Ein Jahr US-Zölle: Viel Bewegung, wenig Wirkung

Analysen
Analysen

VZ Analyse

Ein Jahr nach Trumps "Liberation Day" zeigt sich: Die USA importieren zwar weniger direkt aus China, aber nicht weniger insgesamt. Das Handelsdefizit bleibt hoch – und für die Schweiz und Europa beginnt jetzt der heikle Teil der Geschichte erst richtig.

Publiziert 8. Apr. 2026

Autor

Andreas Paciorek

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Als US-Präsident Donald Trump am 2. April 2025 seinen sogenannten "Liberation Day" ausrief und eine Tabelle mit erratisch gesetzt wirkenden Strafzöllen präsentierte, war der Schock gross. Sein Ziel war klar: Trump wollte Produktion zurück in die USA holen – insbesondere aus China – und zugleich das gewaltige Handelsdefizit abbauen. Für zusätzliches Entsetzen in der Schweiz sorgte der Entscheid, auf die hiesigen Importe in die USA einen Zoll von 39 Prozent zu erheben – die Sätze für die EU und Grossbritannien fielen im Vergleich deutlich geringer aus. 

Ein Jahr später fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus. Die Handelsströme haben sich zwar verändert – aber nicht im Sinne einer echten wirtschaftlichen "Befreiung". 

Weniger China – aber keine echte Entkopplung 

Die sichtbarste Veränderung betrifft China. Der direkte Warenhandel zwischen den USA und China ist seit den Zollankündigungen klar zurückgegangen. Laut Daten des U.S. Census Bureau (offizielle Statistikbehörde der US‑Regierung) importierten die USA 2025 Waren im Wert von 308 Milliarden Dollar aus China – nach rund 439 Milliarden Dollar im Vorjahr. Das bilaterale Handelsdefizit sank auf 202 Milliarden Dollar. 

Das klingt zunächst nach einem Erfolg. Doch die USA importieren deshalb nicht grundsätzlich weniger, sondern schlicht anders. Während China Marktanteile verlor, sprangen andere Produktionsstandorte ein – etwa Mexiko, Vietnam oder Indien. 

Eine Analyse der Deutschen Welle bringt es treffend auf den Punkt: "Die Importe verhielten sich wie Wasser – sie flossen von Ländern mit hohen Zöllen zu solchen mit tieferen Zollsätzen." Tatsächlich importierten die USA zwischen April und Juli 2025 rund 66 Milliarden Dollar weniger aus China als im Durchschnitt der Vorjahre. Gleichzeitig stiegen die Einfuhren aus mehreren asiatischen Alternativstandorten deutlich. 

Die Lieferketten wurden also umgeleitet, nicht in grossem Stil zurück in die USA verlagert. Genau das zeigt folgende Grafik: Der Anteil Chinas an den gesamten US-Warenimporten ist seit dem «Liberation Day» weiter gesunken, während andere Länder in die Lücke vorgestossen sind. Die Zollpolitik hat damit zwar die Herkunft der Importe verändert – aber nicht die grundsätzliche Abhängigkeit der USA von globalen Lieferketten. 

Das Defizit ist geblieben – nur anders verteilt 

Eine Verfehlung zeigt sich auch beim Ziel des Abbaus des Handelsdefizits. Zwar ist dieses mit China gesunken. Auf Ebene des gesamten Aussenhandels blieb die Entlastung jedoch weitgehend aus. Das Defizit wurde nicht beseitigt, sondern geografisch neu verteilt. 

Laut dem U.S. Bureau of Economic Analysis belief sich das gesamte US-Handelsdefizit bei Waren und Dienstleistungen 2025 auf 901,5 Milliarden Dollar. Das reine Warenhandelsdefizit erreichte sogar 1,24 Billionen Dollar. Auch Anfang 2026 bleibt die Lücke gross: Im Februar lag das Güterdefizit erneut bei 84,6 Milliarden Dollar. 

Damit zeigt sich: Trump hat das Defizit nicht beseitigt, sondern geografisch neu verteilt. Weniger China resultierte nicht in weniger Importabhängigkeit – sondern in veränderten Lieferwegen. Das lässt sich gut an Grafik 2 ablesen: Das Defizit mit China ist zwar kleiner geworden, gleichzeitig blieb das Defizit gegenüber dem Rest der Welt hoch. Der amerikanische Aussenhandel wurde damit nicht "repariert", sondern neu zusammengesetzt. 

Hinzu kommt: Zwar spülten die Zölle hohe Einnahmen in die US-Staatskasse – 2025 rund 287 Milliarden Dollar. Studien zeigen jedoch, dass diese Abgaben grösstenteils von US-Importeuren bezahlt wurden – und damit letztlich von amerikanischen Unternehmen und Konsumenten. 

Europa und die Schweiz: Erst Profiteure, dann Betroffene 

Für Europa und besonders für die Schweiz hatte diese Umlenkung zunächst sogar etwas Positives. Rund um den "Liberation Day" kam es zu ausgeprägten Vorzieheffekten: US-Importeure füllten ihre Lager, bevor neue Zölle griffen. In den ersten drei Monaten des Jahres 2025 lagen die US-Importe rund 20 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024. 

Gerade für die Schweiz war das relevant. Laut dem Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit erreichten die Schweizer Exporte 2025 insgesamt 287 Milliarden Franken und damit einen Rekordwert. Davon gingen 54,7 Milliarden Franken in die USA – 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders wichtig bleibt dabei Chemie und Pharma, die mehr als die Hälfte der Ausfuhren in die USA ausmachen. 

Auch die EU verzeichnete zunächst einen kräftigen Exportanstieg in Richtung USA. Für das Gesamtjahr 2025 exportierte sie Waren im Wert von 554 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten und importierte für 354,4 Milliarden Euro. Der Überschuss lag damit bei 199,6 Milliarden Euro. 

Doch Vorzieheffekte sind kein strukturelles Wachstum. Sobald Lager gefüllt und Bestellungen vorgezogen sind, folgt meist eine Phase der Normalisierung. Genau das zeigt die folgende Grafik: Die Exporte der Schweiz und der EU in die USA legten zunächst deutlich zu, bevor die Dynamik wieder abflachte. China verlor dagegen direkt und anhaltend an Boden. 

Der zweite Akt beginnt jetzt

Der spannendere Teil der Geschichte beginnt allerdings erst jetzt. Denn ein Jahr nach dem "Liberation Day" geht es nicht mehr nur darum, was die Zölle bewirkt haben, sondern auch darum, wie stabil diese Politik überhaupt noch ist.

Im Februar 2026 erlitt Trump einen juristischen Rückschlag: Der U.S. Supreme Court entschied, dass ein zentraler Teil der breit angelegten Zusatzzölle von 2025 nicht auf Basis des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) hätte verhängt werden dürfen. Damit wurde die rechtliche Grundlage eines wichtigen Teils der damaligen Zollarchitektur infrage gestellt.

Entwarnung bedeutet das allerdings nicht. Denn das Urteil hat die Zollpolitik nicht beendet, sondern vielmehr in eine neue Phase überführt. Die Trump-Administration sucht bereits nach alternativen juristischen und politischen Hebeln, während sektorale Zölle – etwa auf Metalle oder strategisch wichtige Industrien – bestehen bleiben oder neu justiert werden.

Für Unternehmen ist genau diese Unsicherheit oft gravierender als der Zollsatz selbst. Wenn unklar bleibt, welche Regeln in einigen Monaten gelten, werden Investitionen vorsichtiger geplant, Lieferketten breiter abgestützt und Margen konservativer kalkuliert.

Warum das für die Schweiz besonders wichtig ist

Für die Schweiz ist diese neue Phase besonders relevant. Denn ausgerechnet der wichtigste Exportsektor des Landes – die Pharmaindustrie – ist zuletzt stärker in den Fokus der US-Handelspolitik geraten. Zum Jahrestag des "Liberation Day" kündigte die US-Regierung neue Zölle auf bestimmte importierte, patentgeschützte Medikamente an. Für die Schweiz gilt dabei zwar nicht der Maximalsatz von 100 Prozent, sondern ein reduzierter Satz von bis zu 15 Prozent. Zudem sind Generika und Biosimilars vorerst ausgenommen.

Dennoch ist die Entwicklung für die Schweiz bedeutend. Die USA sind der wichtigste Absatzmarkt für Schweizer Pharmaunternehmen, und die zwei Pharma-Schwergewichte Roche und Novartis machen einen erheblichen Teil der SMI-Marktkapitalisierung aus. Damit ist die Branche nicht nur exportwirtschaftlich wichtig, sondern auch für die Entwicklung des Schweizer Aktienmarkts.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Der Sektor verfügt über strategischen Spielraum. Roche und Novartis haben bereits Ende 2025 Vereinbarungen mit der US-Regierung getroffen, die Investitionen in den USA mit zeitweisen Zollentlastungen verknüpfen. Das zeigt, dass es nicht nur um Handelshemmnisse geht, sondern zunehmend auch um die Frage, wo künftig produziert, investiert und geforscht wird.

Für Anleger ist das zentral: Es geht weniger um einen akuten Schock für die Branche als um die längerfristige Verschiebung von Investitionen, Produktionskapazitäten und Margen zwischen den USA und Europa. Die Schweiz bleibt in diesem Umfeld gut positioniert, steht aber stärker als bisher im Spannungsfeld zwischen Standortpolitik, globalen Lieferketten und US-Industriestrategie.

Auch für die EU gilt: Der transatlantische Handel ist nicht eingebrochen – aber politisch und regulatorisch wieder anspruchsvoller geworden.

Fazit

Ein Jahr nach Trumps "Liberation Day" ist die Bilanz klarer als viele Schlagzeilen: Die Zölle haben den Welthandel nicht zurückgedreht, sondern umgeleitet. China verlor direkt an Bedeutung, das amerikanische Handelsdefizit blieb aber gross. Europa und die Schweiz profitierten zunächst von Ausweich- und Vorzieheffekten – stehen nun jedoch vor einer neuen Phase politischer und regulatorischer Unsicherheit.

Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.