Dieser versteckte Iran-Faktor gefährdet auch Schweizer Unternehmen

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VZ Analyse

Während sich die Aufmerksamkeit auf Ölpreise und globale Lieferwege richtet, baut sich im Verborgenen eine weitere Gefahr auf, die kaum jemand auf dem Radar hat – mit potenziell gravierenden Folgen auch für Schweizer Unternehmen.

Publiziert 18. März 2026

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Während Analysten und Kommentatoren über Ölpreise und blockierte Frachtrouten debattieren, läuft im Hintergrund ein Countdown, den kaum jemand wahrnimmt. Es geht nicht um Öl. Es geht um ein farb- und geruchloses Gas, das in keinem Rohstoff‑ETF vertreten ist, keinen eigenen Futures‑Markt besitzt – und ohne das weder moderne Chipfabriken noch MRT‑Geräte betrieben werden können: Helium.

Katar – genauer gesagt die Anlage Ras Laffan – liefert 30 bis 35 Prozent der weltweiten Heliumproduktion. Das verflüssigte Gas wird in hochspezialisierten Kryobehältern (ISO‑Containern, gekühlt auf –269 °C) per Schiff zu Abnehmern transportiert, beispielsweise zu Halbleiterwerken in Taiwan und Südkorea sowie zu Forschungsinstituten in Europa. Der einzige maritime Ausfahrtsweg führt durch die Strasse von Hormus – und diese ist derzeit de facto blockiert.

Hält diese Situation an, könnte sie für jene Unternehmen zur Belastung werden, die Helium in ihren Produktionsprozessen nicht oder nicht schnell ersetzen können – dazu zählen auch Schweizer Firmen. 

Zwei Faktoren verschleiern das Risiko:

  • Erstens: Für bestimmte Prozesse existieren praktikable Alternativen zu Helium. In der Gas-Chromatographie, wie sie etwa Givaudan in der Qualitätskontrolle nutzt, lassen sich anstelle von Helium Wasserstoff oder Stickstoff als Trägergas einsetzen. Die Umstellung kostet Zeit und Geld, führt aber nicht zu einem Stillstand der Produktion.
  • Zweitens: Konzerne wie Roche und Novartis haben in der Regel langfristige Lieferverträge mit globalen Distributoren wie Linde oder Air Liquide, die auf diversifizierte Quellen etwa in den USA oder Afrika zurückgreifen. Insofern verfügen diese Unternehmen über einen gewissen Schutz gegenüber Preissteigerungen.

Doch dieses Polster ist nicht unbegrenzt. Und das Risiko eines länger andauernden, vielleicht sogar monatelangen Stillstands der Strasse von Hormus wird von vielen Investoren ausgeblendet.

Hier eine Übersicht, welche Schweizer Unternehmen bei einem Heliumengpass besonders exponiert wären:

Die Pharma-Schwergewichte

Für Roche und Novartis ist Helium ein kritisches Infrastrukturmedium. Die supraleitenden Magnete ihrer NMR‑Spektrometer – also Magnete, die dank extrem tiefer Temperaturen völlig ohne elektrischen Widerstand arbeiten – sind zentrale Werkzeuge der Wirkstoffforschung und müssen regelmässig mit flüssigem Helium befüllt werden. Moderne Anlagen reduzieren den Verbrauch durch Rückgewinnungssysteme, eliminieren ihn aber nicht vollständig.

Steigen die Preise in einem anhaltenden Engpass auf ein Mehrfaches des Normalniveaus, steigen auch die entsprechenden Betriebskosten massiv in die Höhe. Zudem droht bei Lieferausfällen ein sogenannter Quench – der Verlust der Supraleitung, dessen Behebung teuer und zeitintensiv ist.

Für Grosskonzerne wie Roche und Novartis ist eine Helium-Mangellage zwar kein akutes Krisenrisiko, aber ein unterschätztes operatives Risiko bei einer länger anhaltenden Knappheit. Beide Unternehmen verfügen jedoch über die Ressourcen, gegenzusteuern – die Frage ist, zu welchem Preis.

Die Pharma-Auftragsfertiger 

Bei spezialisierten Auftragsherstellern für die Pharmaindustrie – wie Lonza, Bachem, Siegfried und PolyPeptide – ist die Risikolage schärfer als bei den grossen Pharmakonzernen. Dies liegt an ihrer Rolle als Dienstleister: Sie produzieren Wirkstoffe im Auftrag ihrer Kunden und sind für deren rechtlich bindende Freigabe verantwortlich.

Die sogenannte Kernspinresonanz-Spektroskopie (NMR) ist dabei kein optionales Hilfsmittel, sondern ein in den Zulassungsunterlagen festgeschriebenes Instrument der Qualitätskontrolle, weshalb eine substanzielle Abhängigkeit von flüssigem Helium besteht. Produziert ein Auftragsfertiger Peptide oder Biologika im Wert von mehreren Millionen Franken, kann ohne diese Analyse keine Freigabe erfolgen.

Ein Heliumengpass stellt daher ein Risiko für die Quartalsergebnisse dar: Er führt eventuell zu operativen Lieferstopps – ein prozessbedingtes Risiko, das oft unterschätzt wird.

Halbleiter & Elektronikfertigung

Cicor Technologies ist operativ ebenfalls direkt betroffen. Das Unternehmen produziert hochzuverlässige Mikroelektronik für Medizintechnik, Luft‑ und Raumfahrt sowie Verteidigung. Dichtigkeitstests mit Helium sind auch hier kein optionaler Prozessschritt, sondern ein integraler Bestandteil der zertifizierten Qualitätskontrolle. Kommt es zu Unterbrechungen in der Gasversorgung, trifft das die Produktionsplanung sofort – und in einem Auftragsfertigungsgeschäft mit traditionell engen Margen gibt es praktisch keinen Puffer, um solche Störungen abzufangen.

ams OSRAM ist als Betreiber eigener Halbleiterfabriken physisch auf Helium angewiesen. Es dient als unverzichtbares Kühlmedium für die Wafer-Halterungen (Chucks) während der Belichtung und als Schutzgas in den Ätzprozessen. Da die thermische Stabilität der Siliziumscheiben ohne Helium nicht gewährleistet werden kann, führt ein Versorgungsengpass zum Produktionsstopp. Das Unternehmen befindet sich in einer kritischen Restrukturierungsphase. Nachrichten über produktionsbedingte Stillstände könnten das Vertrauen der Anleger in den Turnaround untergraben und die Kursvolatilität anheizen.

Was heisst das für Privatanleger?

Die Kausalität ist eindeutig: Hormus‑Blockade → Heliumengpass → mögliche Produktionsprobleme in High‑Tech‑ und Life‑Sciences‑Industrien. Der entscheidende Unterschied zu den vielbeachteten Rohstoffen Öl und Gas liegt im Zeithorizont. Während die Märkte bei Öl und Gas innerhalb von Stunden reagieren, vollzieht sich die Preisbildung im Hinblick auf Helium deutlich langsamer. Helium – ein Spezialgas, das in keinem Bloomberg‑Ticker auftaucht – wird oft erst über Wochen bis Monate hinweg eingepreist. Genau in dieser zeitlichen Verzögerung liegt für aufmerksame Anleger die Chance – und für unaufmerksame das Risiko.

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