VZ Analyse
Viele der solidesten Unternehmen werden an den Börsen systematisch unterschätzt. Eine unscheinbare Kennzahl liefert jedoch Hinweise darauf, wo sich ein genauer Blick besonders lohnt.
Publiziert 29. Apr 2026
Beschreibung
An den Aktienmärkten zeigt sich ein bemerkenswert konstantes Muster: Solide, nachhaltig profitable Unternehmen werden oft unterschätzt, während finanziell schwächere, risikoreichere Firmen nicht selten zu optimistisch bewertet werden. Dieses Phänomen ist in der kapitalmarktwissenschaftlichen Forschung gut belegt – insbesondere im Kontext sogenannter Qualitätsfaktoren.
Angesichts dieser systematischen Fehleinschätzungen stellen sich viele Investoren die Frage, wie sich Qualität überhaupt zuverlässig identifizieren lässt. Eine der einfachsten und überzeugendsten Antworten liefert die Forschung von Robert Novy-Marx. Im Mittelpunkt steht dabei eine Kennzahl, die sich als überraschend robust und gewinnträchtig erwiesen hat: die Bruttorentabilität.
Die Formel dafür lautet: Bruttorentabilität = Bruttogewinn / Gesamtvermögen (Total assets)
Neben seiner Einfachheit bietet dieser Ansatz im Gegensatz zu anderen Methoden zur Identifikation von Qualität weitere entscheidende Vorteile:
• Fokus auf das Kerngeschäft: Durch die Nutzung des Bruttogewinns wird die reine Preissetzungsmacht und Effizienz des Geschäftsmodells gemessen, bevor Marketing-Budgets oder Steuereffekte das Bild verzerren.
• Unabhängigkeit vom Leverage: Da das Gesamtkapital im Nenner steht, kann ein Unternehmen seinen Score nicht durch eine hohe Verschuldung aufblähen. Es zählt nur, wie viel Ertrag aus jedem investierten Franken an Vermögenswerten generiert wird.
Die ökonomischen Kraftpakete im SPI
Wendet man diesen harten Qualitätsfilter auf den Schweizer Aktienmarkt an, rücken Unternehmen in den Fokus, die eine hohe operative Kraft besitzen. Diese Titel zeigen oft eine Preissetzungsmacht, die weit über den Herstellungskosten liegt, oder eine Asset-Basis, die extrem effizient genutzt wird.
Hier sind fünf aktuelle Spitzenreiter nach der Novy-Marx-Methode (es wurden nur Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von mindestens 500 Millionen Franken berücksichtigt):
1. Kuros Biosciences: Ein Paradebeispiel für die Stärke dieser Formel. Während hohe Forschungs- und Entwicklungskosten den Nettogewinn belasten könnten, offenbart die Kennzahl von Novy-Marx die enorme Profitabilität des Kernprodukts (Knochenersatz). Die Bruttomarge ist hier der Indikator für einen technologischen Vorsprung.
2. Basilea Pharmaceutica: Als Biopharma-Unternehmen profitiert Basilea von Medikamentenverkäufen mit strukturell sehr niedrigen Herstellungskosten. Dies führt zu einer hohen Bruttorentabilität pro eingesetztem Franken Kapital.
3. Mobilezone: Der Dienstleister beweist, wie "Asset-light"-Modelle glänzen können. Mit vergleichsweise wenig Anlagevermögen erzielt Mobilezone hohe Erträge, was zu einem sehr guten Verhältnis von Gewinn zu Kapital führt.
4. dormakaba: Durch konsequente Preissetzungsmacht bleibt die Bruttomarge stabil. Die Formel zeigt hier direkt, dass die Marke dormakaba am Markt einen Aufpreis verlangen kann.
5. Kardex: Der Spezialist für Logistik-Automatisierung nutzt skalierbare Softwarelösungen, um den Bruttogewinn zu steigern, ohne die Bilanzsumme proportional erhöhen zu müssen.
Allerdings ein Wort der Vorsicht: Die Kennzahl ist kein Selbstläufer, sondern ein bewusst vereinfachtes Modell – mit Schwächen, die Anleger kennen sollten:
- Vergangenheitsorientierung: Die Kennzahl basiert auf historischen Daten und garantiert keine künftigen Erfolge.
- Brancheneffekte: Kapitalintensive Sektoren haben strukturell oft niedrigere Werte als Software- oder Luxusgüter-Unternehmen.
- Keine Bewertungskomponente: Der Score zeigt, ob ein Unternehmen gut ist – aber nicht, ob die Aktie aktuell zu teuer bewertet ist.
Was heisst das für Privatanleger?
Für die praktische Umsetzung empfiehlt sich ein Einsatz der obigen Kennzahl vor allem als effizientes Screening-Tool. Sie ist ein grobes Werkzeug, kein Skalpell – die Methode liefert eine fokussierte Liste von qualitativ soliden Kandidaten, die anschliessend einer vertieften Analyse unterzogen werden sollten. Der Zweck der Kennzahl ist nicht die finale Investmententscheidung, sondern die Vorauswahl: eine konzentrierte Liste von Unternehmen, die durch fundamentale Qualität auffallen und eine vertiefte Analyse verdienen.
Gerade im Schweizer Aktienmarkt – geprägt von vielen diszipliniert geführten, margenstarken Unternehmen – kann dieser Filter wertvolle Einsichten liefern. Wer ihn klug einsetzt und um qualitative Analyse sowie Bewertungsüberlegungen ergänzt, verschafft sich einen Vorteil gegenüber Investoren, die rein narrativ getriebene Investmententscheidungen treffen.
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