Dunkle Wolken über der Chipindustrie

Analysen
Analysen

VZ Analyse

Die enorme Nachfrage nach Hochleistungschips durch Anwendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz treibt die Branche an. Gleichzeitig entstehen im Hintergrund neue Risiken – das betrifft auch Schweizer Aktien.

Publiziert vor 10 Stunden

Autor

Florian Estermann

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

KI-Boom treibt Nachfrage

Die Aktien von Halbleiterunternehmen zählen zu den grössten Gewinnern des aktuellen KI-Booms – alleine in der Schweiz haben Branchenzulieferer wie VAT, Comet und Inficon seit Jahresbeginn zwischen 41 und 56 Prozent zugelegt. Technologiekonzerne und Start-ups investieren Milliarden in neue Modelle und die dafür nötige Infrastruktur. Ein grosser Teil dieser Mittel fliesst in Rechenzentren – und damit direkt in Hochleistungschips.

Die Bedeutung der Branche hat entsprechend stark zugenommen. Halbleiter sind zu einem zentralen Baustein der digitalen Wirtschaft geworden, was die kurzfristigen Aussichten stützt. Doch der Aufwärtstrend steht auf einem fragilen Fundament.

Geopolitik belastet Lieferketten – Helium wird zum Flaschenhals

Der Iran-Kriegsetzt die globalen Lieferketten unter Druck. Höhere Energiepreise verteuern die Produktion, gestörte Transportwege erschweren die Versorgung mit Rohstoffen.

Ein Schlüsselfaktor rückt dabei zunehmend in den Fokus: Helium. Das Edelgas ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Chipfertigung. Es wird eingesetzt, um stabile Temperaturen bei der Bearbeitung von Siliziumwafern sicherzustellen. Ohne Helium lassen sich zentrale Produktionsschritte nicht zuverlässig durchführen. Damit trifft die aktuelle Krise die Branche an einem empfindlichen Punkt.

Ein grosser Teil des globalen Heliumangebots stammt aus Katar. Die Anlage Ras Laffan liefert rund 30 bis 35 Prozent der weltweiten Produktion. Das verflüssigte Gas wird in spezialisierten Behältern per Schiff in die grossen Halbleitermärkte transportiert. Ein wesentlicher Teil dieser Transporte führt durch die Strasse von Hormus. Genau dieser Transportweg ist derzeit blockiert. Gleichzeitig haben Angriffe auf Produktionsanlagen das Angebot zusätzlich und zeitlich unabhängig vom laufenden Konflikt reduziert.

Die Auswirkungen sind deutlich sichtbar: Die Heliumpreise haben sich am Spotmarkt teilweise mehr als verdoppelt. Für die Halbleiterindustrie bedeutet dies steigende Kosten und wachsende Unsicherheit bei der Versorgung.

Produktion vorerst stabil – Abhängigkeit als strukturelles Risiko

Noch ist die Lage unter Kontrolle. Unternehmen wie TSMC, Samsung oder SK Hynix verfügen über Lagerbestände, die ihre Produktion für mehrere Monate sichern. Kurzfristig drohen daher keine flächendeckenden Produktionsausfälle.

Diese Reserven sind jedoch begrenzt. Hält die Störung länger an, verschärft sich die Situation spürbar. Hinzu kommt, dass beschädigte Anlagen und unterbrochene Lieferketten nicht rasch wiederhergestellt werden können. Selbst bei einer Entspannung der geopolitischen Lage dürfte die Normalisierung Zeit benötigen. Damit kann aus einem Kostenproblem rasch ein operatives Risiko werden.

Die Halbleiterindustrie gehört zu den grössten Abnehmern von Helium weltweit. Gleichzeitig ist das Gas nur schwer ersetzbar. Technische Alternativen sind in der Chipproduktion oft nicht gleichwertig oder kurzfristig einsetzbar.

Die aktuelle Entwicklung legt eine strukturelle Schwäche offen: Die Versorgung mit einem kritischen Rohstoff ist stark konzentriert und anfällig für geopolitische Störungen. Zwar versuchen Unternehmen, ihre Beschaffung breiter aufzustellen und Lagerbestände aufzubauen. Eine echte Unabhängigkeit ist kurzfristig jedoch kaum erreichbar.

Was das für Anleger bedeutet

Der KI-Boom bleibt ein zentraler Wachstumstreiber für die Halbleiterindustrie. Der Heliumengpass zeigt jedoch, wie anfällig die Produktionsketten sind.

 

Kurzfristig bleibt die Situation beherrschbar. Mittel- bis langfristig steigen jedoch die Risiken. Für Anleger ergibt sich ein differenziertes Bild: Während Halbleiterunternehmen unter zunehmendem Kostendruck stehen, könnten Produzenten und Händler von Helium profitieren.

Der unscheinbare Rohstoff wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die weitere Entwicklung der Chipindustrie. Die Titel von Unternehmen aus der Halbleiterindustrie in der Schweiz liegen seit Jahresstart klar vor dem SPI. Auch für diese Titel könnte die Abhängigkeit von Helium jedoch zunehmend zur Belastungsfrage werden.

Disclaimer: Alle Angaben ohne Gewähr. Bei den aufgezeigten Informationen handelt es sich um Werbung gemäss Art. 68 FIDLEG.