Die magischen 7 Monate: Laut Statistik beginnt bald eine grosse Kurs-Rally

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Ein erstaunlich hartnäckiges Muster sorgt seit acht Jahrzehnten für Verwunderung – und für Renditen, die kaum jemand erwartet.

Publiziert vor 6 Stunden

Autor

Patrick Herger

Funktion Anlageexperte

Beschreibung

Immer im Oktober des zweiten Amtsjahres eines US-Präsidenten setzt der S&P 500 zu einem Sprint an, der so konstant und kraftvoll wirkt, dass er selbst notorische Skeptiker ins Grübeln bringt. Sieben Monate lang, bis zum darauffolgenden April, steigen die Kurse im historischen Durchschnitt stärker als in jeder anderen Phase des Präsidentschaftszyklus. Es ist ein Muster, das sich über acht Jahrzehnte erstaunlich zuverlässig wiederholt hat.

Noch bemerkenswerter sind die Dimensionen dieser Überrenditen. Wer in den vergangenen 80 Jahren jeweils nur in diesen sieben „guten“ Monaten investiert hätte – und den Rest der Zeit schlicht in Bargeld verweilte – hätte aus 10'000 Dollar vom März 1945 bis Februar 2026 rund 220'000 Dollar gemacht. Die restlichen 41 Monate pro Zyklus waren keineswegs schlecht – sie hätten im gleichen Zeitraum aus 10'000 Dollar etwa 232'000 Dollar gemacht. Doch sie benötigten dafür eine sechsfach längere Zeitspanne.

Wie lukrativ dieses saisonale Muster bisher war, zeigt die folgende Grafik:

In der Amtszeit von Joe Biden beispielsweise legte der S&P 500 in den sieben Supermonaten (von Anfang Oktober 2022 bis Ende April 2023) um 16 Prozent zu. Es gab nur zwei Fälle, in denen die entscheidenden sieben Monate keine positive Rendite einbrachten. Das eine Mal betrifft die Jahre 1978/1979. Damals herrschte eine hohe Inflation und die US-Zentralbank wollte mit drastischen Zinssteigerungen die Konjunktur abbremsen. Der einzige andere Sonderfall in den letzten 80 Jahren stellt die erste Amtszeit von Donald Trump dar.

Die Anatomie eines Phänomens: Zufall oder Kalkül?

Trotz der zwei Ausnahmen: Angesichts der beeindruckenden Datenreihe drängt sich die Frage nach dem "Warum“ auf. Ist der Präsidentschaftszyklus ein verlässlicher Kompass für Anleger oder lediglich eine optische Täuschung im Rückspiegel der Geschichte? In der Fachwelt lassen sich die Erklärungsversuche in drei Lager einteilen.

1. Das Lager der Skeptiker: Die Macht der kleinen Zahlen

Eine Fraktion erfahrener Marktbeobachter warnt vor Überinterpretation. Ihr Argument: Acht Jahrzehnte wirken historisch zwar gewichtig, umfassen in der Realität jedoch nur 20 Präsidentschaftszyklen – statistisch gesehen eine kleine Stichprobe. Nach dieser Lesart handelt es sich beim Präsidentschaftszyklus an der Börse um eine zufällige Korrelation – ein Phänomen ohne zugrunde liegenden Zusammenhang. Sollte diese Annahme zutreffen, wäre das Muster ein statistisches Artefakt, das jederzeit in sich zusammenbrechen könnte.

2. Die politökonomische These: Stimulus auf Knopfdruck

Dem gegenüber steht die Theorie der gezielten Wahlbeeinflussung. Historische Wahlanalysen zeigen immer wieder: Das US-Stimmvolk ist vergesslich. Oft entscheiden nicht die Erfolge der gesamten Amtszeit, sondern die wirtschaftliche Verfassung in den sechs Monaten unmittelbar vor dem Urnengang.

Ein amtierender Präsident, der seine Wiederwahl (oder, in seiner zweiten Amtszeit, den Erfolg seiner Partei) sichern will, muss daher die Konjunktur genau zum richtigen Zeitpunkt unter Strom setzen. Da wirtschaftspolitische Massnahmen – ob Steuersenkungen oder Infrastrukturprogramme – eine Verzögerungszeit von 12 bis 18 Monaten haben, liegt der optimale Startpunkt für diesen fiskalischen Turbo im vierten Quartal des zweiten Amtsjahres. Während die reale Wirtschaft nur langsam Fahrt aufnimmt, antizipiert die Börse als diskontierende Zukunftsmaschine den Aufschwung sofort. Die Folge: Der "Sprint" der Kurse beginnt exakt dann, wenn die politischen Weichen gestellt werden.

3. Die strukturelle Komplexität: Ein Orchester der Kräfte

Vielen Analysten greift die Theorie des "allmächtigen Präsidenten“, der die Wirtschaft punktgenau steuert, jedoch zu kurz. Sie sehen das Muster eher als Ergebnis eines komplexen Bündels struktureller Faktoren, die von der Fiskalpolitik über die Prioritäten der Verwaltung bis hin zur geldpolitischen Ausrichtung der Zentralbank reichen. Der Präsidentschaftszyklus wäre demnach nicht das Resultat einer zentralen Planung, sondern das synergetische Nebenprodukt eines Systems, das alle vier Jahre auf denselben Taktgeber reagiert.

Der Präsidentschaftszyklus bleibt als wiederkehrendes Muster faszinierend und als politökonomisches Narrativ überzeugend – Anleger sollten allerdings im Hinterkopf behalten, dass er auch nichts als ein statistisches Artefakt sein könnte. Sein wahrscheinlich grösster Wert liegt deswegen nicht in der blinden Befolgung, sondern als Anregung zu Reflexion: Er erinnert uns daran, dass Märkte nie in einem politischen Vakuum operieren und dass Börsenzyklen oft dort beginnen, wo politische Entscheidungen und kollektive Erwartungen ineinandergreifen.

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