Europäische Aktien im Check: Sind sie wirklich günstig bewertet?

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Angesichts der Bedenken über Bewertungsübertreibungen am US-Aktienmarkt richten viele Investoren ihren Blick vermehrt auf europäische Börsen. Doch sind europäische Aktien tatsächlich attraktiv bewertet?

Publiziert 26. Febr. 2026

Autor

Ramon Hess

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Seit Herbst mehren sich Zweifel, ob die Kursentwicklung im Technologiesektor nachhaltig ist. Insbesondere im Hinblick auf die Bewertung von KI-Unternehmen warnen immer mehr Stimmen vor möglichen Übertreibungen. Diese Unternehmen investieren enorme Summen in Infrastruktur und Entwicklung, doch die zukünftige Monetarisierung dieser Ausgaben ist vielfach noch unklar.

Umschichtung nach Europa

Vor diesem Hintergrund hat eine spürbare Umschichtung eingesetzt. Kapital wird verstärkt in europäische Titel investiert.

Nach Jahren, in denen sich der US-Markt deutlich besser entwickelte als andere Regionen, erscheint manchen Investoren der Bewertungsaufschlag vieler amerikanischer Titel - insbesondere im Technologiesektor - immer schwerer zu rechtfertigen.

Parallel dazu lagen die Zuflüsse in europäische Aktienfonds zuletzt spürbar über jenen mit Fokus auf die USA. Die beobachteten Mittelbewegungen deuten darauf hin, dass Anleger Gewinne im US‑Markt realisieren und das Kapital in europäische Märkte verlagern, weil sie diese für attraktiver halten.

Europäische Aktien sind nur auf den ersten Blick billig

Häufig wird diese Rotation mit dem Argument begründet, europäische Aktien seien derzeit "günstiger" bewertet. Diese Einschätzung ist auf relativer Basis durchaus nachvollziehbar. 

Ein Blick auf die Bewertungskennzahlen zeigt, dass US-Indizes wie der Nasdaq 100 und der S&P 500 mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) von 36 respektive 28 deutlich über ihren langfristigen Mittelwerten notieren.

Demgegenüber erscheinen europäische Benchmarks wie der Euro Stoxx 50, der CAC 40 oder der DAX mit einem KGV von jeweils 18 und 19 deutlich moderater bewertet und somit im direkten Vergleich attraktiv.

Diese relative Betrachtung greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist nicht der Vergleich zwischen Regionen, sondern die Einordnung der aktuellen Bewertung in einen historischen Kontext. Und hier zeigt sich: Europäische Aktien sind keineswegs "billig".

Die aktuellen Bewertungen bewegen sich klar über ihren langfristigen Durchschnittsniveaus. Der Euro Stoxx 50 notiert beispielsweise beim 18-fachen Gewinn, während der historische Mittelwert bei 14 liegt. Ähnlich verhält es sich beim Stoxx Europe 600, der mit einem KGV von 18 über seinem langjährigen Durchschnitt von 16 notiert.

Unterschiedliche Marktstruktur

Ein wesentlicher Grund für die Bewertungsdifferenzen liegt in der strukturellen Zusammensetzung der Märkte. Beispielsweise sind Technologiewerte im S&P 500 mit rund 36 Prozent stärker gewichtet – und damit enthält der Index wesentlich mehr wachstumsstarke Unternehmen. In Europa hingegen dominieren zyklischere Sektoren wie Industrie, Finanzwerte oder Basiskonsumgüter, die strukturell geringere Wachstumsraten aufweisen.

Die unterschiedlichen Wachstumsraten erklären massgeblich die abweichenden KGV‑Niveaus. Höhere erwartete Gewinnzuwächse führen definitionsgemäss zu höheren Bewertungsmultiplikatoren.

Damit wird klar: Ein isolierter Vergleich von KGVs zwischen Regionen mit unterschiedlicher Marktzusammensetzung ist analytisch unzureichend.

Ein niedrigeres KGV bedeutet nicht automatisch eine Unterbewertung, sondern kann schlicht die geringeren Wachstumsaussichten widerspiegeln.

Um eine potenzielle Unter- oder Überbewertung realistisch einschätzen zu können, sollten Anlegerinnen und Anleger Bewertungskennzahlen stets mit Märkten vergleichen, die eine ähnliche Zusammensetzung und Wachstumsdynamik aufweisen.

Für Investoren bedeutet dies: Eine Umschichtung nach Europa kann aus Diversifikations- oder Risikogesichtspunkten sinnvoll sein – jedoch nicht primär mit dem Argument einer vermeintlichen Unterbewertung. Entscheidend ist, ob die Bewertungen im Kontext von Wachstum, Profitabilität und Risiko angemessen erscheinen.

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