Nach der Software: Welcher Branche droht die nächste Disruption?

Analysen
Analysen

VZ Analyse

Künstliche Intelligenz verändert die Software‑Welt – doch die nächste industrielle Verschiebung könnte in der Fabrikhalle entstehen. Neue 3D‑Druckverfahren sind für bestehende Wertschöpfungsketten eine potenzielle Gefahr.

Publiziert 30. März 2026

Autor

Andreas Paciorek

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

An den Börsen dreht sich derzeit fast alles um Künstliche Intelligenz. Investoren fragen sich, welche Softwarefirmen profitieren, und vor allem: welche Geschäftsmodelle unter Druck geraten und wie tief die Umwälzungen in bestehende Wertschöpfungsketten reichen werden. Besonders in den USA, wo viele der grössten Börsenstars aus der Tech-Welt stammen, steht diese Debatte im Zentrum. 

Doch während die Disruption bislang vor allem digital gedacht wird, könnte sich im Hintergrund bereits eine zweite, weit weniger beachtete Revolution anbahnen – diesmal in der physischen Welt. Forschende an der weltberühmten Tech-Kaderschmiede MIT (Massachusetts Institute of Technology) haben gezeigt, dass sich mit einem neuartigen 3D-Druckverfahren ein funktionsfähiger Elektromotor mit beweglichen Teilen in einem einzigen Fertigungsprozess herstellen lässt. Noch ist das kein industrieller Durchbruch. Aber es ist ein technologischer Fingerzeig – und einer mit Sprengkraft für Europas Industrie. Wichtig für Anleger: Das ist keine Disruption, die bereits morgen den Markt fegt, sondern ein langfristiger Umbau der Industrie, der sich über die nächsten 10 bis 20 Jahre hinziehen könnte. 

Denn Deutschland und die Schweiz leben in hohem Mass von industriellen Netzwerken, in denen spezialisierte Zulieferer, Präzisionshersteller und Maschinenbauer eng ineinandergreifen. Wenn Produkte künftig nicht mehr aus Dutzenden oder gar Hunderten Einzelteilen zusammengesetzt, sondern aus digitalen Bauplänen direkt vor Ort gefertigt werden, wäre das mehr als nur ein Effizienzgewinn. Es wäre eine tektonische Verschiebung der industriellen Logik. 

Darum geht es: Die additive Fertigung 

Der Begriff additive Fertigung klingt sperrig, beschreibt aber ein einfaches Prinzip: Ein Bauteil wird Schicht für Schicht aufgebaut, statt – wie in der klassischen Industrie – aus einem Block herausgefräst, gegossen, gestanzt oder aus vielen Komponenten montiert zu werden. Im Alltag spricht man meist schlicht von 3D-Druck. 

Bislang kommt diese Technologie vor allem bei Prototypen, Ersatzteilen, Spezialbauteilen und Kleinserien zum Einsatz. Der eigentliche Umbruch würde aber dann beginnen, wenn sich nicht mehr nur einzelne Teile, sondern komplette funktionale Systeme fertigen liessen – also Bauteile mit integrierten Leitungen, Magneten, beweglichen Elementen oder mechanischen Funktionen. 

Genau hier setzt die MIT-Entwicklung an. Die Forschenden kombinierten in einem Druckprozess mehrere Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften – darunter isolierende, leitfähige, flexible und magnetische Stoffe. Das Ziel ist nicht einfach ein hübscheres Kunststoffteil, sondern eine Fertigung, bei der Montage, Verkabelung und Teilelogistik zunehmend in den Produktionsprozess selbst hineinwandern. 

Warum das für Anleger relevanter ist, als es auf den ersten Blick scheint 

Der eigentliche Sprengstoff liegt nicht im gedruckten Motor selbst, sondern in der Frage, wie industrielle Produktion künftig organisiert wird. 

Heute basiert der europäische Maschinenbau auf Arbeitsteilung. Der eine liefert Gehäuse, der nächste Lager, ein dritter Kabelbäume, ein vierter Sensorik, ein fünfter Präzisionsteile. Dieses System ist effizient, aber auch komplex, kapitalintensiv und störanfällig, wie die Lieferkettenprobleme der vergangenen Jahre – man erinnere sich an die Corona-Zeit zurück oder die Situation bei Energie aktuell in der Strasse von Hormus – schmerzhaft gezeigt haben. 

Sollte die additive Fertigung einen weiteren Technologiesprung machen, könnte sich genau dieses Modell verschieben. Denn je mehr Funktionen direkt in einem einzigen Produktionsschritt entstehen, desto weniger Wertschöpfung entfällt auf Montage, Zwischenstufen und externe Zulieferung. Dann zählen weniger die Nähe zum industriellen Cluster – und stärker Energie, Materialverfügbarkeit, Softwarekompetenz und digitale Konstruktionsdaten. 

Mit anderen Worten: Der Wettbewerbsvorteil läge dann nicht mehr nur in der Fabrikhalle und der Nähe zu den Zulieferern, sondern zunehmend im digitalen Bauplan – also im industriellen Pendant zur Software sowie günstiger Energie und den notwendigen Rohstoffen für den 3D-Druck selbst. 

Welche Branchen und Unternehmen es in Deutschland und der Schweiz treffen könnte 

Besonders anfällig wären jene Industriebereiche, deren Geschäftsmodell auf vielen hochspezialisierten Einzelkomponenten oder präziser Montagearbeit beruht. Dazu zählen in Deutschland vor allem der Maschinenbau, die Automobilzulieferung, die industrielle Antriebstechnik sowie Präzisions- und Teilefertigung. 

Ein Beispiel ist das deutsche Unternehmen DMG Mori, einer der weltweit bedeutenden Hersteller von Werkzeugmaschinen für die industrielle Fertigung. Firmen wie diese stehen an einer strategisch spannenden Schnittstelle: Sie könnten von der Verbreitung neuer Fertigungstechnologien profitieren – gleichzeitig aber auch unter Druck geraten, wenn sich die Produktionslogik grundlegend verändert. 

Ähnlich relevant ist Siemens, der deutsche Industriekonzern mit starker Stellung bei Fabrikautomatisierung, digitalem Engineering und industrieller Software. Wenn sich Produktion stärker in Richtung digital gesteuerter Fertigungszellen verschiebt, werden genau diese Schnittstellen zwischen Konstruktion, Simulation und Fertigung strategisch noch wichtiger. Siemens positioniert sich bereits aktiv im Bereich additive Fertigung und industrieller Software. 

Heikler wäre die Entwicklung für viele klassische Zulieferer, insbesondere im Mittelstand. Denn deren Wertschöpfung basiert oft auf einzelnen Frästeilen, Halterungen, Gehäusen, Verbindungselementen oder mechanischen Baugruppen. Je stärker diese Teile künftig integriert statt separat gefertigt werden, desto grösser wird der Druck. 

In der Schweiz wären vor allem Branchen betroffen, die von Präzision, Kleinserien und technischer Spezialisierung leben. Dazu gehört etwa Georg Fischer, das unter anderem industrielle Fertigungstechnologien anbietet und exemplarisch für eine Industrie steht, die sowohl Risiko als auch Chance in diesem Wandel trägt. 

Auch Bossard ist ein interessantes Beispiel. Das Unternehmen ist stark in industriellen Produktionsprozessen verankert. Wenn Bauteile künftig stärker "aus einem Guss" gefertigt werden, könnte die Bedeutung klassischer Verbindungselemente in bestimmten Anwendungen sinken. 

Auf der anderen Seite gibt es auch potenzielle Gewinner. VAT Group profitiert zwar nicht direkt vom Konsumgüter-3D-Druck, steht aber für jene hochspezialisierten Industriekomponenten, die in High-End-Fertigungsumgebungen unverzichtbar bleiben. Ähnliches gilt für OC Oerlikon, dessen Know-how bei Materialien, Beschichtungen und Prozessqualität in einer additiven Produktionswelt an Bedeutung gewinnen könnte. 

Die tatsächlichen Auswirkungen auf die einzelnen Unternehmen hängen dabei massgeblich vom Umsatzanteil ihrer physischen Standardkomponenten ab; entscheidend für die Zukunftsfähigkeit könnte auch die Fähigkeit sein, die eigene Wertschöpfung in Richtung digitaler Design- und Systemkompetenz zu verschieben.

Welche Länder und Sektoren am ehesten profitieren könnten 

Sollte sich der 3D-Druck vom Nischenwerkzeug zur echten Produktionsplattform entwickeln, wären nicht zwingend jene Länder die grössten Gewinner, die heute die dichtesten Zuliefernetzwerke haben. Im Vorteil wären vielmehr Standorte, die drei Dinge kombinieren: günstige und verlässliche Energie, guten Zugang zu Rohstoffen und Spezialmaterialien sowie starke Kompetenzen in Software, Simulation und Automatisierung. 

Davon könnten insbesondere die USA profitieren, wo industrielle Software, Verteidigungstechnologie und flexible Fertigung bereits eng zusammenwachsen. Auch China wäre strukturell gut positioniert, weil das Land Skalierung, Materialversorgung und staatlich unterstützte Industrialisierung verbinden kann. 

Spannend ist aber auch der Blick auf kleinere Industriestandorte. Länder wie die Schweiz oder Singapur könnten in besonders hochwertigen Nischen profitieren – etwa bei Medizintechnik, Präzisionsmechanik, Luftfahrt, Sensorik oder Spezialkomponenten. Dort zählt weniger Masse als Komplexität und Margenstärke. 

Besonders profitieren dürften Sektoren, in denen teure Lagerhaltung, lange Lieferketten oder hochkomplexe Geometrien bislang ein Nachteil sind. Dazu gehören vor allem Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Medizintechnik, Halbleiter- und Hightech-Ausrüstung sowie das Ersatzteil- und Wartungsgeschäft. 

Noch ist das keine industrielle Revolution 

So verlockend die Vision klingt: Zwischen einem im Labor gedruckten Demonstrator und einer robusten industriellen Massenanwendung liegt ein weiter Weg. Denn in der Praxis zählen nicht nur Druckbarkeit und Materialkosten, sondern auch Haltbarkeit, Präzision, Zertifizierung, Sicherheit, Stückzahlfähigkeit und Wartbarkeit. Gerade im Maschinenbau entscheidet am Ende nicht, ob etwas "funktioniert", sondern ob es über Jahre unter realen Bedingungen zuverlässig funktioniert. 

Das schmälert die Relevanz des Trends allerdings nicht. Im Gegenteil: Die additive Fertigung wächst weiter, auch wenn der Hype abgekühlt ist. Laut dem Wohlers Report 2026 erreichte der globale Markt 2025 rund 24,2 Milliarden Dollar. Auffällig ist dabei, dass der grösste Teil des Werts inzwischen nicht mehr aus dem Verkauf von Druckern selbst, sondern aus Produktions- und Servicedienstleistungen stammt – ein Hinweis darauf, dass die Technologie langsam erwachsen wird. 

Die eigentliche Börsenstory lautet nicht: Wird der 3D-Druck gross? Sondern: Was passiert, wenn sich industrielle Wertschöpfung vom physischen Zuliefernetzwerk hin zum digitalen Bauplan verschiebt? Genau dort könnte für den Maschinenbau in der Schweiz und Europa die eigentliche Disruption beginnen.

Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.