Dieses Börsenphänomen widerspricht der Finanzlogik

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VZ Analyse

Es ist eines der grundlegendsten Gesetze der Finanzwelt: Wer hohe Renditen will, muss hohe Risiken in Kauf nehmen. Doch ausgerechnet eines der verlässlichsten Marktphänomene stellt dieses Dogma auf den Kopf.

Publiziert 24. Febr. 2026

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Pferderennbahn. Doch diesmal siegen nicht die hochgezüchteten Vollblüter, sondern ein paar unscheinbare Arbeitspferde. Genau dieses überraschende Bild liefert die Börse: "gemütliche" Aktien mit geringen Kursschwankungen schneiden über lange Zeiträume besser ab als die temperamentvollen Kursraketen. Wie kann das sein?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf ein fundamentales Finanzmass: das Beta. Es zeigt, wie stark eine Aktie auf Marktbewegungen reagiert. Ein Wert von 1 bedeutet: Das Papier läuft im Gleichschritt mit dem Gesamtmarkt. Ein Beta unter 1 signalisiert ein defensiveres Verhalten: Steigt oder fällt der Markt um 10 Prozent, bewegt sich die Aktie vielleicht nur um 5 Prozent. In der Fachsprache spricht man in diesem Fall von Low Beta. 

Nach klassischer Finanztheorie müssten solche "ruhigen" – und daher risikoärmeren – Titel langfristig geringere Renditen erzielen als die sensitiveren, riskanteren Titel. Doch die Praxis erzählt eine andere Geschichte. Low‑Beta‑Aktien erzielen häufig höhere Renditen als ihre dynamischeren Pendants – bei deutlich geringeren Schwankungen. In Haussephasen bleiben sie zwar hinter den Kursraketen zurück, dafür federn sie in Abschwüngen die Verluste spürbar ab. Über mehrere Marktzyklen hinweg haben diese stabileren Titel daher oft die Nase vorn.

Warum passiert nicht das Offensichtliche?

Warum strömt also nicht das gesamte Anlegerkapital in diese vermeintlich überlegenen, risikoarmen Renditebringer, bis der Vorteil verpufft? Die Gründe dafür liefern tief verwurzelte Marktmechanismen:

  • Der Hebel-Ersatz: Viele Profi-Investoren wie Pensionskassen dürfen keine Kredite aufnehmen, um ihre Rendite zu steigern. Um ihre Ziele dennoch zu erreichen, nutzen sie High-Beta-Aktien als "natürlichen Hebel". Die hohe Nachfrage treibt die Kurse der volatilen Titel nach oben – und drückt deren künftige Renditeerwartung. Low-Beta-Titel bleiben dagegen günstig.
  • Der Lotterie-Effekt: Viele Anleger neigen dazu, auf "spannende" Aktien zu setzen, auf Titel mit hohen potenziellen Gewinnen. Solche lotterieähnlichen Aktien zeichnen sich häufig durch ein hohes Beta aus. Die Forschung zeigt allerdings: Je stärker die Begeisterung am Markt für diese oft sehr prominenten Titel, desto grösser tendenziell die Überbewertung. Und je stärker die Überbewertung, desto schlechter fallen später in der Regel die Renditen aus.
  • Der Benchmark-Faktor: Fondsmanager werden monatlich oder quartalsweise an ihrem Vergleichsindex gemessen. In einer starken Hausse wirken Low‑Beta‑Aktien wie ein Ballast, der die eigene Performance relativ zur Benchmark drückt. Um nicht hinter Konkurrenten und Benchmark zurückzufallen, neigen daher viele Profis dazu, defensive Titel unterzugewichten oder ganz zu meiden. Diese systematische Vernachlässigung führt dazu, dass Low‑Beta‑Aktien unterbewertet und damit attraktiver bleiben.

Ein entscheidender Schlüssel liegt ausserdem in der Substanz: Low-Beta-Aktien sind überdurchschnittlich oft Qualitätsunternehmen – profitabel, solide finanziert und verlässlich geführt. High-Beta-Titel hingegen bergen tendenziell manche Eigenschaften von "Junk-Stocks" – etwa mangelnde Profitabilität, hohe Verschuldung oder eine erhöhte Anfälligkeit für negative Überraschungen. Wer auf ein niedriges Beta setzt, kauft also indirekt oft hohe Qualität.

Was heisst das für Privatanleger?

Die "Low-Beta-Ackergäule" mögen in euphorischen Börsenphasen langweilig wirken. Doch ihre Beständigkeit sorgt auf der Langstrecke für das bessere Ergebnis. In einer Welt, die permanent dem nächsten Hype hinterherjagt, wirkt das Festhalten an defensiver Qualität fast schon wie ein revolutionärer Akt.  

Das heisst nicht, dass Anleger jetzt sofort massiv in Low-Beta-Titel umschichten sollen. Vielmehr sind die Low-Beta-Anomalie und die möglichen Ursachen eine Einladung, das eigene Investmentverhalten zu überdenken. Sind viele Lotterietitel im Portfolio? Hat die Jagd nach dem "Gewinner von morgen" schon mehr als einmal in einer Sackgasse teurer Risiken geendet?

Dann könnte es sein, dass eine simple Indexstrategie die bessere Wahl ist. Ein breiter Marktindex vereint das Beste aus beiden Welten: Er enthält die dynamischen Wachstumswerte für die Rallye-Phasen, sichert dem Anleger aber gleichzeitig die Renditen der "gemütlichen Ackergäule" – jener robusten Titel, die im Hintergrund unaufgeregt Werte schaffen.

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