VZ Analyse
Nvidia begeistert mit Rekordzahlen – doch der KI-Boom hat eine Achillesferse, die Anleger nicht ignorieren dürfen.
Publiziert 21. Nov. 2025
Beschreibung
Nvidia hat erneut beeindruckt: Im dritten Quartal stieg der Umsatz auf 57 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für das laufende Quartal erwartet Nvidia 65 Milliarden US-Dollar – deutlich über den Konsensschätzungen. CEO Jensen Huang spricht von einer Nachfrage, die «off-the-charts» sei, also jenseits aller Erwartungen. Die Börse reagierte prompt: Die Aktie stieg nachbörslich um 5 Prozent, die Nasdaq-Futures legten um 1,2 Prozent zu. Doch was bedeuten diese Quartalszahlen für Anleger – und für den Markt insgesamt?
Die guten Zahlen von Nvidia halten die KI-Euphorie am Leben und stützen die grossen Indizes – zumindest vorübergehend. Mit einem Gewicht von rund 14 Prozent im Nasdaq 100 und 8 Prozent im S&P 500 kann ein einzelner Quartalsbericht von Nvidia Billionen an Marktkapitalisierung bewegen. Noch wirkt die Story makellos: Hyperscaler wie Meta, Microsoft und Google sollen jährlich bis zu 600 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur für KI-Modelle investieren – Geld, das überwiegend bei Nvidia landet. Kurzfristig bestätigt deshalb Nvidias Ergebnis den KI-Boom – und könnte die Rallye einige Monate verlängern.
Kurzfristige Risiken
Doch unter der glänzenden Oberfläche zeigen sich Risse. Experten warnen vor Bilanzkosmetik: KI-Firmen verlängern angeblich die Nutzungsdauer von Nvidia-Servern, um Abschreibungen hinauszuzögern und Gewinne aufzublähen. Ausserdem würden sie sich gegenseitig künstliche Umsätze verschaffen, ohne echtes Endkunden-Wachstum. Selbst wenn sich diese Vorwürfe als überzogen erweisen, drohen der KI-Euphorie Gefahren.
Bereits im Frühjahr 2026 könnte sich zeigen, ob die Strategie der Hyperscaler und KI-Anbieter «mit dem Angebot wächst die Nachfrage» aufgeht: Die Investitionsbudgets der Hyperscaler wurden 2025 um 40 Prozent erhöht, gleichzeitig melden Cloud-Anbieter erste ungenutzte Kapazitäten in KI-Rechenzentren. Sinkt die Auslastung im ersten Quartal 2026 von derzeit etwa 90 Prozent auf unter 70 Prozent, müsste die Börse wohl Kürzungen bei Grossaufträgen einpreisen – und das dürfte den Kurs laut Analysten um bis zu 20 Prozent drücken. Bei einem solchen Einbruch von Nvidia ist fraglich, ob der KI-Boom weitergehen kann.
Mittelfristige Risiken
KI ist überaus stromhungrig. Schon jetzt liegen die Reservemargen vieler US-Stromnetze am Limit. Das verschafft China einen entscheidenden Vorteil: Durch den massiven Ausbau der Solarkapazitäten verfügt das Land über günstigen Strom, der dank moderner Speichertechnologien und eines erweiterten Stromnetzes zuverlässig verfügbar ist. Bleibt der Netzausbau in den USA hinter der Nachfrage zurück, könnten geplante Hyperscale-Rechenzentren verzögert oder verkleinert werden – mit spürbaren Folgen für die Nachfrage nach Nvidia-Chips.
Dazu setzen US-Anbieter wie OpenAI auf geschlossene, teure Systeme, während chinesische Player mit leistungsfähigen Open-Source-Modellen auf den Markt drängen. Laut Venture-Capital-Daten nutzen bereits 80 Prozent der Start-ups chinesische Modelle wie Qwen oder DeepSeek – denn die sind bis zu 85 Prozent günstiger als GPT-4. Weniger rechenintensive Modelle bedeuten weniger Bedarf an Nvidias High-End-Chips.
Huawei: Ein gefährlicher Herausforderer
Mit der Ascend-Serie attackiert Huawei Nvidias Vormachtstellung. Der Ascend 910C liefert zwar nur zwei Drittel der Rechenleistung von Nvidias Spitzenchip H100, punktet jedoch mit 50 Prozent mehr Speicher, verbraucht nur halb so viel Strom und kostet mit 9000 Dollar gerade mal ein Drittel. Zudem lassen sich Ascend-Chips in gigantischem Massstab vernetzen – ganze Cluster können Nvidias Lösungen übertreffen, und das zu deutlich geringeren Kosten. Westliche Cloud-Anbieter nutzen Huawei-Angebote bereits als Druckmittel, um bei Nvidia bessere Konditionen zu erzwingen. Das bedeutet: Selbst, wenn Huawei nicht direkt in Europa oder den USA verkauft, sinkt Nvidias Preismacht – und damit seine Margen.
Fazit für Anleger
Kurzfristig bleibt die Party intakt: Blackwell, der neue Top-Chip von Nvidia, liefert Rückenwind, die Nachfrage ist hoch, und eine Erleichterungsrallye nach den jüngsten Rückschlägen ist möglich. Mittelfristig aber sollten Anleger die strukturellen Risiken im Blick behalten: Energieengpässe, geopolitische Abschottung, Preisdruck durch Open Source und Huawei sowie bilanzielle Risiken stehen einer überaus optimistischen Bewertung der KI-Zukunft gegenüber.
Natürlich ist und bleibt Nvidia ein Ausnahmewert – technologisch führend, profitabel, mit enormer Marktmacht. Doch im Hintergrund formieren sich Gegenkräfte. Anleger tun daher gut daran, den Blick nicht allein auf die nächste Quartalszahl zu richten, sondern auch auf die Faktoren, die den KI-Boom bremsen oder sogar zum Erliegen bringen könnten. Selbst Investoren, die lediglich in einen grossen US-Index investieren, sollten die Entwicklungen im Zusammenhang mit Nvidia aufmerksam verfolgen – angesichts des hohen Index-Gewichts des Unternehmens und seiner Schlüsselrolle für den aktuellen Börsenaufschwung.
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