einem doppelten Hebel: Im US-Inland steigt die Nachfrage nach ihrer Expertise für technisch anspruchsvollere Bohrungen in bereits weit erschlossenen Schiefergebieten. Gleichzeitig eröffnet die marode Förderinfrastruktur in Venezuela ein milliardenschweres Geschäftsfeld: Ohne die spezialisierte Ausrüstung und das Know-how dieser Servicegiganten ist eine signifikante Steigerung der venezolanischen Produktion technisch unmöglich.

Zu den Verlierern gehören US-Produzenten wie Devon Energy oder APA Corp: Unternehmen ohne geografische Diversifizierung oder Zugang zu Schweröl-Raffinerien geraten unter Druck. Sinkende Förderraten in zweitklassigen Lagen erhöhen den Konsolidierungsdruck.

Die Rolle der europäischen Erdölkonzerne

Für europäische Konzerne ist die Entwicklung kein fundamentaler "Game-Changer", da sie global breit aufgestellt sind (Afrika, LNG, Offshore). Dennoch bieten sich attraktive Opportunitäten:

Eni und Repsol: Beide Konzerne fordern vom venezolanischen Staat (PDVSA) ausstehende Altschulden in Höhe von rund 6 Milliarden Dollar ein. Die Verrechnung dieser Forderungen mit Rohstofflieferungen ("Oil for Debt") sichert ihnen bereits jetzt exklusiven Zugang. Bei zunehmender politischer Stabilität könnten sie ihre bestehenden Joint Ventures – allen voran das Perla-Gasfeld – massiv skalieren.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Während reine US-Schieferöl-Produzenten vor existenziellen Wachstumsrisiken stehen, fungiert der Zugriff auf venezolanische Reserven für global agierende Konzerne als idealer Hedge. Und für die USA selbst ist Venezuelas Öl die notwendige Ergänzung zum volatilen und risikobehafteten Schieferöl, um die US-Energiearchitektur stabil zu halten.

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